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 Kapitel XVI - Fort Drakon

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Allie
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BeitragThema: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:17 am

Denerim

Kapitel XVI - Fort Drakon


Aktive Charaktere: Azoth, (Hennrik), Leanora, Lydia, Miandra, Rowan, Sareth, Vernita

Vernita saß die ganze Nacht über scheinbar bewegungslos auf ihrem Stuhl. Sie sah zu, wie sich die anderen nach und nach hinlegten und einschliefen, doch sie selbst tat das nicht. Sie konnte es nicht.
So saß sie einfach auf ihrem Stuhl. Völlig regungslos und mit versteinerter Miene. Nur ihre Augenlider schlugen regelmäßig auf und zu. Und nur daran konnte man in diesen Momenten erkennen, dass es sich bei der Elfe tatsächlich um ein lebendes Wesen handelte. Wie gebannt starrte sie auf eine der Kerzen. Und obwohl der Raum keine Fenster besaß, durch die sie hätte nach draußen sehen können, wusste Vernita genau, wie spät es war. Sie hatte schon oft in einer solchen Situation gesteckt, hatte so manche Nacht in einem dunklen Kellerloch verbracht und auf den nächsten Morgen gewartet. Die Kerze würde ihr sagen, wann es soweit war, dass sie aufbrechen mussten. Denn sie wusste genau, wie lange eine Kerze brauchte, um herunterzubrennen. Somit konnte sie sich genau ausrechnen, wie lange sie in diesem Versteck verbleiben mussten, bis der große Tag endlich gekommen war.
Vernita dachte nicht nach. Im Gegenteil. Sie war dabei ihren Kopf zu leeren, ihn von allen überflüssigen Gedanken zu befreien, damit sie sich voll und ganz auf ihre morgige Aufgabe konzentrieren konnte. Das machte sie jedes Mal vor einem großen Einsatz und hatte dementsprechend Übung darin. Doch heute fiel ihr das besonders schwer. Zuviel Persönliches haftete dieser Operation an. Doch sie durfte sich davon nicht beirren lassen. Diese Befreiungsaktion durfte einfach nicht scheitern. Und wenn sie jeden der anderen opfern musste, so würde sie es tun, wenn sie Miandra dafür retten könnte. Das schwor sie sich in diesem Moment.
Nach und nach schaffte sie es, ihre Gedanken zu ordnen, kam der Profi in der Elfe zum Vorschein. Sie ging den Plan durch. Immer und immer wieder. Bis auch das irgendwann verblasste und ihren Kopf verließ. Nun war ihr Hirn leer, befreit von allem Ballast, der sie am nächsten Morgen nur behindern würde. Nicht einmal die Atemgeräusche ihrer Gefährten nahm sie in diesem Moment wahr. Ruhig und gelassen beobachtete sie weiter die Kerze, die vor ihr stand und weiter und weiter herunterbrannte.
Als diese schließlich zu einem kurzen Stummel geworden war, stand Vernita endlich auf. Es war soweit. Die Stunde der Wahrheit lag vor ihnen. Nun würde sich entscheiden, ob der Plan der Elfe gut war und wie viel ihre Gefährten tatsächlich taugten. Sie ging zu jedem einzelnen und weckte ihn auf.
„Wacht auf. Und zieht Euer Kleid an. Es geht los“, meinte sie zu Leanora.
„Ich hoffe, Ihr seid bereit für Euren Einbruch, Rowan“, sagte sie zu der blonden Frau.
„Ihr beide denkt hoffentlich daran, nur Zivilkleidung zu tragen“, mahnte sie Lydia und Sareth, wobei sie noch zu dem Söldner meinte. „Und lass deinen Speer hier. Die Waffe der Stadtwache muss dir genügen. Ich hoffe, du kannst damit umgehen.“
„Für Euch wird es auch Zeit alter Mann“, weckte sie Hennrik nur knapp, bevor sie sich wieder an alle wandte. „Wenn einer noch was essen will, dann soll er es gleich tun und sich beeilen. Wir brechen bald auf.“


Leanora schälte sich aus ihrer Decke und gähnte ausgiebig. Sie hatte wider Erwarten relativ gut geschlafen und fühlte sich auch ziemlich ausgeruht. Schnell wusch sie das Gesicht mit Wasser, befreite ihre Frisur aus dem Haarnetz und steckte eine Locke fest. So schön die Haarpracht war, aber ihre Kopfhaut spannte ziemlich durch die Haarnadeln.
Anschließend schlüpfte sie in ihr Kleid und bat Vernita, ihr bei den Knöpfen im Schulterbereich zu helfen. Es saß perfekt. In die Tasche wanderte ihr Fächer und die Phiole mit dem Gift, es sah aus wie ein kleiner Parfum-Flacon. Es roch ein wenig nach Bittermandel. Und war, wie Vernita ihr versicherte, absolut schnell wirkend.
Leanora aß etwas von den Nahrungsmitteln, die für die Gruppe hergebracht wurden. Zum Glück befand sich etwas Obst dabei, und ein Apfel sättigte und war auch in gewisser Weise durstlöschend.
Nachdem sie diesen vertilgt hatte, war sie richtig wach - und die Nervosität kam hoch. Hoffentlich würde ihr Plan klappen, und hoffentlich war es noch nicht zu spät.


Lydia blinzelte. Sie hatte hervorragend geschlafen. Sie setzte sich auf und streckte sich. Obwohl sie aufrecht auf der Liege saß, waren die Kissen und Decken drum herum doch ein recht hoher Stapel. Sie blickte sich um. Vernita war schon wach, Leanora ebenso.
„Guten Morgen“, lächelte sie verschlafen und rieb sich die Augen. „Ich hoffe ihr habt gut geschlafen“, sagte sie weiter und stand auf. Zeit sich auf den Tag vorzubereiten - ein wahrscheinlich harter und grausamer Tag. Sie ging durch den Raum zu ihrem Gepäck, welches sie in einer Ecke abgestellt hatte. Sie knackste mit den Fingern und nahm eines ihrer kleinen flachen Messer heraus, welches sie sich in die Stiefel legte. Sie ging zurück zu ihrem provisorischem Bett ließ sich in die Kissen fallen.
Die Vorbereitungen waren nicht körperlich, mehr seelisch . Sie hasste es zu töten, Leben zu beenden, zu stehlen. Doch heute musste sie wahrscheinlich töten. Viel töten. Doch das war nicht das einzige was sie zum Denken bewegte. Ihr passte die Vorstellung nicht, von einer toten Oma als Gefangene in die Zitadelle gebracht zu werden. So wie sie aussah, könnte es sich Vernita jederzeit anders überlegen und sie dort einsperren lassen. Das gefiel ihr nicht. Wenn sie den Tag überleben würde, würde sie mit ihr wohl noch einmal reden.
Sie blickte zu Leanora um ihre Gedanken abzulenken. „Lea, du bist bezaubernd schön...“, sagte sie voller Bewunderung .


Leanora wurde durch Lydias Worte aus ihren Grübeleien aufgeschreckt.
Leicht errötend sah sie das Mädchen an: „Danke. Das ist heute aber auch das einzige Plus, was ich habe... und ich hoffe, dieser Kommandant ist weiblicher Schönheit zugänglich. Nicht, dass er am Ende Männer anziehend findet...“
Sie schmunzelte dabei, aber innerlich dachte sie sich, dass dies durchaus möglich sein konnte. Und dann wäre sie mitsamt ihrem Charme aufgeschmissen.


Vernita sah wie sich Lydia die Messer in die Stiefel steckte und sog daraufhin scharf die Luft ein. Ihr Gesicht verzog sich vor Zorn. Schnellen Schrittes ging sie zum improvisierten Bett des Mädchens, packte sie am Kragen und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige.
„Wenn ich dir sage, dass du dieses Gefängnis ohne Waffen betreten wirst, dann heißt das, dass du keine Waffen bei dir zu tragen hast, kapiert? Geht das nicht in deinen Schädel?“ zischte die Elfe böse, während sie in Lydias Stiefel griff und eins der Messer herauszog, welches sie dem Mädchen unter die Nase hielt. „Schon mal überlegt was passiert, wenn einer der Wachen dieses gute Stück bei dir findet? Und das du durchsucht wirst, bevor wir auch nur einen Fuß in diese Festung setzten, darauf kannst du Gift nehmen. Du wirst von mir schon eine Waffe bekommen, wenn es zum Kampf kommt, Kleines!“
Vernita nahm Lydia noch die übrigen Messer ab, bevor sie diese wieder ins Bett zurückwarf. „Und solltest du in dieser Festung nicht genau das tun, was ich dir sage, dann wirst du das Ende dieser Aufgabe garantiert nicht erleben. Verlass‘ dich drauf!“
Dann wandte sich die Elfe wieder an alle. „Na los. Beeilt Euch. Wir müssen los! Unsere Gefährten retten sich schließlich nicht von alleine, und wir haben schon genug Zeit vertrödelt!“


Rowan schulterte ihren Rucksack und ihren Bogen und blickte Hennrik an. Er zog sich seinen Umhang um und begab sich auf den Weg Richtung Ausgang. Gemeinsam verließen sie die Schmiede. Es war noch früh am Tag und auf den Straßen Denerims herrschte noch weitestgehend Leere. Die Karte hatte Rowan griffbereit in ihrer Rüstung stecken. Die beiden liefen zügig an den Stadtrand und folgten der Mauer bis zu dem Punkt, der auf der Karte eingezeichnet war.


Lydia fasste sich an die Wange. Sie war heiß und rot, doch schmerzte sie nicht wirklich. Vernita hatte gerade eine feine Grenze überschritten. Jetzt wurde Lydia wütend. Sie konnte Vernita von Anbeginn nicht ausstehen, doch nun war es blanker Hass der aus ihr sprach.
„Ihr... ! Ihr! Schrulliges altes Biest! Nicht nur, dass Ihr ausseht wie eine seit zehn Jahren tote Großmutter, die vom Vampir gebissen wurde, nein, Ihr kennt auch keine Gnade und kein Pardon! Von Freundlichkeit habt Ihr auch noch nichts gehört, und ich wette mit Euch um zehn Sovereigns, dass ihr nichts und niemanden liebt, außer das Töten, das brutale Schlachten!“
Lydia blickte die Elfe giftig an. „Euch soll doch der Blitz erschlagen!“
Damit drehte sie sich um und suchte sich ein dunkles Eck, was in einem solchen kleinen Raum recht schwierig war. Dort ließ sie sich an die Wand fallen und blickte ins Leere.


„Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht“
, murmelte Leanora leise.
Sie blickte Vernita fest in die Augen. „Von mir aus kann‘s los gehen. Möge der Erbauer uns gnädig sein.“
Dass sie vor Nervosität nicht wusste, ob sie nicht während des Weges noch ein paar Latrinen besuchen musste, verschwieg sie sicherheitshalber. Leanora zwang sich zur Ruhe, völlig aufgelöst dort anzukommen würde sicher auch nicht das Beste sein. Also versuchte sie, sich voll in ihre Rolle hineinzuversetzen.
Schnell nahm sie noch einige Münzen und fügte diese dem Inhalt ihrer Tasche hinzu.


„Ich bin überrascht, dass dir deine Eltern anscheinend keinen Respekt vor älteren Personen beigebracht haben, von denen du noch einiges lernen könntest. Aber auf dem Gebiet haben sie wohl vollends versagt, was?“
spottete Vernita, während sie die Arme vor der Brust verschränkte und Lydia hämisch grinsend anstarrte. „Aber das interessiert mich nicht. Du kannst mich auch ruhig soviel beleidigen, wie du willst. Ich habe schon weitaus Schlimmeres erlebt, als dass mich die Worte einer dreizehnjährigen Kröte wie dir treffen könnten. Es ist mir auch einerlei, ob du mich hasst oder nicht. Solange du mir Gehorsam zollst, sind mir deine Gefühle mir gegenüber völlig egal. Und über deine Verwünschungen kann ich nur lachen. Was glaubst du, wie viele Menschen, Elfen oder Zwerge mich schon verflucht haben. Und am Ende lagen sie doch röchelnd vor mir im Staub in einer Lache ihres eigenen Blutes. Falls du dich diesen Leuten anschließen willst, kann ich das gerne für dich arrangieren.“
Das Gesicht der Elfe verfinsterte sich, und ihr Grinsen verwandelte sich in eine wie versteinert wirkende Maske. „Allerdings mache ich mir Sorgen um deine Loyalität. Und ich frage mich, ob es überhaupt klug ist, dich mitzunehmen. Wenn du nicht in der Lage bist in dieser Festung meinen Anordnungen Folge zu leisten, dann bist du nicht nur völlig unnütz, sondern auch noch eine Gefahr für unser aller Leben. Und ich für meinen Teil werde mein Leben sicher nicht für so eine verzogene kleine Göre, die sich nicht imstande fühlt ein paar einfache Befehle auszuführen, aufs Spiel setzen. Und da bin ich sicher nicht die einzige, der es so ergeht.“
Vernitas Blick streifte kurz Sareth und Leanora, bevor sie wieder Lydia fixierte. „Also, was darf es sein, Kleine? Ordnest du dich nun unter, oder sollen wir dich verschnürt wie ein Paket hier zurücklassen? Schließlich könntest du uns ja verraten, so dass wir dich nicht einfach hier zurücklassen können, ohne dich zu fesseln oder gar zu töten. Nun, entscheide dich!“


„Ich tu‘ es nicht für Euch, glaubt mir! Ich werde tun, was ich tun muss, aber nicht für Euch! Glaubt mir, Ihr seid bei Weitem der ekelerregendste Mensch - oder zumindest seht Ihr nach einem aus - den ich je gesehen habe! Dass ich auch nur jemanden wie Euch anspreche, wäre ich nicht auf Euch angewiesen würde ich Euch einfach ignorieren! Und wenn Ihr mich töten wollt... hier stehe ich, unbewaffnet und ungeschützt. Macht, wenn Ihr wollt!“



„Mir reicht es mit dir, du vorlautes Rotzbalg“, schnaubte Vernita verärgert. „Ich habe keine Zeit dafür, mich mit dir zu streiten. Und da du dich meiner Autorität offenbar nicht beugen willst, lassen wir dich einfach hier.“
Die Elfe wandte den Kopf in Richtung des Söldners. „Sareth, würdest du mir bei der Fesselung dieser Göre helfen? Uns rennt die Zeit davon.“


„Was... wa... Ihr wollt mich?! Nein! Nicht mit mir Freunde!“ rief sie erschrocken.
„Wenn Ihr nicht wollt, dass ich mitkomme, dann sagt es! Ich werde auf Euch hören bis wir diesen Wahnsinn hinter uns haben. Versprochen!“
Sie blickte Vernita an. „Ich tue das nicht wegen Euch“, sagte sie und setzte sich auf ihre Matratze, streckte sich in Erwartung gleich fest verschnürt hierbleiben zu müssen - auch wenn sie mitkommen wollte, Vernita wäre wahrscheinlich dagegen.


„Ich hoffe, dass dein Versprechen auch etwas wert ist, Kleine“, erwiderte Vernita abfällig. „Denn solltest du es dir in der Festung anders überlegen, dann werde ich keine Zeit dafür haben, dich noch zu fesseln. Dann mache ich kurzen Prozess mit dir.“
Nun wandte sie sich wieder an alle. „Na, macht schon. Wir müssen los. Wir haben schon viel zu lange hier herumgetrödelt.“
Anschließend drehte sie sich um und ging durch den Geheimgang in den Keller.


Leanoras Blick ging während des Disputes zwischen Vernita und Lydia hin und her. Gerade als sie etwas sagen wollte, lenkten die beiden schließlich ein. Zum Glück, denn sie hätte nicht gewusst, was sie überhaupt sagen konnte, um diesen Streit zu schlichten. Sie verstand Vernita, dass Lydia ihr hier bedingungslos gehorchen musste, aber wie die Elfe hingegen mit Lydia umsprang, fand sie auch nicht in Ordnung.
Leise seufzte sie. Das konnte ja heiter werden. Wenn die beiden sich im Fort zu streiten begannen, wäre die Aufgabe aufgeschmissen, soviel war selbst Leanora klar.
Sie lächelte Lydia entgegen: „Nun komm schon. Schau, nicht mal ich bin bewaffnet. Es geht nicht anders.“
Andererseits wünschte sie sich, sie hätte wenigstens ihr Jagdmesser ins Strumpfband stecken können. Was, wenn der Kommandant handgreiflich wurde? Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Tatsache war, dass sie sich nicht wehren konnte, sollte das eintreten.
Sie blies die Kerzen aus, die noch brannten und folgte dann Vernita in den Geheimgang.


Zuletzt von Allie am Mi 17 Aug 2011, 10:55 am bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:18 am

Rowan und Hennrik waren nahe an Fort Drakon heran gekommen, dennoch weit genug entfernt, um keinen patrouillierenden Wachen zu begegnen.
Rowan sah noch einmal auf die Karte und trat dann nahe an einen Felsen heran. Hier musste es sein. Unter ihren Füßen floss ein kleines Rinnsal, welches aus dem Stein hervortrat. Es musste einmal größer gewesen sein, denn es hatte sich bereits ein leichtes Bett gebildet, in dem es sich seinen Weg suchte. Vorsichtig griff sie in die Efeuranken hinein und schob sie zu Seite. Vor ihr tat sich ein dunkles Loch auf, welches gerade einmal so hoch war, dass Rowan eintreten konnte, ohne sich bücken zu müssen. Für Hennrik würde es schwerer werden, er müsste seinen Kopf einziehen.
Einen kurzen Moment blieb sie vor dem Eingang stehen und schaute sich den Stein der Öffnung genau an. Nichts wies darauf hin, dass er in irgendeiner Weise verändert worden war.
Mit sachten Schritten, betrat sie den dunklen Gang. Unter ihren Füßen knirschte der Kies. Sie spürte, wie Hennrik hinter ihr ebenfalls den Eingang betrat. Eine Weile dauerte es, dann hatten sich ihre Augen an die Düsternis vor ihr gewöhnt. Der Lichtschein von draußen wurde beständig schwächer und bald hatte sie Probleme, den Weg vor sich ausreichend zu erkennen.
Sie blieb stehen und drehte sich zu dem Magier um.
„Wartet kurz. Ich muss erst Licht machen, bevor wir weiter gehen.“
Sie fing an, in ihrem Rucksack zu kramen, als vor ihr plötzlich ein gleißendes Licht entflammte. Sie fluchte laut auf und war für einen Moment blind, da sie genau in das Licht geschaut hatte. Als sie wieder etwas erkennen konnte, sah sie Hennrik vor sich stehen, der eine weiß leuchtende Kugel in seinen Händen hielt und grinste.
„Verdammt, Hennrik. Warnt mich das nächste Mal bitte vor!“
Rowan drehte sich zurück und schaute sich den Weg an. Der Felsen zu beiden Seiten war rau und feucht und hin und wieder konnte sie ein schmieriges Grün auf dem Stein entdecken. Der Gang wurde allmählich noch niedriger und Rowan konnte zwischendurch Hennrik leise hinter sich fluchen hören.
Sie trat eben vorsichtig um eine Biegung herum, als sie vor sich einen Tunnel erkennen konnte, der nicht natürlichen Ursprungs war. Das Rinnsal zu ihren Füßen verschwand links neben ihr im Felsen in einem faustgroßen Loch. Der Tunnel selber war nun künstlich erweitert worden.
Rowan ließ Hennrik in den Gang hineinleuchten, und betrachtete ihn genau. Auf dem Boden lag Unrat, der von Kleinnagern zu stammen schien. Wände aus Backsteinen säumten den Gang und es waren Fackelhalter eingelassen, die jedoch leer waren. Alles sah sehr gleichmäßig aus und war augenscheinlich schon länger nicht mehr benutzt worden. Sie unterzog den Boden vor sich einer genauen Untersuchung bevor sie den ersten Schritt auf die Steine tat. Hennrik wartete hinter ihr, bis sie ein paar Meter in den Tunnel hinein gegangen war und ihn zu sich winkte.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:28 am

Vernita, Sareth, Leanora und Lydia verließen gemeinsam die Schmiede. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, ein dunkler Schatten lag über der Stadt. In den Straßen Denerims herrschte noch gähnende Leere. So konnte Sareth die vier ziemlich zügig und vor allem ungesehen an den Ort führen, den er am gestrigen Tag für ihren Überfall ausgekundschaftet hatte.
Sie erreichten bald darauf die Kreuzung, die der Söldner auf der Karte markiert hatte. Vernita sah sich um. In der Gasse, welche die Patrouille entlang gehen würde, befand sich auch ein alter Schuppen. Das wäre doch ein schöner Ort, um die Leichen zu verstecken. Die Elfe näherte sich der Tür dieses Verschlages und öffnete sie. Sie war nicht verschlossen. Im Inneren lag jede Menge Gerümpel herum, darunter auch einige Fässer, die der Elfe ins Auge fielen. Ein Blick hinein zeigte ihr, dass diese leer waren.
„Perfekt“, meinte sie zu den anderen gewandt, die sich inzwischen zu ihr gesellt hatten. „Dort drinnen werden wir die Leichen verschwinden lassen. Da findet sie so schnell keiner.“
Die anderen nickten zustimmend, bevor Vernita wieder das Wort ergriff. „Lydia und Leanora. Wartet hier im Schuppen, bis Sareth und ich die Wachen überwältigt haben. Anschließend geht es los.“
Die Elfe verließ den Verschlag wieder, und Sareth folgte ihr, wobei er die Tür hinter sich schloss.
„Ich denke, wir warten dort an der Ecke auf die nächste Patrouille und gehen ihr dann entgegen. Sobald wir am Schuppen sind, lasen wir sie an uns vorbeigehen und schnappen sie uns dann. Wir sollten sie unblutig erledigen. Ich hoffe, du hast das drauf. Und ich hoffe auch, dass du kein Problem damit hast, meinen Liebsten zu spielen, oder?“
Vernita lachte, als sie Sareths verblüfften Gesichtsausdruck sah. Sie ging zur Kreuzung, der Mann folgte ihr. Gemeinsam legten sie sich dort auf die Lauer und beobachteten die dunkle Gasse vor sich.
Es dauerte eine Weile, bis zwei Soldaten um die Ecke der nächsten Kreuzung bogen und sich den beiden nährten. Einfach perfekt. Konnte gar nicht besser laufen.
„Na dann komm, Süßer“, grinste Vernita und hakte sich bei Sareth ein. Sie legte ihren Kopf gegen seinen Oberarm und streichelte sanft seinen Handrücken, während die beiden gemächlich auf die Soldaten zu schlenderten.
Sareth schien die ganze Situation ziemlich unangenehm zu sein. Er hatte eindeutig nicht damit gerechnet, dass die Elfe ihm so nah kommen würde, ohne ihn dabei mit einer Waffe zu bedrohen.
„Bleib locker, Kleiner“, flüsterte Vernita dem Mann zu, als sie merkte, dass er sich leicht verkrampfte. Dieser atmete einmal tief durch und entspannte sich ein wenig. Offenbar wirkten die beiden dennoch glaubhaft, da die beiden Soldaten keinen Verdacht zu schöpfen schienen. Sie gingen einfach weiter schweigend ihres Weges.
Doch schon bald fiel der Elfe auf, dass Sareth und sie zu schnell waren, oder die Soldaten zu langsam, je nachdem wie man die Sache betrachten wollte. Zumindest würden sie erst hinter dem Schuppen auf die beiden treffen, wenn sie so weiterliefen. Das war nicht gut. Aber was sollten sie tun? Vernita dachte fieberhaft nach, bevor sie einen schnellen Entschluss fasste.
„Ich denke, wir müssen improvisieren“, flüsterte sie Sareth zu.
„Was habt Ihr vor?“ fragte dieser erstaunt.
„Scht. Lass mich nur machen.“
Sie gingen weiter, bis sie den Schuppen fast erreicht hatten. Und dann schritt Vernita zur Tat.
„Diese morgendlichen Spaziergänge mit dir bringen mich immer ganz aus der Fassung, mein Schatz. Komm her zu mir“, meinte sie, als sie stehen blieb und sich zu Sareth umdrehte. Dann griff sie mit beiden Händen nach dem Kopf des Mannes und zog ihn zu sich herunter, bevor sie ihm einen langen und ausdauernden Kuss auf den Mund gab, während sich die Soldaten hinter ihr den beiden immer weiter näherten.


Leanora stand unbeweglich wie eine Statue im Schuppen. Das ganze Gerümpel machte eher den Eindruck, dass es dem Kleid nicht gerade gut tun würde, wenn sie damit in Berührung kommen würde. Dazu war es viel zu dunkel, um etwas Genaueres erkennen zu können, auch wenn sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewohnt hatten und sie wenigstens die Umrisse der Gegenstände ausmachen konnte.
Am liebsten wäre sie im Schuppen auf und ab gegangen, sie war nervös ohne Ende, und jede Minute des Wartens machte es nicht gerade einfacher. So wippte sie ungeduldig auf den Zehenspitzen auf und ab, und hoffte, dass sie nicht im ungeeignetsten Moment niesen musste, der Staub kitzelte sie nämlich in der Nase.
Leanora zitterte leicht vor Anspannung und Kälte, für die frühe Stunde war es noch sehr kühl draußen. Sie hatte zwar ihren Umhang umgelegt, den musste sie hernach auch hier lassen, er war zu einfach für eine Adlige. Momentan war sie aber froh, ihn zu haben, und zog ihn ein wenig enger um sich.
„...tschi“, entfuhr es ihr dennoch, und erschrocken hielt sie den Atem an. Aber von draußen waren keinerlei Geräusche zu hören.


„Shh...“ Lydia blickte Leanora an. Draußen war nichts zu hören, doch sie konnte durch einen schmalen Spalt erspähen was dort vor sich ging.
‚Wenn das mal gutgeht. Ich würde es nicht glauben, dass die sich lieben. So wie sie aussieht...‘, dachte sie bei sich, als sie durch einen Spalt im Schuppen Vernita und den Krieger beobachtete.
‚Zum Schluss wird aus ihrem Spiel noch Ernst und sie lieben sich wirklich...‘, sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. ‚Ich hätte Stoff zum Nerven, Lästern und Aufziehen für die nächsten hundert Jahre...‘


Sareth war schon etwas mehr als überrascht von Vernita. Er hatte nicht gedacht ,dass sie so weibliche Züge überhaupt hatte. Aber er war von ihr dadurch nur positiv überrascht. Besonders als sie sich bei ihn einhakte und sie gemeinsam die Gasse entlang gingen.
Als die beiden im Begriff waren den Schuppen vor der Patrouille zu erreichen reagierte Vernita ziemlich schnell. Sareth war gelinde gesagt überaus überrascht. Wenn Vernita nicht seinen Kopf fest gehalten hätte, wäre seine erste Reaktion wohl das Wegziehen seines Kopfes gewesen. Aber nach einen kurzen Augenblick realisierte er wieder die Situation. Er umfasste Vernita um ihre Hüfte und ließ seine Hände auf ihr Ruhen. Er wollte eine gute Vorstellung geben.
Als die Wachen im Begriff waren die beiden ‚Liebenden‘ zu passieren, wobei sie Vernita und Sareth angafften, schlugen sie zu. Sareth löste sich von Vernita, drehte eine Wache an dessen Schulter um und schlug ihn mit voller Wucht, mit der Handkante in den Hals. Die Wache fiel auf die Knie und röchelte nach Luft. In diesem Augenblick trat ihn Sareth mit dem Knie ins Gesicht, sodass die Wache bewusstlos zu Boden fiel.
Als Sareth sich umdrehte, um sich die nächste Wache vorzunehmen, sah er wie Vernita über eben jener Wache stand als diese gerade zu Boden fiel. Ab diesen Zeitpunkt musste er sich eingestehen, dass Vernita durchaus verstand was sie tat. Von nun an würde er sie mit mehr Vorsicht betrachten.


Als die Wachen Vernita und Sareth gerade passiert hatten, ging plötzlich alles sehr schnell. Der Söldner schlug den ersten Soldaten nieder, während sich die Elfe auf den zweiten stürzte. Aus der Drehung heraus trat sie dem Mann in die Kniekehlen. Dieser knickte weg und fiel in den Staub der Gasse. Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als Vernita schon über ihm stand. Sie riss ihm den Helm vom Kopf, bevor sie mit beiden Fäusten kräftig auf seine Ohren einschlug.
Der Mann schrie schmerzerfüllt auf. Allerdings nur für einen kurzen Moment, denn dann umklammerte die Elfe schon seinen Hals mit ihren kräftigen Armen und drückte ihm die Kehle zu. Das Schreien verkümmerte zu einem Röcheln, als er vergeblich versuchte, den Griff Vernitas zu lösen. Sein ganzer Körper verkrampfte sich, während seine Füße zu zucken begannen. Das Gesicht der Elfe verzerrte sich vor Anstrengung. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Doch sie ließ nicht locker. Dann riss sie den Kopf des Mannes mit einem kräftigen Ruck herum, worauf es ein hässlich knackendes Geräusch gab. Der Körper der Wache zuckte noch einmal, bevor er dann schlaff und kraftlos in Vernitas Armen hing. Diese ließ ihn achtlos zu Boden fallen.
„Ich hoffe, dein Opfer ist auch tot, Kleiner“, meinte sie grinsend zu Sareth gewandt. „Wenn nicht, dann wird es Zeit, dies nachzuholen. Schließlich können wir es nicht riskieren, dass dieser Gnom vorzeitig aus seiner Ohnmacht aufwacht. Aber zunächst schaffen wir die beiden erst einmal von der Straße.“
Die Elfe packte die Füße des Soldaten, dem sie gerade das Genick gebrochen hatte und schleifte ihn zum Schuppen herüber. Sie öffnete die Tür, bevor sie die Leiche in den Verschlag zerrte.
„Es wird Zeit für Euch, Leanora“, meinte Vernita, als sie den Schuppen betrat. „Folgt einfach der Straße bis zu ihrem Ende. An der T-Kreuzung wendet Euch nach rechts. Dann kommt Ihr direkt nach Fort Drakon. Wir ziehen uns inzwischen um und folgen Euch nach einiger Zeit. Versucht den Kommandanten zum Plaudern zu bringen. Solltet Ihr es nicht schaffen, dann kümmere ich mich um ihn, sobald wir eintreffen. Und das wird sehr hässlich werden. Also habt lieber Erfolg, wenn Ihr mich nicht in Aktion sehen wollt.“
Ein Grinsen legte sich bei ihren Worten auf ihr Gesicht. „Und jetzt sputet Euch. Wir haben nicht viel Zeit.“
Anschließend verließ Vernita den Schuppen wieder, um den Helm der Wache zu holen und die Schleifspuren zu verwischen, die sie auf der Straße hinterlassen hatte.


Sareth beobachtete wie Vernita den leblosen Körper der Wache in den Schuppen zerrte. Als sie zurück kam um den Helm den sie zurück gelassen hatte zu holen, begann Sareth damit der anderen Wache die Rüstung auszuziehen.
Als er damit fertig war legte er die Rüstung und alle anderen Habseligkeiten der Wache beiseite und schleppte die bewusstlose Wache in den Schuppen. Dort warf er den Mann auf den Boden, zückte einen Dolch und schlitzte seine Kehle auf. Der Mann röchelte noch kurz, dann lag er regungslos auf dem Boden. Sareth nahm die Leiche und steckte sie in eines der Fässer die im Schuppen standen.
Er blickte noch einmal in das nun gefüllte Fass das sich so langsam mit Blut füllte. Es war nicht das erste Mal, dass er so etwas sah. Und es würde nicht das letzte Mal sein.
‚Es werden heute noch mehr sterben‘, dachte er sich. Ein letzter Blick dann drehte er sich um und betrat wieder die Gasse. Er zog sich die schwere Rüstung an und setzte den Vollhelm der Wache auf. Dann holte er seinen Speer, den er in der Nähe versteckt hatte, und wartete dann auf Vernita.


Hoch erhobenen Hauptes ging Leanora flotten Schrittes auf den Eingang des Forts zu. Ein Soldat stellte sich ihr in den Weg. „Wohin des Weges?“
Leanora hob ihre linke Augenbraue in die Höhe, legte all ihren Hochmut in den Blick den sie dem Wächter zuwarf und antwortete:
„Guten Morgen Mylady, heißt das. Habt Ihr keine Manieren?“ Die andere Augenbraue schnellte nach oben.
Der Soldat schien sichtlich verwirrt. „Äh.. Guten Morgen Mylady. Wohin des Weges?“
Leanora ließ ihre Augenbrauen wieder nach unten fallen und zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht.
„Seht Ihr junger Mann, geht doch. Ich will zum Kommandanten, egal ob er schläft oder seine Frau gerade beglückt. Es eilt.“
„So einfach ist das nicht, Mylady. Ihr braucht da schon einen Termin, oder ein Empfehlungsschreiben. Tut mir leid, ich kann Euch nicht durchlassen.“
Leanora trat einen Schritt auf den Mann zu, hob wieder eine Augenbraue an, beugte sich etwas nach vorne, und erwiderte mit honigsüßer Stimme: „Ein Empfehlungsschreiben?“ Sie lachte laut auf. „Einen Termin? Hört mir gut zu, mein Bester. Vor Euch steht Baronin Sophia Magdalena Katharine von Meringheim. Ich glaube nicht, dass ich ein Empfehlungsschreiben brauche. Ich bin mehr oder weniger gerade erst in Denerim angekommen und musste erfahren, dass zwei meiner besten Diener ermordet wurden. Langt das oder braucht Ihr das schriftlich, um mich nun endlich dem Kommandanten zu melden?“
Der Soldat wechselte seine Gesichtsfarbe, als er den Namen der vermeintlichen Baronin hörte.
„Verzeiht, Mylady, natürlich, sofort, ich wusste ja nicht...“ begann er zu stottern.
Leanora richtete sich wieder auf und sah ihn durch halbgeschlossene Lider an. „Natürlich wusstet Ihr nicht. Woher auch, wenn Ihr Hellsehen könntet, würdet Ihr ja auf dem Jahrmarkt arbeiten, und nicht als Soldat. Aber wenn Ihr nun die Güte besitzen würdet? Meine Geduld sollte nicht über Maß strapaziert werden!“
Der Angesprochene salutierte zackig. „Wenn Ihr mir bitte gleich folgen würdet, Mylady?“ Er wandte Leanora den Rücken zu und führte sie durch den Eingang – in das Fort. Leanora atmete unmerklich auf, die erste Hürde war genommen. Sie versuchte sich den Weg einzuprägen, im Prinzip war es relativ einfach bisher. Einfach immer geradeaus, bis zur Treppe, ein Stockwerk nach oben, dann links über eine Art Brücke, die überdacht war. Der Soldat öffnete die dritte Tür auf der rechten Seite, und sie fand sich in einer Art Empfangszimmer wieder.
Die nackten Steinmauern wurden geziert mit Kerzenhaltern die wenig Licht spendeten, dazwischen ein Bild von Königin Anora. Nur ein einziges kleines Fenster ließ etwas von der Morgendämmerung ahnen, dennoch war es bis auf die Lichtquellen der Kerzen stockdunkel. Ein paar wenige gepolsterte Stühle standen in einer Gruppe zusammen. Der Soldat deutete darauf: „Nehmt bitte Platz Mylady. Ich melde Euch.“
Vom Raum gingen zwei weitere Türen ab, der Soldat schlug den Weg zur rechten ein. Kurz bevor er anklopfen wollte, drehte er sich noch einmal um.
„Pardon, aber ich habe den Namen nicht mehr richtig im Gedächtnis? Sophia Maria?“
Leanora blitzte ihn wütend an. „Baronin Sophia Magdalena Katharine von Meringheim. Wollt Ihr auch noch meine Korsett-Größe wissen?“ fragte sie schnippisch.
Der Soldat lief rot an, bevorzugte es aber, nicht darauf zu antworten. Dann klopfte er an und trat nach einem herrischen „Herein“ durch die Tür.
Leanora ließ sich auf den Sessel sinken. Sie merkte, dass ihre Knie zitterten und ihre Hände verschwitzt waren. Schnell wischte sie diese am unteren Saum des Kleides ab, dennoch klopfte ihr Herz bis zum Hals. Was – und vor allem wer - würde sie da drin erwarten? Sie zuckte zusammen, als eine Stimme polterte:
„WER? Es ist mir scheißegal! Was? Sag das doch gleich du unnützer Wurm! Warum ist die Dame noch nicht bei mir? Marsch, Beeilung!!!!“
Die Tür öffnete sich schneller wieder, als Leanora lieb war. Der Soldat schritt auf sie zu, leichte Schweißperlen auf der Stirn, sein zuvor aufrechter Gang war etwas in sich zusammen gefallen.
„Oberst Tjark von Talisker erwartet Euch, Mylady. Schönen Tag noch.“ Dann verschwand er im Flur. Leanora holte tief Luft und schritt zur Tür, klopfte und betrat die Höhle des Löwen.


Vernita nahm den Helm auf, während sich Leanora schnellen Schrittes auf den Weg machte. Anschließend ging die Elfe zurück in den Schuppen, wo sie der Leiche die Rüstung auszog. Während sie das tat, sah sie kurz durch die offene Tür, wo sie Sareth erblickte, der dem bewusstlosen Soldaten auf offener Straße die Sachen abnahm.
‚Auffälliger geht’s wohl nicht mehr’, dachte sie kopfschüttelnd bei sich. ‚Und so etwas nennt sich Profi. Nicht zu fassen.’
Vernita zog sich die Rüstung über, die etwas zu groß für sie war. Dennoch würden die Wachen vor der Festung wahrscheinlich nicht merken, dass diese einem anderen Soldaten gehört hatte. Man würde sie nur für einen Neuling halten. Da war es nicht ungewöhnlich, dass sie nicht sofort eine maßgeschneiderte Rüstung erhalten hatte. Zumindest passte der Helm, und das war ohnehin das Wichtigste. Schließlich musste sie ihre Herkunft verbergen, denn es gab keine Elfen innerhalb der Stadtwache.
Nun kam auch Sareth mit dem bewusstlosen Soldaten in den Schuppen, schlitzte diesem die Kehle auf und stopfte ihn in eines der Fässer. Mit einem genervten Gesichtsausdruck sah Vernita dabei auf das Blut, welches dadurch aus dem Hals des Mannes auf den Boden tropfte und eine deutliche Spur hinterließ.
„Hatte ich dir nicht gesagt, dass du den Kerl unblutig erledigen sollst!“ zischte sie böse, während sie mit den Füßen über den Sandboden scharrte, um das Blut abzudecken. Zum Glück hatte dieser Schuppen keinen Holzboden oder etwas ähnliches. „Verdammter Amateur! Ein Kerl wie ein Baum und kann nicht mal so einem Wicht das Genick brechen! Unfassbar!“
Der Söldner erwiderte nichts darauf, sondern verließ stattdessen den Verschlag. Die Elfe stopfte in der Zwischenzeit die andere Leiche in eines der Fässer und deckte beide Leichen mit alten Lumpen ab, die in einer Ecke lagen. Als sie damit fertig war und sich umdrehte stand Sareth auch schon wieder in der Tür und hielt etwas langes in seiner Hand. Vernita traute ihren Augen nicht. Es war sein Speer.
„Bei allen Erzdämonen dieser Welt! Bin ich etwa nur von Schwachköpfen umgeben, oder was?“ fluchte sie laut. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du deinen Speer nicht mitnehmen kannst? Rede ich vielleicht so undeutlich, dass keiner versteht, was ich sage? Ein Speer gehört nicht zur Standardbewaffnung der Stadtwache von Denerim, also bleibt er hier, verstanden? Du wirst ja wohl auch mit einem Schwert kämpfen können, nicht wahr? Oder geht es ohne dein Phallussymbol nicht, Kleiner?!?“


Als Sareth Vernitas laute Worte vernahm zögerte er nicht lange. Er griff an die Spitze seines Speeres und fing an die Spitze abzuschrauben. Das gleiche tat er mit der Stange des Speeres, solange bis er seinen Speer in ein dutzend Metallteile zerlegt hatte. Die Komponenten der Stange packte er sich in die Tasche. Die Spitze jedoch steckte er in eine leere Scheide an seinen Gürtel.
Dann trat er an Vernita heran und blickte sie kühl an.
„Zwergenhandwerk hat so seine Vorteile.“ Dabei lächelte er sie an. Dann nahm er das Schwert der Wache und befestigte es sich an seinen Gürtel.
„Außerdem hab‘ ich der Wache mit Absicht die Kehle aufgeschlitzt. Es sollte wie ein Überfall von ein paar Straßenräubern aussehen.“ Dann hob er seinen Arm der auf dem Weg zum Fort zeigte ein Stück an und beugte sich leicht vor. „Nach dir, Große!“


„Hältst dich wohl für unheimlich witzig, was?“ erwiderte Vernita spöttisch. „Aber selbst wenn du deinen Kampfspeer auf die Größe deines eigenen ‚Speers‘ reduzieren kannst, so nützt dir das herzlich wenig, Kleiner. Schließlich werden wir beide wohl Miandra und Azoth tragen oder zumindest stützen müssen, so dass wir uns auf das Kampfgeschick Leanoras und Lydias verlassen müssen. Das passt mir zwar auch nicht, aber so sieht es nun mal aus. Wir werden nur im Notfall eingreifen, also wirst du wohl kaum dazu kommen, deinen Speer wieder auszufahren.“
Die Elfe grinste ihr Gegenüber hämisch an, bevor sie wieder ernst wurde. „Ja, wir gehen. Lydia, du gehst voran. Wir beide folgen dir.“
Bevor die drei losgingen, durchsuchte Vernita das Mädchen allerdings noch einmal nach versteckten Waffen. Nach der Nummer von Sareth ging sie lieber auf Nummer sicher. Lydia beschwerte sich zwar darüber, doch davon ließ sich die Elfe nicht beirren. Nachdem sie allerdings nichts bei ihr finden konnten, machten sich die drei auf den Weg, wobei Vernita dem Mädchen die ganze Zeit über eine Hand auf die Schulter legte, um den Anschein zu erwecken, dass Lydia eine Gefangene war.


Leanora stockte der Atem. Vor ihr stand ein Hüne von Mann, sicher eins neunzig groß, breite Schultern, durchtrainierter, gestählter Körper. Die kurzen mittelblonden Haare waren durcheinander gewuschelt, so als hätte er gerade das Bett verlassen. Sein Gesicht war makellos, ein sauber gestutzter Kinnbart ließ die vollen Lippen zur Geltung kommen. Die Nase war breit, aber nicht zu dominant. Fein geschwungene Augenbrauen und wunderbar lange Wimpern betonten seine hellblauen Augen. Leanora hatte noch nie warme hellblaue Augen gesehen, die meisten waren eher als kühl einzustufen. Aber in diesen hier lag die Wärme eines Sommertages. Sie strahlten heller als der Himmel über Ferelden, und Leanora versank kurze Zeit in diesem Blick. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig, aber keinesfalls älter als fünfunddreißig Jahre alt. Beinahe hätte sie vergessen, weswegen sie überhaupt hier war. Gewaltsam riss sie sich von dem Anblick los und musterte seine Kleidung. Der Oberst trug helle cremefarbige Reithosen, dunkelbraune hohe Stiefel, und ein dunkelblaues Hemd, wo die Unterärmel hoch gekrempelt und die obersten Knöpfe offen waren. Selbst die Unterarme waren muskulös und braun gebrannt, die Brust war leicht behaart, aber nicht zu stark.
Ihr Herz klopfte wieder wie wild, aber dieses Mal war die Nervosität anderer Natur. Sie war noch nie so einem umwerfenden Mann begegnet. Warum musste das ausgerechnet jetzt und hier sein? Und wieso musste das ausgerechnet der Kommandant sein?
Der Kommandant hingegen musterte Leanora in ähnlicher Art und Weise, und seine Augen blitzten erfreut auf. Anscheinend gefiel ihm, was er sah. Er stand auf und rückte Leanora einen Stuhl zurecht, schritt dann auf sie zu und stellte sich mit einem vollendeten Handkuss vor.
„Mylady, Oberst Tjark von Talisker. Was kann ich für Euch denn tun?“ Seine Hand ruhte etwas länger, als der Anstand erforderte, in ihrer, und er blickte ihr dabei tief in die Augen.
Leanora errötete leicht bei seinen Worten. Was für ein Mann! Manieren hatte er auch noch. Sie räusperte sich, bevor sie zu einer Antwort ansetzte. Sie hatte das Gefühl, ihre Stimme würde sich sonst nur wie ein Quaken anhören.
„Erfreut, Euch kennen zu lernen, Oberst. Habt Dank, dass Ihr Eure kostbare Zeit für mich opfert.“
Der Kommandant lächelte sie leicht anzüglich an, was sie weiter erröten ließ. „Für Euch opfere ich den ganzen Tag, sofern Ihr es wollt. Nun, Baronin? Ich glaube nicht, dass Ihr deswegen hier seid, oder?“ Wieder lächelte er anzüglich. „Wenngleich ich sicher nichts dagegen hätte. Die Gegenwart einer so hübschen Dame versüßt einem den Tag.“
Leanora schnappte hörbar nach Luft, aber ihr Herz machte bei diesen Worten einige Purzelbäume. Dennoch hatte sie sich relativ schnell wieder unter Kontrolle.
„Oberst von Talisker, ich muss doch sehr bitten... wenngleich mich Eure Worte ehren. Weshalb ich eigentlich hier bin, ist folgender Grund. Ich bin mehr oder weniger gerade in Denerim angekommen, hatte einige meiner Diener bereits vorab hierher geschickt, damit mein Domizil bereit sein möge. Nun ist mir zu Ohren gekommen, dass der Koch und meine Zofe ermordet wurden! Und ich habe schon geschimpft, weil kein Nachtmahl serviert wurde.“
Sie ging einige Schritte im Zimmer auf und ab und setzte sich dann in den Stuhl, wo sie ihre Beine grazil übereinander schlug. „Ihr müsst wissen, er war ein hervorragender Koch. Er beherrschte die orlaisianische Küche, und es wird nicht leicht sein, ihn zu ersetzen. Nicht nur der Kochkünste wegen.“ Leanora hüstelte verlegen und die Röte in ihrem Gesicht wurde noch eine Spur kräftiger. „Mit der Zofe verhält es sich ähnlich, ruhig und diskret... wenn Ihr versteht was ich meine?“ Sie zwinkerte ihm zu. Langsam aber sicher fühlte sie sich ihrer Rolle als Baronin gewachsen. Sophia Magdalena Katharine lamentierte weiter, welch großes Unglück ihr damit widerfahren wäre.
Des Oberst Augenbrauen schossen in die Höhe, und ein Schmunzeln überzog sein Gesicht. So war das also, in der Öffentlichkeit alle Etikette wahrend, aber im privaten... sein Grinsen wurde eine Spur breiter. In seinem Auge sah er Sophia, nur noch in ihrem Korsett, in seinen Armen und unter sich vor Lust windend; an den Händen mit Seidentüchern an den Metallstreben seines Bettkopfteiles festgebunden, wo er sie nach allen Regeln der Kunst verwöhnte; nackt vor ihm kniend, wo er ihr Becken mit seiner linken Hand an sich zog und ihren Kopf mit der rechten Hand an ihren langen Haaren ziehend zu sich drehte - wie ihre Haare wohl aussahen, wenn sie keine elegante Hochsteckfrisur trug?; Aufrecht stehend, die Arme über dem Kopf mit Lederbändern am Deckenbalken gefesselt, wo er sie von hinten nahm und ihre kleinen festen Brüste massierte. Er spürte, wie ihm seine Hosen zu eng wurden.
Andererseits versetzte es ihm auch einen kleinen Stich. Dieses Weibsbild war zu schön, und ihre unverdorbene Ausstrahlung … es wollte ihm nicht gefallen, dass die Baronin wohl ein zügelloses Leben führte, statt sich einem einzigen Mann hinzugeben – ihm. Beim Erbauer, wohin verrannte er sich nur in Gedanken?
Er hüstelte „Pardon? Meine Gedanken waren gerade abgelenkt, ich habe an den Verlust gedacht, den Ihr erlitten habt. Zu gerne hätte ich diese ‚Kost‘ einmal probiert.“ Ein zweideutiger Unterton lag in seiner Stimme.
„Oberst, Ihr könnt versichert sein, dass Ihr eine Einladung zum Abendessen erhalten werdet, solange Ihr nur die Täter hinreichend bestraft! Ich bitte Euch, findet diese Mörder, und hängt sie!“
Im Stillen bat sie Azoth und Miandra um Verzeihung.
Der Kommandant schritt auf Leanora zu und reichte ihr die Hand, um ihr aus dem Stuhl zu helfen. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie an eines der Fenster im Raum, wo man einen guten Ausblick über das Fort hatte. Leanora erschauerte unter seiner Berührung, und hätte sie hier keine Rolle zu spielen gehabt, hätte sie sich wohl an ihn geschmiegt und ihren Kopf an seiner breiten Brust vergraben.
Die Einrichtung des Zimmers hatte sie bis dahin noch nicht wahr genommen, der Raum wurde einzig und allein durch die Anwesenheit Tjarks geprägt. Als sie sich nun vorsichtig umschaute, bemerkte sie verschiedene Degen, Schwerter und Fahnen an der Wand. Einige kleine Portraits früherer Regenten, eine Landkarte. Der Schreibtisch des Kommandanten war aus schwerem dunklem Holz, sicher so groß wie Leanoras Bett zu Hause. Ein breiter gepolsterter Stuhl mit schwarzem Leder gehörte dazu. Für die Besucher waren etwas zierlichere, mit grünem Samt bezogene Stühle vorgesehen, auf leicht geschwungenen Mahagoni-Füssen.
Ihre Knie fühlten sich mittlerweile an als wären sie aus flüssigem Wachs, und sie war froh um die Stütze, die Ihr der Oberst zukommen ließ. Aber sie wusste auch, dass gerade dieser Umstand für diese wackeligen Beine zuständig war. Bei Andraste, war sie etwa dabei, sich in den Hauptmann zu verlieben?
Vorm Fenster blieb er stehen, stellte sich hinter sie und legte die Arme locker um sie, die Hände hatte er jedoch am Fensterbrett abgestützt. Er berührte sie nicht einmal richtig, dennoch dachte Leanora, sofort in Ohnmacht fallen zu müssen, wenn er ihr auch nur ein winziges Stück näher kam.
Tjark zeigte nach draußen, schräg nach links unten.
„Könnt Ihr diesen Gebäudeteil sehen, Mylady?“
Leanora nickte zustimmend, sie hätte ohnehin keinen vernünftigen Ton im Moment herausgebracht.
„Dort sind die Mörder Eures Gesindes untergebracht. Wir haben sie bereits gestern in Gewahrsam nehmen können, allerdings nur zwei davon. Der Mord wurde laut Augenzeugen von einer ganzen Gruppe durchgeführt, und wir setzen alles daran, die Namen der Mittäter von den Gefangenen zu erfahren. Und sobald wir die haben, werden sie gehängt. Ich hoffe, das beruhigt Euch ein wenig?“
Leanora drehte sich um, was ein Fehler war, da sie dem Hauptmann nun in die Augen blicken musste, und ihr Puls wieder unkontrolliert in die Höhe schnellte. Abermals versanken ihre Augen in den seinen, als sie schließlich sagte: „Nur ein wenig, Oberst. Mir wäre wohler, ich könnte diesen Bastarden selber noch meine Meinung sagen. Und ihnen dazu ein paar saftige Ohrfeigen verpassen.“ Sie trat einen Schritt zurück und lehnte sich an der Mauer an, Tjark immer noch in die Augen sehend.
Der Kommandant lachte hart auf. „Verlasst Euch drauf, Mylady. Meine Männer haben durchaus ihre Methoden... an die Namen zu kommen. Und ich glaube nicht, dass Ihr das genauer wissen wollt. Jedenfalls ist dieser Trakt da drüben für die Gefangenen, die nicht reden wollen. Wenige Kerkerzellen, gut gesichert, ein paar Folterkammern, durch die sie müssen, bevor man überhaupt in den Zellentrakt kommt. Und Eure gesuchten Leute sind erst vor wenigen Stunden ‚vernommen‘ worden und durften anschließend in einem fensterlosen, im Keller untergebrachten Raum über ihre Taten nachdenken. Leider haben sie bisher noch nicht gestanden, aber bald … sie werden noch vor dem Frühstück noch einmal ‚verhört‘ werden. Erst recht, nachdem ich nun weiß, wem dieser Abschaum Leid zugefügt hat.“
Leanora schlug das Herz bis zum Hals. Sie lebten also noch, das war schon etwas wert. Wie lange hingegen noch, lag eher an der Konstitution der beiden. Und daran, dass sie nun wirklich versuchen musste, an die Schüssel zu kommen. Andererseits wusste sie nun in etwa, wo ihre Gefährten zu finden waren. Zur Not mussten sie eben alle Zellen öffnen.
„Ich danke Euch, Oberst. Wo sind die Beiden denn genau?“
Wieder lachte der Kommandant. „Ihr glaubt mir wohl nicht? Aber wenn Ihr es wissen wollt... wartet einen Moment, ich suche nur kurz die Unterlagen.“ Er drehte sich um, ging zu seinem Schreibtisch und öffnete die Schubfächer. Leanora hatte einen relativ guten Einblick, und entdeckte einen Schlüsselbund in der obersten linken Schublade. Diese wurde jedoch schnell wieder geschlossen, der Auszug darunter aufgezogen und durchgewühlt.
„Ah. Ja. Hier sind sie ja.“ Er zog die Papiere hervor, trat zu Leanora und hielt sie ihr unter die Nase.
„Bitteschön. Zwei Gefangene, anhand von Zeugen bestätigt, dass es sich um die Mörder handelt. Ein Weib, schwarzhaarig, ein Elf. Pah, Abschaum, ich sage es ja immer. Lest selber, der Trakt den ich Euch gezeigt habe, stimmt. Ostflügel, Kerker. Je nachdem welche Zelle gerade frei wurde... aber ich denke, dieser andere Elf dürfte mittlerweile Platz gemacht haben. Also dürften die in der mittleren Zelle ihr Dasein fristen. Seid Ihr nun zufrieden, Sophia?“
Sie strahlte ihn an. „Fürwahr, nun ist mir wohler, nachdem ich mit eigenen Augen sehen konnte, dass sie wirklich bestraft werden. Und dass sie ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, darauf kann ich mich ja wohl verlassen?“ Sie warf ihm einen tiefen Blick zu, dass dieser voller Verlangen war, bemerkte sie nicht.
„Selbstverständlich. Wie könnte ich Euch auch nur einen Wunsch abschlagen?“
Er ließ die Papiere achtlos auf den Boden fallen, trat vor sie. Den rechten Fuß hatte er vor seinem linken Bein eingeknickt, er stand völlig entspannt vor ihr, sein linker Arm ging an ihrer rechten Seite vorbei und stützte sich an der Mauer ab. Seine rechte Hand näherte sich ihrem Haar, ein kleines Stück oberhalb ihrer Ohren. Leanora schloss die Augen, als er die erste Haarnadel aus der Frisur zog. Die Schmuckspange legte er vorsichtig auf dem Fensterbrett ab. Weitere Nadeln folgten, die er einfach aus der Hand gleiten ließ. Schließlich fielen Leanora ihre Haare wieder wie gewohnt hinab, die ersten Sonnenstrahlen verfingen sich darin und ließ sie, dank der Färbung, etwas rötlich schimmern.
Sie zitterte wie ein gefangener Schmetterling, genoss die zarten Berührungen seiner Hände und sehnte sich nach mehr. Sie erschrak vor diesem Gedanken, aber konnte ihn nicht verdrängen. Sein Geruch strömte ihr in die Nase, männlich, aber sein Rasierwasser roch frisch. Leanora schnappte nach Luft und öffnete langsam die Augen. Sein Gesicht war konzentriert, sein Blick liebevoll und doch vor unterdrückter Leidenschaft verhangen.
Sein linker Arm löste sich von der Mauer, umfasste Leanoras Hüfte und zog sie an ihn. Selbst durch ihr Kleid spürte sie seine Erregung. Die rechte Handfläche legte er seitlich an ihren Kopf, der Daumen hob ihr Kinn seitlich an. Leanoras Teint hatte die Farbe einer überreifen Tomate, sie war völlig unerfahren. Lediglich als junges Mädchen hatte ein Knabe aus der Nachbarschaft ihr einen Kuss gestohlen, und sie erinnerte sich voller Entsetzen an dieses Gefühl. Es war schlabbrig und nass, und hinterher lief sie eilends zum Bach und wusch sich das Gesicht.
Tjarks Kopf senkte sich immer weiter zu ihr, langsam, in seinen Augen lag ein entschlossener Ausdruck. Nur noch wenige Zentimeter trennten seine Lippen von den Ihren. Ihr Herz polterte gegen die Rippen, sie hatte das Gefühl, dass es gleich aus ihrem Körper springen würde.
Er wandte sich an ihr rechtes Ohr und sagte heiser:
„Ihr habt mich verhext, Sophia. Ohne diese Frisur seid Ihr sogar noch hübscher. Und ich werde Euch nicht gehen lassen, bevor ich Euch nicht geküsst habe.“ Sein Atem streifte ihr Ohrläppchen, Leanora zitterte in seinen Armen, und sie lehnte sich an den Arm, der sie hielt. „Schhhh...“ Zärtlich strich seine Hand über ihren Kopf, dann drückte er diesen an sich und seine Lippen senkten sich auf die ihren. Zuerst zart, knabbernd, fragend. Leanora seufzte auf, erkundete mit ihren Lippen die seinen, bis er mit seiner Zunge zwischen ihre Lippen fuhr und sie leidenschaftlich küsste. Leanora stöhnte leise auf, das Zittern ließ nach, dafür stellten sich ihre Härchen auf den Armen vor Wonne auf. Sie klammerte sich an ihn, gab sich völlig diesem Kuss hin und war erschrocken, als er dann von ihr ließ. Mit großen Augen blickte sie ihn an, völlig erhitzt, trotz der Gänsehaut.
In seinem Blick lag das Feuer, welches sie in ihm entfacht hatte, aber ein siegessicheres Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er führte sie zu ihrem Platz zurück.
„Durst meine Liebe?“
Leanora nickte nur, unfähig etwas zu sagen.
„Tee oder zur Feier des Tages, dass ich Euch kennen gelernt habe, vielleicht ein Glas Perlwein?“
Leanoras Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen. „Wenn es keine Umstände bereitet, dann bitte Tee. Schwarz, mit Zitrone. Und wenn Ihr irgendwo eine Möglichkeit hättet, wo ich mich etwas frisch machen kann?“
Tjark lachte auf, zeigte auf die andere Tür im Raum. „Dort ist ein Badezimmer, mit Wasch-Schüssel und Lokus. Lasst mich nicht zu lange alleine.“ Er warf ihr eine Kusshand hinterher und zog an einem Glockenstrang.
Leanora verschwand hinter besagter Türe und ließ sich kraftlos gegen die Mauer fallen. Tränen wollten ihr in die Augen schießen, die sie jedoch erfolgreich verdrängte. Sie rief sich zur Ordnung. Wie viel Zeit war vergangen? Recht viel länger konnte sie nicht warten, Vernita würde sicher bald das Arbeitszimmer des Kommandanten stürmen. Es musste sein, der Tee war die ideale Gelegenheit. Sie dachte an den Kuss zurück, ein wunderbares Erlebnis, ein wunderbarer Mann. Aber es würde in einer Katastrophe für alle enden, wenn sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen würde. Und dass sie sich in diesen Oberst Hals über Kopf verliebt hatte, konnte sie nicht mehr bestreiten. Sie hatte vierundzwanzig Jahre auf diesen einen Mann gewartet, auf den Richtigen. Nun stand er vor ihr, und sie musste ihn töten. Sie schluckte den Kloß im Hals hinunter, ging zur Wasch-Schüssel und spritzte sich mit den Händen das kühle Nass ins Gesicht. Dann nahm sie ein frisches Handtuch vom Stapel, trocknete sich ab, fuhr mit den Fingern durch ihre Haare, holte tief Luft und wappnete sich für den schwersten Teil ihrer Aufgabe: einen Mord zu begehen. An dem Mann, den sie wahrscheinlich sogar liebte.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:31 am

Vorsichtig setzte Rowan einen Schritt vor den anderen und betrachtete die Wände um sich herum genauestens. Nach kurzer Zeit fiel ihr eine Unregelmäßigkeit im Boden vor ihr auf. Sie blieb stehen und überlegte kurz. Sie zog einen ihrer Dolche und begann damit den Mörtel eines Steines zu ihrer Linken herauszukratzen, bis sie den Stein heraushebeln konnte. Sie steckte den Dolch wieder weg und ging in die Knie. Mit einer ausladenden Bewegung ließ sie den Stein aus ihrer Hand über den Boden rutschten. Als er die Unregelmäßigkeit passierte konnte man ein leise Klicken vernehmen. Urplötzlich schoss aus den Seitenwänden eine Pfeilsalve, die an der gegenüberliegenden Wand absplitterte und in kleinen Spänen zu Boden fiel.
Hinter ihr zog Hennrik scharf die Luft ein und Rowan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie löste einen weiteren Stein aus der Wand und ließ ihn ebenfalls über die Unregelmäßigkeit rutschen, jedoch passierte dieses mal nichts. Rowan tastete sich weiter vor und passierte die ausgelöste Falle. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Hennrik einen großen Schritte über die Stelle machte. Er zog den Atem ein und schien etwas sagen zu wollen, doch Rowan unterbrach ihn flüsternd.
„Verhaltet Euch ruhig. Wir sind wahrscheinlich schon unter der Festung und es könnte sein, dass man uns hört, wenn wir zu laut sind. Auch solltet ihr Eure Zauber wenn möglich nur im Notfall einsetzen, da man uns so auch entdecken könnte.“
Er nickte ihr zu und sie gingen weiter. Nach ein paar Metern kamen sie an die erste Wegkreuzung. Sowohl nach vorne als auch zu den Seiten führten Tunnel weiter. Rowan zog die Karte aus ihrer Rüstung und warf einen Blick darauf. Laut der Elfe mussten sie den Gang zu ihrer Rechten nehmen. Sie steckte die Karte wieder weg und zog statt dessen ein kleines Stück Kreide hervor. Damit markierte sie den Tunnel, aus dem sie gekommen waren, damit sie ihn nachher auf dem Rückweg schneller erkennen konnten.
Hennrik blieb für einen Moment in der Mitte des Kreuzpunktes stehen und leuchtete in die anderen Gänge hinein. Direkt vor ihnen konnte er etwas auf dem Boden erkennen, was sich bei näherer Betrachtung als menschliches Skelett entpuppte. Es trug die Reste einer verrotteten Rüstung und den Schädel zierte eine Wurfaxt. Eine Gänsehaut überkam ihn, als er sich umwandte und weiter der blondhaarigen Frau folgte.
Rowan blieb erneut stehen. Vor sich schimmerte etwas im fahlen Lichtschein von Hennriks Kugel... ein Stolperdraht... Sie ging auf Nummer sicher und tastete sich vorsichtig an der Felswand entlang. Da sie nicht wusste, was er auslösen würde, machte sie sich mit geschickten Fingern daran, ihn zu entschärfen. Nachdem sie die Verankerung entdeckt hatte, löste sie den Draht vorsichtig an einer Seite daraus. Als er sich entspannte wartete sie einen Moment ab... nichts passierte.
Sie bedeutete Hennrik zu warten und ging ein paar Meter vor. Nachdem sie sich sicher war, dass die Gefahr vorbei war, winkte sie ihn zu sich heran. Vor ihnen befand sich die nächste Abzweigung. Rowan markierte wieder den Tunnel, aus dem sie gekommen waren und schlich dann weiter.
Es ging durch einige Tunnel und immer wieder musste Rowan Fallen entschärfen. Bisher hatte sie Glück gehabt. Sie waren einfach zu entdecken und entschärfen gewesen. Sie hoffte, dass ihr Glück anhielt. Der Weg ging langsam bergan, was Rowan signalisierte, dass sie sich der Oberfläche näherten. Die Luft wurde immer stickiger, je weiter sie sich vom Eingang entfernten. Hinter Rowan konnte man Hennrik schnaufen hören. Seine Kondition schien längst nicht so gut, wie die der Frau zu sein.
Sie bogen in eine weitere Abzweigung ein und Rowan verharrte wieder. Gewissenhaft erkundete sie den Gang vor sich. Keine Anzeichen einer Falle. Doch die letzte war schon länger her gewesen und Rowan wurde langsam nervös. Hatten sie sich nicht mehr weiter die Mühe gemacht, weil sie davon ausgingen, dass bis hierher niemand kam? Oder folgte die große Überraschung noch?
Sie tastete sich vorsichtig weiter und signalisierte dem Magier einen größeren Abstand zu ihr zu halten. Seine Lichtkugel hatte sie mittlerweile in den Händen, damit sie besser sehen konnte. Der Tunnel sah aus, wie jeder andere davor auch, doch irgendetwas bewirkte, dass sich Rowan die Nackenhaare aufstellten. Schritt für Schritt ging sie weiter voran. Plötzlich fiel ihr etwas ins Auge. An den Wänden neben ihr sah man schwache Andeutungen von Löchern in den Wänden. Rowan konnte sich denken, was das war und suchte vor sich nach dem Auslöser. Er war gut getarnt, doch sie fand die Bodenplatte, die im Staub versteckt lag und die bei Belastung die Falle auslösen würde. Normalerweise reichte es, einfach darüber zu steigen, doch sie würden diesen Weg zur Flucht nutzen und es wäre zu riskant, die Stelle einfach nur zu markieren. Hennrik wartete geduldig hinter ihr, während sie das Brecheisen aus ihrem Gürtel nahm und es unter die Platte schob. Sie stemmte sie vorsichtig hoch und winkte den Magier zu sich heran.
„Bitte haltet sie mal kurz. Aber passt auf, dass sie sich nicht bewegt. Sonst haben wir beide verloren.“
Während Hennrik die Platte weiter nach oben stemmte, ging Rowan in die Knie. Langsam und vorsichtig legte sie ihre Hände an eine kleine Scheibe, die unter der Platte auf einem abgerundeten Stein lag. Nacheinander hob sie sowohl die Platte als auch den Stein ab und legte sie beiseite. Als das geschafft war, stieß sie hörbar die Luft aus. Bei Belastung wäre der Stein nach unten gedrückt worden und hätte den Mechanismus ausgelöst. Jetzt bestand keine Gefahr mehr.
Hennrik ließ auf Rowans Zeichen hin die Platte wieder nach unten sinken. Er grinste sie an und deutete spielerisch eine kleine Verbeugung an. Dabei trat er einen Schritt nach hinten, weiter in den Tunnel hinein, und Rowan hörte ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:40 am

Sareth, Lydia und Vernita gingen sehr langsam die Straße zur Festung herunter, um Leanora genügend Zeit zu geben, den Kommandanten auszuhorchen und auszuschalten. Die Elfe wünschte sich, sie hätte das selbst übernehmen können. Sie hatte zwar nicht so ausgeprägte weibliche Attribute wie Leanora und ob man ihr die feine Adelige abgekauft hätte, ist auch noch so eine Frage. Auf der anderen Seite liebte sie es, ihrem Opfer die schwache, hilflose Frau vorzuspielen, damit sich ihr Gegenüber so überlegen vorkam. Sie ließ sich aus diesem Grund auch schon von so manchem schmierigen Kerl begatten, nur um ihm am Ende zu zeigen, wer hier die Fäden zog, nachdem sie diesen Typen den Schwanz abgeschnitten und ihnen ins Maul gestopft hatte. Und das tat sie nur, damit sie sich an den überraschten und vor Schmerzen entstellten Gesichtern erfreuen konnte, die ihre Opfer dann immer aufgelegt hatten, während sie langsam verbluteten.
„Los, vorwärts! Beweg dich!“ befahl Vernita laut, wobei sie Lydia einen leichten Stoß versetzte. Die drei hatten die Festung fast erreicht, und sie wollte der Torwache eine glaubhafte Vorstellung liefern.
„Halt! Wo wollt ihr mit dieser Göre hin?“ rief die Wache laut, als die drei sie erreicht hatten und vor ihr stehen blieben.
„Wo werden wir schon hinwollen? In die Festung natürlich, um dieses Miststück abzuliefern“, erwiderte die Elfe.
„Gut! Ich übernehme dann von hier aus.“
Vernita war überrascht, als sie das hörte, doch nur für einen kurzen Moment. „Das denke ich nicht. Wir haben Befehl, dieses Mädchen direkt zum Kommandanten zu bringen.“
„Ach nee“, meinte die Wache abfällig. „Und warum sollte er sich mit so einem Balg abgeben? Wer gibt euch beiden denn nur solche schwachsinnige Befehle?“
„Eshtá Gianauro hat uns das befohlen. Immerhin hat dieses Gör hier sie bestohlen und dabei einen ihrer Männer schwer verletzt. Sie hat zwar gesagt, dass wir dieses Balg direkt zum Kommandanten bringen sollen, damit er sich persönlich ihrer annehmen kann, aber von mir aus können wir das auch dir überlassen. Verrate mir nur kurz deinen Namen, damit wir ihr berichten können, in welche fähigen Hände wir dieses Biest gegeben haben“, bemerkte die Elfe lapidar.
„Wer? Etwa die Eshtá Gianauro? Die rechte Hand des Arls?“ fragte die Wache sichtlich erschrocken, woraufhin Vernita nur nickte. „Schon gut. Ich werde euch nicht länger aufhalten. Geht ruhig zum Kommandanten, aber zuvor muss ich die Kleine noch durchsuchen.“
„Haben wir zwar schon, aber tu dir keinen Zwang an“, erwiderte die Elfe nur beiläufig.
„Du bist wirklich nicht zu beneiden, Kleines“, meinte die Wache zu Lydia gewandt, während er diese auf Waffen abtastete. „Gianauro wird es sich bestimmt nicht nehmen lassen, dich persönlich zu verhören. Und das wird sehr unerfreulich für dich werden. Beim letzten Mal hat sie einem Kerl, der sie schräg angequatscht hat, persönlich in der Folterkammer das Fleisch von den Knochen gerissen. Kein schöner Anblick sag ich dir.“
Als der Mann fertig war, stand er wieder auf. „Sie ist sauber. Ihr dürft rein. Ich schätze, ihr kennt den Weg, oder?“
„Natürlich. Wir kommen schon klar“, grinste die Vernita, bevor die drei das Fort betraten.


Lydia schlug das Herz in rasendem Takt. ‚Wenn ich das überlebe...', dachte sie sich und blickte sich im Fort um. Wachen. Überall Wachen. Sie hasste Wachen. Wachen und unendlich viele Soldaten.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Töten musste sie, und zwar bald. Doch sie wusste nicht, ob der Plan auch aufgehen würde. Wenn nicht, würde sie hier zu Tode gefoltert werden. Es musste einfach jetzt gut gehen. Sie musste jetzt einfach der Dinge harren und warten, bis sie den Kerker erreicht hatten.


Vernita und Sareth gingen weiter durch den Innenhof der Festung, während sie Lydia vor sich hertrieben. Dabei gab die Elfe dem Mädchen von Zeit zu Zeit einen leichten Stoß in den Rücken, um die Sache echter wirken zu lassen. Aber insgeheim genoss sie es auch, das Mädchen ein wenig schikanieren zu können. Sie hatte nicht vergessen, dass die Kleine sie ständig provozieren wollte und so etwas konnte sie sich ja schließlich nicht von so einer jungen Göre bieten lassen.
Die drei trafen auf viele Wachen, die im Hof patrouillierten oder vor Türen oder den Wehrgängen auf Posten standen. Diese schienen ihnen aber keine besondere Beachtung zu schenken, nur ab und an grüßte sie einer der Soldaten, was die Elfe mit einem schlichten Nicken quittierte.
„Wenn ich mich recht entsinne, dann müssen wir jetzt nach links“, meinte Vernita, als die drei über die breite Treppe auf die obere Ebene stiegen. „Ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal hier war.“
Vernita führte die beiden anderen weiter durch den Hof der Festung, bis sie schließlich zu der Tür kamen, die Leanora schon vor einiger Zeit durchquert hatte.
„Wir sind angekommen“, verkündete die Elfe, während sie die Tür öffnete und die drei den Vorraum zu den Gemächern des Kommandanten betraten.
„Frage mich, ob Leanora den Kerl schon erledigt hat, ansonsten wird es gleich ziemlich blutig“, grinste die Elfe, wobei sie langsam den schwach beleuchteten Raum durchschritt.


Tjark hatte indes Tee geordert, ein paar Kekse und belegte Brötchen. Er hatte noch nicht gefrühstückt, also konnte er das genauso gut mit Sophia tun. Ein Lächeln umspielte seinen Mund. Welch anschmiegsame Frau, beinahe noch mädchenhaft, die Leidenschaft schlummerte in ihr. Er hatte ihre Ausführungen über ihren Koch und ihrer Zofe wohl missverstanden, eine erfahrene Frau hätte ihn anders geküsst. Beim Gedanken an ihren Kuss wurde ihm klar, dass er ihr das ohnehin nicht abgekauft hatte.
Er würde um sie werben, soviel stand fest. Schließlich war auch er von Adel, und er hatte nicht den Eindruck, dass sie sich dagegen wehren würde. Und bisher hatte ihn noch keine Frau so fasziniert wie diese Baronin. Normalerweise bediente er sich vorwiegend dem weiblichen Geschlecht, bis es ihm langweilig wurde, und suchte sich ein neues Vergnügen. Die Liebe war ihm noch nie über den Weg gelaufen – aber Sophia … es war als hätte ihn Amors Pfeil direkt getroffen. Er würde jedenfalls seinem Butler den Laufpass geben, sobald er Sophia sein Eheweib nennen konnte. Sie war die Mutter seiner zukünftigen Kinder, und am liebsten hätte er sie hier sofort auf seinem Schreibtisch genommen.
Das Frühstück wurde gebracht, und gerade als Tjark Tee in die Tassen schenkte, kam Leanora aus dem Bad. Sie setzte sich ihm gegenüber, holte ihren Fächer aus der Tasche, klappte diesen auseinander und wedelte sich etwas Luft zu. Noch immer war ihr Gesicht gerötet, und ihre Lippen vom Kuss leicht geschwollen. Unbewusst leckte sie sich über die Oberlippe, als ob sie diesen Kuss noch einmal schmecken wollte. Tjark sah es und lächelte.
„Ich muss mich entschuldigen, ich war wohl etwas... stürmisch. Es fällt mir jedoch schwer, an mich zu halten, wenn ich Euch sehe, Sophia. Ich gestehe, Ihr habt mir den Kopf verdreht. Sagt, seid Ihr noch Jungfrau?“
Leanora verschluckte sich bei diesen Worten, und ein Hustenanfall war die Folge. Zart klopfte er ihr auf den Rücken, bis sie sich ein wenig erholt hatte. Dann setzte er sich wieder. „Pardon, eine mir nicht zustehende Frage, ich weiß. Ich werde sie dennoch nicht zurücknehmen.“
„Ich... ja. Auch wenn es Euch tatsächlich nichts angeht“, fügte sie leise hinzu.
Er griff nach ihrer Hand, streichelte mit dem Daumen über den Handrücken und murmelte: „Wer weiß, meine Liebe, wer weiß...“
In seinem inneren Auge verwarf er die vorher durchgespielten Szenen, ersetzte diese durch neue. Wie er Sophia in die Künste der körperlichen Liebe einführte. Er würde ihr erster Liebhaber sein, und ihr Letzter.
Tjark stand auf, stopfte sich einen Keks in den Mund und brachte Leanora ihre Haarspange wieder, die sie sogleich an ihrem Kopf befestigte, froh darum, dass ihre Hände für kurze Zeit beschäftigt waren. Dann wandte er sich wieder um, und begann, die Haarnadeln vom Boden aufzusammeln und auch die Unterlagen.
Das war die Gelegenheit! Leanora zitterte wie Espenlaub, als sie die Phiole aus ihrer Tasche holte, diese schnell öffnete und den Inhalt in seine Teetasse schüttete. Es waren nur Sekunden, die verstrichen waren, genauso schnell verschwand das nun leere Fläschchen wieder in ihrer Handtasche. Stattdessen nahm sie eines der Brote. Das Zittern der Hände konnte sie nun nicht mehr kontrollieren. Und dieses Mal lag es nicht daran, dass sie sich in diesen Mann verliebt hatte.
Der Oberst legte die Haarnadeln vor Leanora auf den Tisch, setzte sich wieder und ordnete seine Unterlagen. Dabei fiel sein Blick auf eine Mitteilung des Arls, die er bis dato übersehen hatte. Beim Lesen runzelte sich seine Stirn. Er konnte kaum glauben, was er las, und seine Gedanken überschlugen sich.
Leanora, die ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte, fragte:
„Schlechte Neuigkeiten, Oberst?“
Tjark nahm einen Schluck aus seiner Tasse, runzelte noch einmal die Stirn. Hatte der Tee zuvor anders geschmeckt? Aber das bildete er sich wohl nur ein, es war kein Wunder wenn ihm der Appetit vergangen wäre.
Sein Blick war ungläubig, als er Leanora anblickte.
„Wie man es nimmt... Baronin Sophia Magdalena. Oder sollte ich besser Countess Leanora Bardigiano sagen?“ Seine Stimme war scharf wie ein frisch geschliffenes Schwert.
Leanora wurde bleich. Woher wusste er ihren Namen? Was stand auf diesem Blatt?
„Ihr... versteht nicht, Tjark, lasst mich erklären…“
Er trank seine Tasse aus, stand auf und ging zu Leanora.
„Dann erklärt mir einmal, was das zu bedeuten hat?“ Er drückte ihr das Schreiben in die Hand, sich beherrschend, ihr nicht eine Ohrfeige zu verpassen und ihr die Wahrheit heraus zu prügeln, so enttäuscht war er.
Leanora überflog es nur kurz, darin stand im Prinzip das, was sie von Vernita wusste. Ihre Familie wurde hier als Verräter betitelt, und auf die Ergreifung ihres Kopfes war eine Belohnung von zehn Sovereigns ausgesetzt.
Leanora schossen nun wirklich Tränen in die Augen. „Es ist nicht so, wie hier steht, Tjark, bitte glaubt mir! Ich weiß, dass meine Familie als Verräter hingestellt wird. Deswegen bin ich ja nach Denerim gereist, ich wollte den Arl zur Rede stellen. Aber ich konnte doch schlecht mit meinem richtigen Namen hier herein spazieren? Wir sind keine Verräter! Im Gegenteil, unser Gut wurde niedergebrannt, und ich war die Einzige, die überlebt hatte. Bitte, glaubt mir doch!“
Ein Flehen lag in ihren Augen. Wieder zog Tjark sie aus dem Stuhl, nahm sie in die Arme, aber hielt sie ein Stück von sich entfernt. Er schloss die Augen, und ließ das gesagte wirken. Sie konnte nicht so lügen, er hatte ihr das mit dieser ruchlosen Person auch nicht wirklich abgenommen. Langsam hatte er das Gefühl, in Atemnot zu sein. Sein Entschluss stand fest.
„Leanora also... der Name passt auch viel besser zu Euch. Ihr wisst, dass ich Euch nun eigentlich ausliefern sollte?“
Beklommen nickte Leanora. Das war ihr Ende, sie hatte die Aufgabe gründlich versaut.
Tjark lächelte sie an. „Aber ich glaube Euch, weil ich mich in Euch verliebt habe, Leanora. Und ich werde alles dafür tun, um Euch zu schützen. Und wenn ich Euch eigenhändig verstecken muss. Oder mit Euch bis ans Ende der Welt fliehen muss.“ Er zog sie in die Arme, wollte sie küssen, als er sie ausließ und nach Luft schnappte.
„Entschuldigt, mir ist gerade nicht... eventuell eine Kreislaufschwäche...“
Leanora blickte ihn mit erschrockenen Augen an, wirkte das Gift bereits? Das durfte nicht wahr sein, gab es denn nichts, was sie tun konnte? Dieser Mann hatte sich auch in sie verliebt, er würde für sie da sein. Sie musste ihm helfen!
Tjark torkelte, ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Leanora kniete vor ihm nieder, streichelte sein Gesicht, und sah, wie dieses blau anlief. „Und ich habe mich in Euch verliebt, Tjark. Es tut mir alles so leid.“ Sie ließ ihren Tränen nun freien Lauf, sie merkte, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte, sein Todeskampf hatte begonnen. Aus seiner Nase lief ein dünner Blutfaden, dennoch lächelte er bei ihren Worten. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, nahm seine Hand und musste die letzten qualvollen Minuten miterleben, wie ihre große Liebe langsam starb. Und das durch ihre Schuld.
„Geh‘ nicht von mir, Tjark, geh nicht!“ flüsterte sie.
„Ich werde im Nichts auf Dich warten, meine Liebste...“ Dann fiel seine Hand schlaff hinab.
Oberst Tjark von Talisker war tot.
Leanora blieb bei ihm sitzen, die Tränen liefen lautlos über ihre Wangen. Was hatte sie nur getan?


Vernita öffnete die Tür auf der rechten Seite des Vorraums. Dahinter lag das Arbeitszimmer des Kommandanten. Sie sah den schweren Schreibtisch neben dem der Kommandant auf dem Boden lag. Anhand seiner blau gefärbten Gesichtszüge, sah sie sofort, dass ihr Gift seinen Zweck erfüllt hatte. Die Elfe hoffte nur, dass Leanora zuvor och die Information bekommen hatte, die sie benötigten. Als sich Vernita weiter im Raum umschaute, erblickte sie auch gleich die blonde Frau. Sie kniete neben der Leiche das Mannes und... weinte?
„Wie ich sehe, seid Ihr den Kerl bereits losgeworden“, bemerkte die Elfe, wobei sie auf Leanora zuging. „Aber warum weint Ihr? Hat dieser Bastard Euch was angetan?“


Leanora schrak aus ihrer Trauer auf, als Vernita sie ansprach. Sie runzelte die Stirn. Welchen Schwachsinn verzapfte Vernita hier? Der Oberst sollte ihr etwas getan haben?
Sie löste sich von dem Leichnam, drückte seine Augenlider zu und streichelte ihm ein letztes Mal übers Gesicht. „Ruhe in Frieden, Tjark. Ich werde dich nie vergessen.“ In Gedanken fügte sie hinzu: und ich werde Dich immer lieben; aber das äußerte sie nicht.
Leanora stand auf, sie fühlte sich seelenlos, wie eine Marionette. Mit verweinten Augen blickte sie Vernita an.
„Nein, er hat mir nichts getan, er war ein äußerst charmanter und höflicher Mann. Er hat mir lediglich aufgezeigt, wie grausam das Schicksal sein kann. Wir haben uns ineinander verliebt.“ Ihre Stimme gehorchte ihr nicht mehr, deswegen drehte sie sich um, zog die linke obere Schublade auf und holte den Schlüssel hervor. Dann drückte sie Vernita das Schreiben des Arls in die Hand.
„Hier. Das hat er zuletzt gelesen, meine Tarnung flog auf. Er hätte…“ sie schluckte, und wieder versagte ihr die Stimme, als sie weitersprach. „Er wollte mich schützen und hätte mich versteckt oder wäre mit mir geflohen.“
Schnell huschte sie ins Badezimmer zurück, beanspruchte noch einmal die Wasch-Schüssel, um ihr Gesicht zu waschen - vor allem die Tränenspuren waren zu beseitigen. Sie durfte nur nicht daran denken, sonst würde sie den Rest des Tages schluchzen.
Letztlich schaffte sie es, ihr erhitztes Gesicht etwas zu kühlen und ging wieder zurück in das Büro. Sie trat ans Fenster und zeigte, wie kurz zuvor Tjark, hinaus auf den Hof, nach links unten.
„Da unten in diesem Trakt sind Azoth und Miandra untergebracht. Wir müssen durch die Folterkammern, ehe wir die Zellen erreichen. Wahrscheinlich sind sie in der mittleren Zelle eingesperrt. Oder wir treffen sie im Folterraum, der Kommandant meinte, sie würden noch vorm Frühstück... ‚verhört‘... werden.“
Sie seufzte auf, stockend. Die Schluchzer waren am verebben, aber sie fühlte sich tot. So tot, wie Tjark es war.


„Wollt Ihr mich zum Narren halten, Leanora? Ihr habt Euch in diesen Kerl verliebt? Wie kommt Ihr nur auf so eine Schnapsidee?“
meinte Vernita ungläubig. Sie konnte einfach nicht fassen, was sie gerade gehört hatte. Doch bevor die blonde Frau etwas hätte erwidern können, winkte die Elfe schon ab. „Aber ich verstehe schon. Ihr seid einfach zu jung und unerfahren für so einen Auftrag. Hätte Euch nie damit betrauen sollen. Hätte wissen müssen, dass Ihr für so etwas zu weich seid. Aber vielleicht ändert Ihr Eure Meinung noch, wenn Ihr seht, welche Gräuel Euer ach so toller Kommandant seinen Gefangenen zukommen lässt. Dann wisst Ihr, wie dieser Kerl wirklich war.“
Vernita trat vor Leanora, und ergriff ihre Schultern, wobei sie der Frau fest in die Augen sah. „Und noch etwas. Der Kerl hat vielleicht behauptet, dass er Euch verstecken wollte und Euch liebt und was weiß ich, was er noch für einen Stuss von sich gegeben hat. Aber in Wahrheit wollte er Euch nur flachlegen. Er hat gesehen, dass Ihr jung und unerfahren seid und wollte das ausnutzen. Oder glaubt Ihr etwa wirklich, dass er sich für Euch hätte hängen lassen? Denn dieses Schicksal hätte ihn erwartet, wenn er Euch geholfen hätte. Also trauert nicht um diesen Abschaum. Er ist es nicht Wert, in Ordnung?“


Leanora sah ungläubig auf Vernita. Was erzählte diese Elfe da? Sie mochte ja jung und unerfahren sein, aber dass Tjark ihr alles vorgespielt hatte, glaubte sie nicht. Aber sie würde kein weiteres Wort darüber verlieren, lebendig wurde er dadurch auch nicht mehr. Sie hatte ihren Auftrag erfüllt, wenngleich für sie mit einem anderen Ausgang, als sie je gedacht hätte.
„Jung und unerfahren mag sein, aber unfähig? Immerhin ist er tot, oder etwa nicht? Und ich hab die Informationen. Die beiden leben noch, wie lange, steht in den Sternen. Also sollten wir uns sputen, die da unten rauszuholen. Außerdem kann ich nun wirklich keine Sekunde länger mehr hier sein, sonst überlege ich es mir noch anders und folge Tjark!“
Vor Frust nahm sie einen Keks, würgte ihn hinunter und schüttete den Rest ihres Tees hinterher. Sicherheitshalber durchsuchte sie noch einmal die Schubfächer des Schreibtisches, aber fand nichts mehr, was von Bedeutung hätte sein können. Sie tastete nach Geheimfächern, zuhause hatte sie in ihrem Sekretär eines eingebaut. Kurz darauf war sie fündig, ein kleiner Mechanismus löste ein Stück vom Unterboden des Schreibtisches, wo ein weiteres kleines Schubfach verstaut war. Ohne zu sehen, was darin versteckt war, raffte sie den gesamten Inhalt an sich und warf es in ihre Tasche.
Ihre Starre war abgefallen, genau wie damals beim Tod ihrer Familie kam ihre Energie nun zum Vorschein. Damals war sie völlig verunsichert und von daher in sich gekehrt. Jetzt fegte sie ähnlich einer Furie durchs Zimmer. Leanora fühlte sich, als hätte sie gerade Hummeln im Hintern, und das Adrenalin floss durch ihre Adern.
Sie wandte sich wieder an die Elfe. „Und wie geht es jetzt weiter? Als ich hier ankam, waren kaum Wachen unterwegs, aber das kann sich mittlerweile geändert haben. Wie komme ich in diesen Trakt?“


„Ich habe nicht behauptet, dass Ihr unfähig seid, Leanora“, erwiderte Vernita beschwichtigend. „Ihr lasst diese Dinge nur zu nah an Euch heran. Euch fehlt die nötige Distanz. Aber das ist ganz normal. Immerhin wird niemand zum Mörder geboren. Egal, wir müssen weiter. Uns läuft die Zeit davon.“
Die Elfe ging auf Leanora zu und ging vor dieser in die Hocke. „Nun, wir werden genauso vorgehen, wie bisher. Ich hoffe nur, dass Euch nicht allzu viel an diesem Kleid liegt, denn nun...“
Vernita zog ihr Messer und stach etwas oberhalb der Kniehöhe zwischen den Beinen der junge Frau durch den Stoff des Kleides. Dann schnitt sie mit einer schnellen Bewegung nach unten, bis das gute Stück einen langen Schlitz hatte. Anschließend packte sie die unter Hälfte des Kleides und riss diese rundherum ab.
„Nun seid Ihr beweglicher, wenn es zum Kampf kommt, und es sieht so aus, als hätte sich der Kommandant noch an Euch vergangen, bevor wir Euch zum Verhör in den Kerker gebracht haben. Somit kommen wir ungestört in den Zellentrakt. Allerdings fehlt da noch was...“
Die Elfe erhob sich wieder, bevor sie einige der Haarnadeln aus Leanoras Frisur zog und diese ein wenig in Unordnung brachte. Anschließend riss sie das Kleid oberhalb der linken Brust der Frau etwas ein.
„So wirkt es realistischer. Fehlt nur noch eins, dann können wir gehen. Und das macht mir wirklich keinen Spaß“, meinte Vernita, während sie einen der Kettenhandschuhe auszog. Kurz darauf gab sie Leanora eine schallende Ohrfeige. Die Wucht des Schlages ließ die Wange der Frau etwas anschwellen und in einem dunklen rot pochen.
„Tut mir leid, Leanora“, entschuldigte sich die Elfe, während sie ihren Handschuh wieder überzog. „Aber so seht Ihr wirklich aus, als hätte Euch der Kerl vergewaltigt. Sobald wir hier rauskommen, dürft Ihr mir auch eine Klatschen. Als Ausgleich sozusagen.“
Vernita grinste breit. „Und nun gebt mir Eure Tasche. Ich hebe sie auf, bis wir hier rauskommen. Dann bekommt Ihr sie wieder. Nur jetzt sollte ich sie tragen, als meine ‚Beute‘ sozusagen. Schließlich wird den Gefangenen alles weggenommen, was sie besitzen.“


Leanora war kurz vor einem hysterischen Lachanfall, aber sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie weinen oder lachen sollte. Rowan würde sie umbringen, wenn sie das zerfetzte Kleid sah. Und der Kommandant sie vergewaltigt? Meilenweit davon entfernt... aber diese Gedanken verscheuchte sie sofort, sonst würde sie wirklich wieder anfangen zu weinen.
Die Tränen schossen ihr allerdings wieder in die Augen, als Vernita ihr die Ohrfeige verpasste. Bei Andraste, der Schlag war nicht von schlechten Eltern, Leanoras Kopf flog durch die Wucht beiseite. Die Elfe traf ihre Backe absolut zielsicher, und sie hätte schwören können, dass sie sich dadurch die Innenseite der Wange aufgebissen hatte. Jedenfalls brannte diese nun wie Feuer, und sie hatte das Gefühl, als würde sie auch aufschwellen.
„Aua!“ Reflexartig hielt sie ihre Hände an die Wange, aber das brachte rein gar nichts. Wenn, dann hätte kaltes Wasser geholfen. Wütend blitzte sie Vernita an.
„Wäre das nicht eine Spur zarter möglich gewesen? Ich hoffe, der Backenknochen ist nicht gebrochen“ meckerte sie, fügte sich aber dennoch ihrem Schicksal. Sie händigte der Elfe die Tasche aus, welche diese sogleich umhängte.
Sie blickte an sich hinab. Das Kleid war wirklich völlig kaputt, der Riss an ihrer Brust ließ mehr erkennen als es verhüllte. Wäre Tjark zu so etwas fähig gewesen? Ihre Gefährten waren mittlerweile wieder an der Tür, bereit zum Aufbruch. Leanora ging ein letztes Mal zurück zu Tjark und blickte ihn an, so als ob sie sich sein Gesicht für immer einprägen wollte. Dann ging sie zu Vernita. Sie musste die Geschockte nicht spielen, sie war es.
„Dann mal los...“ seufzte sie auf, und gemeinsam verließen sie die Amtsstube des toten Oberst.


„Wenn ich Euch nur getätschelt hätte, hätte es nicht echt gewirkt, Leanora“, grinste Vernita. „Aber keine Angst, ich habe meine Kräfte gut im Griff. Um Euch den Kiefer zu brechen, hätte ich schon etwas fester zuschlagen müssen. Das ist nur eine leichte Schwellung. Morgen wird das Ganze schon wieder vergessen sein. Aber Ihr habt recht. Machen wir uns lieber auf den Weg.“
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 1:42 am

Im nächsten Moment sah Rowan, wie Hennrik von mehreren Bolzen durchbohrt wurde, die aus den Wänden geschossen kamen. Einer davon traf ihn direkt durch den Hals und beendete sein Leben innerhalb weniger Herzschläge. Lautlos sackte er zu Boden und blieb dort regungslos liegen. Rowan selber wurde von zwei Bolzen getroffen. Einer war in ihren rechten Oberschenkel geschlagen, der andere steckte in ihrem unteren Rücken. Sie robbte zu Hennrik herüber und beugte sich verzweifelt über ihn. Doch was war zu spät. Ihm konnte nicht mehr geholfen werden.
Rowan keuchte auf vor Schmerz und Überraschung. Tränen traten in ihre Augen und für einen Moment blieb sie erschöpft sitzen. Immer mehr Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Sie hatte versagt. Sie hatte nicht aufgepasst und den zweiten Mechanismus nicht entdeckt. Und Hennrik hatte dafür büßen müssen. Der Mann, der in der ganzen Gruppe immer am Fröhlichsten gewesen war. Nun war er von ihnen gegangen und sein Blut klebte an ihren Händen...
Sie riss sich zusammen und wischte sich die Tränen weg. Mit großer Mühe zog sie sich den Bolzen aus dem Oberschenkel und verband sich das Bein provisorisch. An das Geschoss im Rücken kam sie nicht dran und so ließ sie es stecken. Sie zog Hennrik an die Seite. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, seinen Leichnam auf dem Rückweg zu bergen.
Sie biss die Zähne zusammen und ignorierte die Schmerzen als sie weiter zog. Nach wenigen Metern kam sie an ein Eisengitter, das ihr den Weg versperrte. Es war eine Tür eingelassen, die als Durchgang diente und die natürlich verschlossen war. Doch anscheinend rechnete nun wirklich niemand mehr damit, dass Eindringlinge bis hierher vordrangen, denn es war ein leichtes für Rowan, das Schloss zu knacken. Die Tür klemmte etwas und sie musste daran rütteln, um sie auf zubekommen. Dabei hallte das Scheppern laut durch die Tunnel. Sie trat hindurch und nur wenige Augenblicke später hörte sie von vorne Geräusche. Es war ein lautes Schnaufen und Knurren, was sich in großer Geschwindigkeit ihrem Standpunkt näherte. Rowan zog ihre Messer und ging leicht in die Hocke. Im nächsten Moment stürmten drei Mabarihunde um die Ecke und liefen direkt auf sie zu. Ihre Lefzen waren hochgezogen und die Zähne gefährlich gefletscht. Zwei liefen vorneweg, der dritte lief aus Platzgründen dahinter. Eines der Tiere setzte zu einem Sprung an. Rowan ließ sich auf die Seite fallen und rutschte unter ihn. Dabei schlitzte sie dem Hund den Bauch auf. Blut und Eingeweide fielen warm auf sie herab und bedeckten ihre Lederrüstung. Der zweite Kriegshund war schon bei ihr und schlug ihr die Zähne in die linke Armschiene. Doch bevor sich seine mächtigen Kiefer schließen konnten, hatte Rowan ihm das andere Messer zwischen die Augen gerammt. Schnell war sie wieder auf den Beinen.
Der dritte hatte angehalten und blieb starr vor ihr stehen. Er knurrte gefährlich und sein Gesicht war verzerrt. Rowan musterte ihn. Der Hund war sehr abgemagert und hatte struppiges Fell. Seine Rippen traten deutlich unter der Haut hervor und ein Geschwür wand sich um seinen linken, hinteren Oberschenkel. Er schien zu überlegen, ob sich ein Angriff lohnen würde, doch der Hunger musste zu groß sein. Mit einem kräftigen Satz sprang er auf Rowan zu. Sie wich zur Seite aus und zog ihm ein Messer über die Kehle. Röchelnd sackte das Tier zu Boden und Rowan beendete sein Leben mit einem Stich in sein Herz.
Sie wischte sich das Blut aus dem Gesicht und steckte ihr Messer wieder zurück. Bei genauerer Betrachtung waren die anderen beiden ebenfalls in einem schlechten Zustand gewesen. Anscheinend hatte sich in letzter Zeit kaum einer um sie gekümmert. Das war ein gutes Zeichen. Dann rechnete niemand mit Eindringlingen aus diesen Tunneln.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 4:09 pm

Angekettet und unbeweglich vernahm sie Gelächter und schmerzerfüllte Schreie aus dem Hintergrund. Sie hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten und versuchte an etwas anderes zu denken, doch es gelang ihr nicht. Vor sich sah sie nur eine Wand, und von der Decke schien Blut wie bei einem sanften Nieselregen herabzutropfen. Plötzlich spürte sie, wie sie am Arm gepackt wurde, und ihr jemand etwas ins Ohr flüsterte. Sie verstand die Worte nicht, sie waren so unklar, so verzerrt, doch derjenige verschwand kurze Zeit darauf. Das Blut lief ihr inzwischen langsam über das Gesicht, und tropfte vom Kinn zu Boden. Sie wagte es nicht, nach oben zu blicken, um zu wissen, woher es stammte. Sie hörte das Surren einer Peitsche, und rechnete jeden Moment mit einem Schlag.
Sie wurde nicht getroffen, stattdessen ertönten weitere Schreie, eine Stimme, die sie kannte. Trotz der Ketten drehte sie sich unter Schmerzen zur Seite. Was sie sah, ließ ihren Herzschlag aussetzen, und es innerlich zerbrechen, ihre Augen weiten und mit Tränen erfüllen, welche sich mit dem Blut an ihren Wangen vermischten.
Sie sah mehrere Schauspiele gleichzeitig, doch jedes davon war grausamer als das andere, und es gab nichts, das sie hätte dagegen tun können.
Ein Mann, den sie nicht zu kennen vermochte, der einen schreienden weinenden Säugling brutal an die Wand drückte, und den kleinen Körper nach und nach mit rostigen Nieten an die Wand hämmerte, wie ein einfaches Flugblatt. Ein schreiendes, weinendes Stück Papier, welches sich rot zu färben schien, und nach einem Röcheln verstummte.
Der fette Ingo mit einem wahnsinnigen Grinsen, wodurch sich sein Doppelkinn, wie eine Wulst über den Kragen seiner Rüstung drückte, vor welchem jedes Kind Albträume bekommen würde, mit der Peitsche in seiner Rechten, mit der Rosendornenkette bestückt, mit welcher er auch auf Miandra bei der letzten Folter eingeschlagen hatte. Blutende Hautfetzen, die vom Körper getrennt wurden, verfingen sich bereits darin, doch egal wie blutüberlaufen und fleischlos der Rücken auf den er einschlug bereits war, er hörte nicht auf, genoss jeden schmerzverzerrten Aufschrei. Erst im zweiten Moment erkannte sie das Gesicht… der Elfe, den Blick zur Wand, auf den blutenden Säugling gerichtet, mit Tränen in den Augen, bis auch sie am Boden zusammenbrach, ihr Gesicht in ihre eigene Blutlacke fiel, und Ingo selbst noch auf sie einschlug, als sie nur noch leblos da lag, nur noch ihre Nerven ein Zucken von sich gaben und sie aus leeren Augen an die Wand starrte.
Das dritte Schauspiel war nur zwei Schritte davon entfernt. Sie sah einen Mann von hinten. Er drückte ein junges Mädchen gegen die Wand, hielt ihr den Mund zu. Die Augen des Mädchens waren angstvoll zugepresst, Tränen drangen daraus hervor, und liefen über die Hand des Mannes. Mit seiner anderen Hand fuhr er lüstern über ihren nackten jungen Körper, bis er sich schließlich daran vergriff. Selbst durch die Hand, welche er an ihren Mund presste, konnte man dumpfe Schmerzens- und Angstschreie vernehmen. Nachdem er sich scheinbar Stunden an dem jungen Geschöpf vergangen hatte, griff er nach einem Dolch, und schlitzte ihr ohne Vorwarnung die Kehle auf. Er ging einen Schritt zur Seite und verschwand für kurze Zeit im Schatten. Das Mädchen fiel nach vorne auf die Knie, drückte ihre schmalen Hände reflexartig an ihre Kehle, und blickte mit glasigen braunen Augen zu Miandra. Ein leichtes unscheinbares Lächeln stahl sich über das Gesicht des Mädchens, bevor ihr das Leben aus Körper gesogen wurde, und sie leblos zu Boden krachte. Blut quoll aus ihrem Mund und Hals, vermischte sich mit dem der toten Elfe, und tauchte ihre schwarzen Haare in die warme rote Farbe.
Einen kurzen Moment schien alles Leben aus dem dunklen Raum gewichen zu sein, selbst Ingo schlug nichtmehr auf den Leichnam ein, und war zusammen mit den anderen beiden nur noch ein Teil des dunklen Schattens. Ein Moment, in dem Miandra regungslos zu Boden starrte, nicht fähig zu realisieren, was sie gerade gesehen hatte. Ihr Lebensinhalt lag auf dem steinernen Boden, starb vor ihren Augen unter Qualen die sie kannte und die niemand sonst verdient hätte.
Plötzlich erschien vor ihren Augen das Gesicht des Mannes, der sich gerade an dem Mädchen, ihrer Tochter, vergriffen hatte, mit einem psychisch gestörtem Grinsen. Er leckte die Klinge des Dolches ab, und befeuchtete mit dem Blut seine Lippen.
Es war das Gesicht ihres Vaters, welches sich urplötzlich zu duplizieren begann, immer wieder, bis sie unzählige Gesichter vor sich sehen konnte, die alle im selben Takt zu lachen begannen.

Miandras Puls raste, sie schnappte nach Luft und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Wäre sie nicht so lädiert gewesen, so wäre sie aufgesprungen vor Schreck. Stattdessen bewegte sie sich nicht, und begann eher langsam zu realisieren, dass es sich um einen Albtraum gehandelt hatte. Ihren letzten Traum hatte sie vor Jahren, noch bevor ihr Bruder starb. Sie hatte vergessen, wie sich so etwas anfühlte.
Sie spürte noch immer Azoths Hand auf ihrem Kopf, und blickte auf. Er sah völlig entkräftet und übermüdet aus, und schien ins Leere zu starren, saß noch immer in derselben Pose, wie zuvor. Miandra wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, sie wusste nur, dass ihr alles weh tat und sich die Bilder ihres Traumes immer wieder vor ihr abspielten.
Doch dann regte sich Azoth und blickte zu einer anderen Stelle, und sie konnte an seinem Blick ablesen, dass sie an der Reihe waren.


Zwei gepanzerte Männer öffneten die Zellengittertür. Es handelte sich um Thomas und Roy, welche für die Frühschicht eingetragen waren. Ohne besondere Ankündigung gingen sie auf die beiden zu. Roy packe Miandra und Thomas Azoth. Erst wollten sie die zwei dazu zwingen aufzustehen, um sich Arbeit zu ersparen, doch keiner von ihnen hatte Kraft um zu stehen geschweige denn zu gehen. Daher zogen sie die beiden einfach an den Armen haltend mit sich, bis sie hinter der Holztür verschwanden.
„Ah da sind unsere beiden Hübschen ja, wie schade, dass wir gestern keine Zeit mehr für euch hatten“, ertönte eine bekannte Stimme, welche Azoth und Miandra zeitgleich zusammenzucken ließ.
„Schnallt diesen Abschaum auf die Streckbank, heute kommt er uns nicht so ungeschoren davon, ich kümmere mich einstweilen um das Püppchen.“
Ingo begann wohl über einen eigenen Witz zu lachen, wodurch er eher wie ein Genlock als ein Mensch klang. Da er scheinbar ein wirklich hohes Tier unter den Folterknechten war, begannen auch Thomas und Roy zu lachen, aber eher so, als würden sie ihn andernfalls beleidigen.
„Was steht ihr hier so rum! Ihr habt doch gehört was zu tun ist!“, schrie er plötzlich erzürnt.
Thomas und Roy erstarrten einen Augenblick, packen anschließend mit einem „Sehr wohl...“ Azoth erneut an den Armen und begannen ihn an die Folterbank zu schnallen.
Ingo drehte sich hastig um und griff nach einer Kette, die von der Decke hinab hing. Er zog diese bis zum Boden herab und kettete sie gekonnt an Miandras Füße. Anschließend nahm er eine weitere Kette. Das eine Ende schloss er an ihre Armgelenke, das andere an ihre Fußgelenke, so dass sie ihre Arme nicht mehr nach oben heben konnte.
Mit einem bösen Grinsen im Gesicht ging er zu einer speziellen Vorrichtung und begann daran zu kurbeln. Die Kette an Miandras Füßen begann sich zu spannen, bis sie nach einigen wenigen Sekunden nach oben gezogen wurde, und schließlich verkehrt in der Luft hing. Sie spürte wie sich die Ketten in ihre Arm- und Beingelenke schnürten, an ihren Knochen rieben. Ihr stieg das Blut zu Kopf und purer Angstschweiß trat aus ihren Poren und lief über ihr bebendes Gesicht.
Ingo ließ die Vorrichtung einrasten und ging auf sie zu. Ihr Gesicht hing etwas tiefer, sodass er sich bücken musste, um ihr in die Augen sehen zu können. Schon fast übertrieben liebevoll strich er ihr mit einem Finger über die Wange und flüsterte ihr ins Ohr. „Den wirst du nicht mehr brauchen.“
Ohne weitere Worte richtete er sich wieder auf und fuhr mit dem scharfen Messer, ohne Rücksicht auf ihren Körper zu nehmen, über den bandagierten Rücken. Ein gerader Schnitt von oben nach unten. Miandra spürte wie sich die Messerspitze durch all die beschädigten Stellen ihrer Haut am Rücken ritzte, und sich der Verband lockerte. Sie biss die Zähne zusammen und zitterte, wollte ihm nicht die Freude bereiten zu schreien. Als die Bandagen komplett durchtrennt waren, packte er sich die beiden Enden, und zog den Verband ruckartig von ihrem Körper, wie ein Pflaster. All die Hautfetzen und all das Blut, das an dem billigen Leinenstoff klebte und sich festgesaugt hatte, rissen die Wunden erneut auf.
Nun konnte sie den Schrei nicht unterdrücken. Sie hätte auf das Leben ihrer Tochter schwören können, dass das Abziehen des Verbandes, und das damit verbundene Aufreißen der Wunden, noch drei Mal so schmerzhaft war als die eigentlichen Schläge mit der Peitsche.
Rubinrotes Blut quoll erneut aus ihr heraus, lief ihren Körper hinab, und tropfte zu Boden, wo sich wohl schon bald eine Blutlache bilden würde. Im Hintergrund das Lachen des scheinbaren Genlocks. Verschwommen sah sie ihn gackernd vor sich stehen. Sein Gesicht, mit diesem schwabbeligen Doppelkinn, die fettigen und vom Schweiß durchnässten dunkelbraunen Haarlocken, die ihm immerzu über die Stirn hingen und einen so extremen Kontrast zu seiner hellen unreinen Haut boten. Sein Grinsen und Lachen, welches seine gelben Zähne und Zahnlücken offenbarte. Seine Stimme, dieser dumpfe Ton, der voller tyrannischer Macht war. Seine Augen, dunkelbraun, teilweise kalt und leblos und dennoch erinnerten sie an ein unmenschliches immerzu wütendes Wesen. All das brannte sich in jenem Moment in Miandras Gedächtnis, nie würde sie vergessen wie der Mann aussah, der ihr und vielen anderen solches Leid zufügte und trotz der Schmerzen und der fiebrigen Erschöpfung spürte sie diesen unermesslichen Hass auf diese Person. Er war derjenige, der an dieser Kette hängen sollte wie ein wertloser Gegenstand.
Nachdem er den Verband abfällig und weiterhin grinsend zu Boden warf, krallte er sich mit dem Panzerhandschuh an ihrem blutüberströmten Rücken fest, schien daran zu drehen und sie weiter zu sich zu ziehen. Erneut musste sie aufschreien vor Schmerzen. Er fuhr ihr mehrmals mit den spitzen Metallfingern über ihre blutenden Wunden, als würde es ihn erregen und als würde er es mehr als nur genießen sie bei jeder Berührung leidend schreien und stöhnen zu hören. Nach einigen kurzen Minuten, welche Miandra wie Stunden vorkamen, ließ er ihren Rücken los und fasste stattdessen mit dem blutüberlaufenen Handschuh auf ihre Brüste.
Miandra sog scharf Luft ein, presste die Augen weiter zusammen, und versuche es zu ignorieren, doch das Gefühl war für sie in diesem Moment fast schlimmer als die Schmerzen an ihrem Rücken. Sie redete sich ein an etwas anderen zu denken, und begann fast mit sich selbst zu sprechen, doch bei geschlossenen Augen schienen immer wieder die Bilder ihres Traumes in ihres Kopf zu drängen, und schon bald wusste sie nicht mehr, was real war und was nicht. Zu viele grausame Gefühle und Bilder vermischten sich mit dem Fieber und der Erkältung, und nun begann jede einzelne Faser ihres Körpers voller Angst, Schmerz und dem Gefühl von Demütigung zu zittern.
„Da haben wir also deine Schwachstelle“, stellte Ingo fest und begann abermals zu lachen, sodass Miandra sein ekelerregender Atem in die Nase stieg und sie am Rande einer Ohnmacht stand. Anschließend näherte er sich ihr weiter und leckte lüstern mit seiner stinkenden, rauen und dennoch schlabbrigen Zunge über ihren Bauchnabel und ihre Brüste, verschmierte das Blut mit seiner Rechten auf ihrer noch unverletzten Haut, wie Farbe auf einem Gemälde.
Miandra verkrampfte sich immer mehr und spürte, dass er ihr währenddessen das Messer an die Kehle drückte. Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob es nicht besser gewesen wäre, sich einfach ruckartig zu bewegen, um sich die Klinge selbst in den Hals zu rammen. Sie würde wahrscheinlich an ihrem eigenen Blut ertrinken, doch dieser Gedanke war für sie um Längen angenehmer als das Gefühl von diesem widerlichen Kerl angerührt zu werden. Doch irgendetwas schien sie davon abzuhalten es zu tun, und die Chance wurde ihr nur wenige Sekunden gewährt.
Er entfernte das Messer, mit ihm ihren sicheren Tod und ihren letzten Hoffnungsblick. Ingo setzte die Klinge an ihrem Bauch an, und ritzte unsichtbare wellenartige Linien nach. Er fuhr mehrmals von ihrem Bauch zu ihren Brüsten, bis sich lauter dünne rote Muster zeigten.
Miandra regte sich nicht. Sie spürte keine weiteren Schmerzen und versank in fiebrige Gedanken, die um Leben, Tod, Traum und Wirklichkeit handelten.
Ingo wurde wütend darüber, dass seine Folter nicht zu wirken schien und verpasste ihr eine kräftige Ohrfeige, die sie an der Kette baumeln ließ aufgrund deren Wucht. Blut lief inzwischen von ihrem gesamten Körper nach unten, schon fast über ihr Gesicht. Aber nun auch von ihrer Lippe, über ihre Nase bis hin zu ihrer Stirn, und tropfte in immer kürzeren Abständen auf den dreckigen Steinboden unter ihr.


„Verdammt hör auf! Ich sagte doch sie hat mit all dem nichts zu tun!“, schrie Azoth plötzlich mit schwacher aber zugleich wütender Stimme. Sein Blick war flehend, seine Augen voller Tränen, seine an der Streckbank befestigten Hände zu Fäusten geballt vor Zorn.
Ingo wandte sich mit einem Grinsen an Azoth und ging auf ihn zu. Als er am Tisch vorbei kam schnappte er sich kurzerhand einen Hammer und einige Nieten. Ohne etwas zu sagen rammte er Azoth eine der Nieten direkt in den Oberarm, und schlug mit dem Hammer mehrere Male darauf, bis diese komplett wie ein Nagel im Holz in seinem Fleisch verschwand. Azoth schrie auf und zuckte zusammen. Die Niete war relativ lang, und sah auf der anderen Seite seines Armes wieder heraus, wie ein Pfeil, und bohrte sich in das Holz der Streckbank. Wortlos und völlig kalt fuhr Ingo fort, schlug ihm insgesamt zwanzig Nieten in die Arme und Beine und Azoth betete bei jeder neuen Niete, dass diese die letzte sein würde. Anschließend trat Ingo einen Schritt zurück und musterte sein Opfer mit einem zufriedenen und selbstgefälligen Grinsen.


Miandras verschwommener Blick glitt zu der Streckbank und Tränen füllten ihre Augen. Sie sah immer wieder das Bild des Säuglings, welcher an die Wand genagelt wurde, hörte Stimmen die schreiend in ihren Ohren hallten und spürte, wie es sie vor Kälte zu schütteln begann.


„Hör zu, selbst wenn sie nichts damit zu tun hat, so ist es mir ziemlich gleichgültig“, begann Ingo plötzlich völlig ruhig und verschränkte die Arme. Sein Grinsen war verschwunden, sein Blick war ernst.
Azoth blickte Ingo mit schmerzverzerrtem Gesicht an. Schweiß stand auf seiner Stirn, er zitterte und Blut floss aus den durchbohrten Stellen an seinem Körper. Er war angenagelt an der Streckbank, konnte sich keinen Millimeter bewegen, und wagte es kaum zu atmen.
‚Es geht hier nicht um Euch oder mich.‘
Er hörte immer wieder Miandras Worte und qualvollen Schreie, sah diese unmenschliche Person vor sich, und verspürte noch nie einen solchen Hass, wie in jenem Augenblick. Am liebsten hätte er sich von der Streckbank los gerissen, und wäre ihm wie ein wilder Mabari an die Kehle gesprungen, um ihn eigenhändig zu zerfleischen und in tausend blutende Fetzen zu reißen. Er musste das tun, er wollte es tun, aber er konnte es nicht.
„Ich erledige nur meine Arbeit. Das Volk ist glücklicher zu hören, wir haben zwei Mörder getötet, als zu hören, dass eine Unschuldige die Folter ertragen musste. Also hör auf mit dieser Lügerei, wir wissen doch beide, dass es besser ist, du gestehst, dass sie mitgeholfen hat und sagst mir die Namen der anderen. Denn die Version, dass diese ebenfalls tot sind… glaube ich dir nicht.“
Azoth regte sich nicht. Er würde nicht gestehen, niemals, egal wie viel Hass er in diesem Moment gegen Ingo hegte. Es würde nichts für ihn und Miandra ändern, wenn er etwas sagen würde.
Ingo wartete einige Momente auf eine Antwort und blickte Azoth dabei durchdringend an, doch als er sah, dass sich dessen Miene keine Spur veränderte, seufzte er. „Also schön, wenn ihr es unbedingt auf die harte Tour wollt...“
Er packte eine Zange, mit welcher er die Nieten brutal und rücksichtlos wieder herauszog. Teilweise riss er etwas Haut mit, doch das schien ihn nicht sonderlich zu kümmern. Azoth schrie bei jeder einzelnen der Nieten auf, wobei ihm unkontrollierbare Tränen aus den Augen schossen. Er glaubte bei jeder sie wäre die letzte, hoffte und betete innerlich, die Schmerzen mögen bald enden. Dennoch verspürte er noch immer Hoffnung, wo doch keine war. Er konnte nicht einfach aufgeben, doch letzten Endes musste er wohl akzeptieren, dass es keinen Ausweg gab.
Nachdem Ingo alle Nieten wieder herausgezogen hatte, welche nun mitsamt Hautfetzen in der Blutlache am Boden lagen, entfernte er sich Azoth erneut, und betrachtete sein ‚Werk‘. Wie bei einer Quelle in den Bergen, floss das Blut über Azoths Körper auf das Holzbrett, wo es in jede einzelne Holzfaser lief, bis hin zum Steinboden, zwischen dessen Fugen es zu verschwinden schien.
Ein breites Grinsen legte sich über Ingos Gesicht. Wahrscheinlich sah er sich selbst als eine Art Künstler an, der seine Arbeit liebte, und sich an jedem Gefangenen austobte, wie ein Maler an seinem Bild.
Achtlos warf er das ‚Werkzeug‘ mit einem scheppernden Geräusch auf den Tisch. „Thomas, stell das Fass unter unsere stumme Göre… Roy, du darfst nun auch die restlichen Teile dieses Spitzohrs langziehen.“
Scheinbar hatte Ingo genug vom ersten Folterteil, bei dem es hieß, hauptsächlich die Haut und Psyche zu schädigen. Er könnte ihnen theoretisch noch jeden einzelnen Fingerknochen brechen, doch er schien keine Lust mehr auf die beiden zu haben, er brauchte wieder Frischfleisch, welches er mit Blut besudeln konnte. Er setzte sich auf einen kleinen dreifüßigen Hocker und lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer an die Wand.


„Lass sie runter“, sagte er schließlich kühl und deutete ohne hinzusehen zu Miandra, als sei sie nur irgendein unbedeutender Abfall, den er nun entsorgen müsste.
Roy verstand sofort, betätigte die kurbelartige Vorrichtung, und ließ Miandras Kopf dadurch in dem Fass welches er unter sie gestellt hatte verschwinden.
Sie holte keine Luft, selbst nicht als sie spürte wie ihre Haare die Wasseroberfläche berührten. Sie ließ es einfach nur noch geschehen. Ihr Kopf versank komplett in einem eiskalten dunklen Gebräu. Dies war definitiv kein reines Wasser mehr, sondern eher eine Mischung aus Wasser, viel Blut und vielen anderen Ausscheidungen worüber sie nicht länger nachdenken wollte. Sie ließ die Augen offen, spürte die Kälte in ihrem Gesicht, sah nichts als Schwärze und unterschiedlichste Bilder vor sich. Die kalte Flüssigkeit drang sofort in ihre Nase, da sie verkehrt eingetaucht wurde. Sie begann ungewollt unter Wasser zu husten, und verspürte den Drang danach Luft zu holen, wo doch keine war. Es war nur eine Frage der Zeit bis der Drang zu hoch sein würde, um ihm widerstehen zu können. Sie begriff, dass dies das Ende war, versuchte ihre Muskeln zu entspannen um es einfach nur noch geschehen zu lassen, und wartete darauf, dass ihr Körper reagieren würde.


Azoth starrte auf Miandras blutigen Körper, dessen Kopf in dem Fass verschwunden war. Sie blieb so ruhig, zappelte nicht, und er dachte sie würde die Luft anhalten. Einige Regungen und er würde wissen, dass ihr Leben vorbei sein würde. Und im selben Moment spürte er neue höllische Schmerzen, die seiner Kehle ein Stöhnen entweichen ließ. Thomas betätigte die Streckbank und zog seine Gliedmaßen mit einer dicken eingefetteten Schnur auseinander. Azoth wirkte mit letzter Kraft dagegen, eine Anstrengung, welcher er in seinem Zustand nicht lange stand halten konnte. Seine Arm- und Beinmuskeln waren zutiefst beschädigt, bluteten noch immer wie aus Strömen, sodass er die Zähne so fest zusammenbeißen musste, dass ihm sein Kiefer ebenfalls zu schmerzen begann. Auch dies war nur ein reines Zeitspiel. Seine Kräfte würden nachgeben, seine Knochen würden sich trennen, und er würde verbluten.


Ingo blieb währenddessen schäbig grinsend auf dem kleinen Hocker sitzen und wartete auf ein Geständnis des Elfs. Würde er etwas sagen, so würde er sie am Marktplatz hängen lassen, das Volk würde jubeln, und ihm würde man für seine gute Arbeit loben und bezahlen. Würde kein Wort in seine Ohren drängen, so würde er sie einfach sterben lassen und seinem Vorgesetzten sagen, dass sie im letzten Moment alles zugegeben haben, dann jedoch ihren Folterwunden erlagen. Was auch geschehen würde, er hatte gewonnen, wie immer, und dieser Gedanke stellte ihn mehr als nur zufrieden.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 5:16 pm

Die vier verließen die Amtsstube des Kommandanten und gingen durch den Vorraum, als plötzlich vor ihnen die Tür zum Hof geöffnet wurde. Ein junger, blondhaariger Soldat trat ein, bevor er sich auf die vier zu bewegte. Dicht vor ihnen blieb er stehen.
„Oh, sind das neue Gefangene?“ fragte der Soldat grinsender Weise.
„Ja“, entgegnete Vernita. „Wir bringen sie gerade in den Verhörraum zur weiteren Vernehmung. Und wo willst du hin?“
„Ich bin auf dem Weg zum Oberst, um ihm mitzuteilen, dass wir heute wohl für unsere neusten Gefangenen die Endlösung einleiten werden, ganz gleich, ob sie gestehen werden oder nicht.“
„Ah, verstehe“, murmelte die Elfe nachdenklich, wobei sie ihren Schrecken, den sie gerade bekommen hatte, gekonnt überspielte. „Nun, er ist in seiner Amtsstube.“
„Danke!“ meinte der junge Soldat noch, bevor er sich wieder in Bewegung setzte. Die Elfe ließ ihn an sich vorbeigehen, bevor sie zur Tat schritt. Sie kreiselte auf der Stelle herum und umschlang den Hals des Soldaten mit ihrem rechten Arm, wobei sie ihm die Kehle zudrückte. Überrascht griff der Jüngling nach diesem und wollte sich von ihr befreien, als sie schon den Fuß gehoben hatte und dem Mann mit voller Wucht ihn die Kniekehlen trat.
Der Soldat sackte weg, doch die Elfe ließ seinen Hals nicht los, was zur Folge hatte, dass sie dem Jüngling ganz einfach das Genick brach. Dies wurde von einem hässlichen, lauten Knacken begleitet. Als sie das hörte ließ sie den toten Körper des Mannes zu Boden fallen. Dann packte sie ihn an beiden Füßen und schleifte ihn in die Stube des Kommandanten. Nachdem sie die Leiche dort abgelegt hatte, trat sie wieder schnellen Schrittes zu den anderen.
„Ihr habt gehört, was der Jüngling von sich gegeben hat“, sagte sie gehetzt. „Sie wollen heute unsere Gefährten töten. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Außerdem bricht hier die nächste Verderbnis aus, wenn jemand die beiden Leichen findet. Los, verschwinden wir! Sofort!“


Leanora stellten sie die Haare zu Berge, als sie hörte, wie das Genick des jungen Mannes brach. Sie wurde eine Spur bleicher. Wie viel Tod und Verderben mussten sie verbreiten, um ihre beiden Gefährten hier rauszuholen? Sie unterdrückte das Gefühl der Übelkeit, als sie vor Vernita und Sareth dahin schritt.
Ihre Augen waren verheult, was dem ganzen eine realistische Note gab. Ausnahmsweise musste Leanora keine Rolle spielen. Sie war tatsächlich verzweifelt und fühlte sich hilflos ausgeliefert. An das, was noch auf sie zukommen würde, wollte sie noch gar nicht denken, sie würde es früh genug sehen.
Im Erdgeschoss war langsam Leben erwacht. Nur wenige Soldaten standen vorm Eingang, aber man merkte, dass gearbeitet wurde. Türen wurden geöffnet, Wächter mit Papieren nickten ihnen nur zu und verschwanden in anderen Räumen. Ihr Plan schien bisher aufzugehen.
Vernita stieß Lydia und Leanora in den Rücken. „Jetzt links!“ Die Elfe hätte dies auch einfach so sagen können, aber genau in dem Moment kreuzte eine andere Wache ihren Weg.
Kurz darauf erreichten sie den Eingang zum Zellentrakt. Wenige Worte von der Elfe reichten aus, um diesen zu passieren.
Langsam kam die Nervosität in Leanora zurück. Verstohlen schaute sie in die Gesichter der Gefangenen, manche von Leid gezeichnet, manche spuckten aus ihrer Zelle in den Gang, als die beiden vermeintlichen Wachen an ihnen vorbei schritten.
Leanora hörte, wie sich die Tür erneut öffnete. Das Frühstück wurde von zwei Soldaten gebracht. Eine Schale abgestandenes Wasser, und eine Scheibe trockenes Brot. Wortlos wurde die Kost einfach zwischen die Gitterstäbe geschoben. Als einer der Gefangenen zu schimpfen begann, hörte sie nur zynisches Lachen, und ein Platschen.
„Du hast keinen Durst? Auch gut, dann gibt es für heute nichts mehr!“ Die Wasserschale wurde dem Inhaftierten einfach ins Gesicht geschüttet und gleich darauf wurde die Zelle aufgesperrt. Leanora hörte, wie ein paar saftige Maulschellen verteilt wurden.
„Mensch Gilbert, du musst ihm doch nicht gleich die Nase brechen!“ hörte Leanora noch, bevor sie noch einmal ums Eck gingen und in einen weiteren Gang einbogen.


Vernita öffnete die alte, schwere Eichentür und betrat den dahinterliegenden Raum. Er wurde nur von zwei Pechfackeln erhellt, die an der feuchten, kalten Steinmauer hingen. Doch trotz der schwachen Beleuchtung, konnte die Elfe erkennen, welchem Zweck dieser Raum diente. Es war die Bühne der endgültigen Lösungen. Das Ende aller Qualen, aber bitte nicht zu schnell. Schließlich soll jedes Opfer dieses Kerkers wissen, dass der Tod eine Erlösung ist, die hart erkämpft sein will. Hier wurde einem nichts geschenkt. Nicht einmal ein friedvolles Ende.
Ein kurzer Blick der Elfe genügte, um dies zu erkennen. Denn hier gab es einen Galgen, einen Richtblock, in dem eine große, zweischneidige Axt steckte, eine Eiserne Jungfrau, mehrere lange, am Boden befestigte Pfähle, deren obere Enden angespitzt waren, sowie eine schlammige Grube, in der sich irgendetwas schlängelte. Hierhin brachten sie also die Personen, die für immer verschwinden sollten.
Ansonsten war der Raum leer. Niemand war hier. Trotzdem hörte Vernita ein Geräusch. Es war ein lautes Lachen, welches aus dem Nebenraum erschallte. Unter dem Türspalt auf der anderen Seite drang ein schwacher Lichtschein hindurch. Dort mussten sich Miandra und Azoth befinden. Da war sich die Elfe ganz sicher. Schnell durchquerte sie den Raum, wobei sie das Langschwert der Wache zog. Die anderen drei folgten ihr.
Sie riss die Tür auf der anderen Seite des Raumes auf und...verharrte mitten in der Bewegung. Was sie sah war einfach zu viel für sie. Sie hatte mit einigem gerechnet und sich auf das Schlimmste vorbereitet, doch es jetzt mit eigenen Augen tatsächlich sehen zu müssen, ließ sie vor Entsetzen erstarren. Wie gebannt starrte sie auf die dargebotene Zurschaustellung physischer Gewalt. Ihr Gesicht war wie versteinert.
Vernita erblickte Azoth, der auf einer Streckbank lag. Sein Körper war blutüberströmt und mit zahlreichen Wunden versehen. Er presste die Zähne fest aufeinander, während ein Mann neben der Bank stand und langsam an der großen Kurbel drehte, um den Elf in Stücke zu zerreißen. Doch dieser Anblick war es nicht, der die Elfe so schockierte. Nein, so etwas hatte sie schon einmal gesehen. Und auch wenn sie Azoth den Tod nicht gönnte, so war ihr sein Schicksal im Grunde egal. Er war nur ein Mann. Davon gab es genug.
Aber auf der anderen Seite des Raumes erblickte die Elfe einen zweiten Mann, der an einer Kurbel stand, an der eine Kette befestigt war. Und am anderen Ende dieser Kette hing eine Frau kopfüber von der Decke, wobei ihr kompletter Schädel in ein mit Wasser gefülltes Fass getaucht war. Obwohl Vernita das Gesicht der Frau nicht sehen konnte, so wusste sie doch, dass es sich dabei um Miandra handelte. Und das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass sich ihr geschundener Körper nicht bewegte. Nicht mal ein bisschen. War Vernita zu spät gekommen? Hatte sie versagt? Hatte sie Miandra im Stich gelassen und für immer verloren? Und war dieser ganze Zirkus hier umsonst gewesen?
Vernitas Furcht und Entsetzen wich langsam aus ihrem Körper. Stattdessen machte sich die Wut in ihr breit. Wut und unbändiger Hass. Sie stand immer noch stocksteif in der Tür, doch nun begannen ihre Hände zu zittern. Krampfhaft hielt sie den Griff des Schwertes umklammert, während das Zittern immer stärker wurde und bald schon ihren ganze Körper erfasst hatte. Gleich würde der Hass in ihr explodieren. Das Ganze dauerte nur wenige Augenblicke, doch für die Elfe war es die längste Zeitspanne in ihrem bisherigen Leben gewesen. Diesen Moment würde sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis brennen.
Inzwischen waren auch Leanora und Lydia hinter Vernita aufgetaucht und beobachteten mit schreckgeweiteten Augen dieses makabere Schauspiel. Ein leiser Schrei entwich der Kehle der Frau, wodurch sie Ingos Aufmerksamkeit erregte. Dieser stand auf und ging lachend auf die drei zu.
„Na, bringst du uns Frischfleisch, Kleine“, lachte er dreckig. „Wird auch Zeit. Die beiden sind schon etwas ausgelutscht.“
Die Worte des Mannes brachten das Fass zum Überlaufen. Die Starre fiel augenblicklich vom Körper der Elfe ab. Ruckartig wandte sie den Kopf in Ingos Richtung. Sie sah seine dreckig grinsende Visage, und ihr Gesicht verwandelte sich in eine Maske des Hasses. Ihre dunklen Augen blitzen wie zwei Diamanten im Sonnenlicht auf. Ein lauter, wütender Schrei drang über ihre Lippen, als sie sich auf den Mann stürzte.
Mit dem Griff ihres Schwertes schlug sie Ingo mitten ins Gesicht. Sie traf seine Nase, welche durch den Treffer aufplatzte. Blut schoss aus der Wunde, während der Mann zurücktorkelte. Die Elfe setzte gleich nach und schlug mit der linken Faust aus der Drehung heraus zu. Dieses mal erwischte sie den Unterkiefer des Folterknechtes. Der Kopf wurde zur Seite geschleudert, wobei der Mann ein paar Zähne ausspuckte, die ihm Vernita ausgeschlagen hatte. Er selbst stolperte sogleich, bevor er benommen zu Boden ging. Krachend landete er auf dem harten Stein.
Durch den Lärm schreckten auch die anderen beiden Folterknechte auf und wandten sich um. Der Mann an der Streckbank ließ die Kurbel los und drehte sich um, als er die Elfe schon heranstürmen sah. Aus der Drehung heraus schwang diese ihr Schwert mit welchem sie Thomas‘ Kehle aufschlitzte. Das Blut spritzte wie eine Fontäne aus der Wunde, während der Mann zu Röcheln begann. Er sackte auf die Knie und versuchte die Wunde mit seinen Händen zu verschließen. Aber vergeblich. Das Blut lief zwischen seinen Fingern hindurch. Es tropfte auf den Boden, wo es innerhalb kurzer Zeit eine große Blutlache hinterließ. Das Röcheln des Mannes wurde zu einem Gurgeln, bevor er schließlich tot zusammenbrach.
Doch davon bekam Vernita nichts mehr mit. Sie stürmte schon weiter auf den anderen Mann zu, der an der Kettenkurbel stand. Dieser hatte schon sein Messer gezogen und fuchtelte damit wie wild in der Luft herum. Doch er war kein Kämpfer. Er konnte nur gegen wehrlose Opfer bestehen. Trotzdem versuchte er sein Glück.
Er stach mit dem Messer nach Vernita, welche diesen Angriff kommen sah und sofort zur Seite auswich. Dabei ließ sie ihr Schwert von oben durch die Luft sausen. Die Waffe traf das Gelenk des Folterknechtes und trennte dessen Hand mit einem sauberen Hieb von seinem Arm ab. Blut schoss aus der Wunde, während der Mann schreiend und kreischend nach dem Armstumpf griff.
Die Elfe hingegen nutze ihren Schwung für eine komplette Drehung, nach der sie mit der linken Handinnenfläche unter die Nase ihres Opfers schlug. Die Wucht ihres Angriffes brach die getroffene Nase und trieb den Nasenknochen tief in das Gehirn des Mannes. Sein Schreien verstummte fast augenblicklich, bevor er rücklings umfiel und zu Boden krachte, wo er mit schreckgeweiteten Augen tot liegen blieb.
Vernita verharrte für einen Moment mit erhobener Hand in dieser Pose, wobei sie den Toten mit einem wütenden Schnauben in die leblosen Augen sah. Und ein zufriedenes Grinsen legte sich auf ihr Gesicht, während das Blut des Mannes an ihrem Handgelenk herunterlief.
‚Das ging viel zu schnell, du Schwein’, dachte sie noch, bevor sie herum kreiselte und das Schwert fallen ließ. Sofort griff sie nach der Kurbel und drehte sie so schnell sie konnte. Langsam aber sicher zog sie Miandras Kopf aus dem Wasserfass. Das Gesicht der Frau war kalkweiß. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und starrten nur geradeaus ins Leere. Wasser lief über ihr Gesicht. Ihre langen Haare hingen völlig durchnässt nach unten.
Die Elfe hakte die Kette ein, bevor sie zu Miandra trat und das Fass unter ihr zur Seite schob. Da es komplett mit Wasser gefüllt war, war es recht schwer, doch für Vernita trotzdem kein Problem. Ihre Wut hatte ihre ohnehin beachtlichen Kräfte noch weiter gesteigert. Nachdem das Fass nicht mehr im Weg stand, ging sie zurück zur Kette und ließ Miandra ganz langsam und vorsichtig herunter, bis ihr Körper auf dem Boden lag.
„Schnell! Kümmert euch um Azoth!“ rief Vernita den anderen zu, während sie zu Miandra trat. „Und ich brauche hier Verbandszeug!“
Die Elfe griff nach einer großen, schweren Zange, die in einem Metallkorb an einem Pfeiler neben Miandra stand. Sie nahm all ihre Kraft zusammen, um mit dieser Zange die schweren Ketten zu durchtrennen, mit denen die Hände und Füße der schwarzhaarigen Frau aneinandergefesselt waren. Laut knackend sprangen die Glieder auseinander und fielen klirrend zu Boden. Nachdem sie die Frau soweit befreit hatte, dass diese sich zumindest wieder normal bewegen konnte, warf Vernita die Zange beiseite.
Nun zog die Elfe schnell ihre Handschuhe aus und setzte den Helm ab. Anschließend legte sie ihren Kopf auf Miandras Brust, um nach deren Herzschlag zu suchen. Doch sie hörte nichts. War sie wirklich zu spät gekommen?
So leid es Vernita auch tat, doch ihr blieb keine andere Wahl als Miandra auf den Rücken zu drehen, wenn sie der Frau das Leben retten wollte. Ungeachtet der schweren Verletzungen, die diese erlitten hatte. Doch wenn die Elfe die Atmung der Frau nicht wiederherstellen konnte, war alles andere sowieso egal.
Vernita legte den Kopf der Frau in deren Nacken und nahm deren Nase in den Mund. Dann blies sie zweimal Luft durch Miandras Nasenlöcher. Nun ließ sie von ihrem Kopf ab und suchte die richtige Stelle unterhalb ihrer Brust. Als sie diese gefunden hatte, drückte sie mehrmals hintereinander den Brustkorb nach unten, wobei die Elfe ihren ganzen Körper einsetzte. Einmal knackte es leise. Vermutlich hatte sie eine von Miandras Rippen angebrochen. Doch das spielte im Moment keine Rolle. Anschließend führte Vernita der Frau wieder Luft zu, bevor sie mit der Herzmassage weitermachte. Diesen Vorgang wiederholte sie immer und immer wieder.
„Komm schon!“ keuchte die Elfe. Schweiß stand ihr auf der Stirn. Diese Arbeit war wirklich anstrengend, selbst für sie. Hinzu kam noch ihre Angst, Miandra für immer verloren zu haben. „Atme endlich, verdammt noch mal! Du sollst leben! Hast du verstanden? Du darfst nicht tot sein.“
Verzweiflung machte sich in Vernita breit. Tränen bildeten sich in ihren Augen und liefen langsam ihre Wangen herunter oder tropften direkt auf Miandras Körper. Doch die Elfe würde nicht aufgeben. Eher würde sie solange weitermachen, bis ihre Kraft aufgebraucht war, und sie zusammenbrechen würde. Auch wenn das ihren eigenen Tod bedeuten würde. Das war ihr in diesem Moment egal. Sollte Miandra tatsächlich hier gestorben sein, so gab es nichts mehr, was Vernita etwas bedeutete. Dann würde sie diese Festung in ein Schlachthaus verwandeln. Bis sie schließlich selbst fallen würde.
Und schließlich zahlten sich all ihre Mühen aus. Miandra schnappte plötzlich nach Luft, bevor sie einen heftige Hustenanfall bekam, bei dem sie einiges an Wasser und Schleim erbrach. Vernita drehte den Kopf der Frau zur Seite, damit diese sich komplett entleeren konnte. Nach einer Weile hatte sie alles Wasser ausgespuckt, welches sich in ihren Lungen befunden hatte. Ihre Atmung normalisierte sich langsam, auch wenn sie noch etwas schwer klang.
Nun konnte die Elfe nicht mehr an sich halten. Überglücklich nahm sie Miandra in die Arme und drückte sie fest an sich, wobei sie ihr Gesicht an das ihre schmiegte. Tränen liefen über Vernitas Gesicht, doch zur selben Zeit lachte sie laut und überglücklich. Vor Freude gab sie der Frau einen Kuss auf die Wange und schmiegte sich weiter an sie. Erst nach einer kleinen Weile wurde der Elfe klar, dass es noch nicht vorbei war. Sie mussten noch Miandras Wunden zumindest notdürftig verbinden, wenn diese nicht am Ende noch an Blutverlust sterben sollte.
„Leanora!“ rief Vernita. „Kommt bitte her, und helft mir Miandra zu verbinden. Sie blutet ziemlich stark.“
Die Angesprochene gesellte sich gleich mit dem Verbandszeug zu den beiden. Gemeinsam befreiten sie die schwarzhaarige Frau von ihrer zerfetzten Kleidung, die eh nicht mehr zu gebrauchen war. Erst jetzt konnten die beiden Frauen das wahre Ausmaß von Miandras Verwundungen begutachten. Der Rücken der Frau war von unzähligen Wunden überzogen, die von einer Peitsche stammen mussten. Viele dieser Verletzungen waren bereits verkrustet, also waren sie wenigstens einen Tag alt. Doch einige waren frisch aufgeplatzt und bluteten ziemlich stark. Unterhalb ihrer Brüste und über den gesamten Bauch verteilt verunzierten zudem noch viele Schnittwunden ihren Körper. Diese Wunden waren allerdings frisch, erst wenige Augenblicke alt.
„Wir müssten eigentlich erst ihre Wunden reinigen“, meinte die Elfe zu Leanora gewandt. „Doch dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir verbinden sie erst einmal und kümmern uns intensiv um sie, sobald wir hier raus sind. Verdammt, das dieser elende Magier nie da ist, wenn man ihn mal braucht!“
Während die beiden Frauen Miandra verbanden, machte sich Vernita große Sorgen um die Frau. Obwohl sie bei Bewusstsein war, schien die schwarzhaarige Frau meilenweit von ihnen entfernt zu sein. Ihr Atmung ging zwar langsam und regelmäßig, doch ihre blauen Augen waren glasig und schienen ins Nichts zu blicken. Zudem hatte sie starkes Fieber, ihre Stirn brannte förmlich unter Vernitas Hand.
„Wir müssen sie so schnell wie möglich hier raus schaffen“, bemerkte die Elfe, während sie die Kettenhandschuhe wieder überstreifte. Sie wollte Miandra gerade auf den Armen hochheben, als ihr Blick auf Ingo fiel, der noch benommen neben der Tür lag, durch welche die vier hier hereingekommen waren.
Und nun wurde ihr alles klar. Er war es. Er hatte Miandra das angetan. Die beiden anderen waren nur Handlanger gewesen. Unbedeutende Wichte, die nur ihre Befehle ausgeführt hatten. Ohne eigenen Antrieb oder Willen. Aber dieser Kerl war anders. Er schien es genossen zu haben, den beiden unsägliche Schmerzen zuzufügen oder ihnen bei ihren Leiden zuzusehen. Er war der Initiator dieses Albtraumes. Und dafür sollte er büßen. Vernitas Gesicht verlor jede Regung, als sie aufstand.
„Bleibt einen Moment bei Miandra. Ich habe noch etwas zu erledigen, Leanora“, sagte Vernita und aus ihrer Stimme hörte man deutlich die Wut und den Hass heraus, welcher in ihr hochkam. Niemand sollte nun versuchen, sie von dem abzubringen, was sie jetzt vorhatte. Diese Person würde ihr Handeln bitter bereuen.
Schnaubend schritt sie durch die Folterkammer auf Ingo zu, der nach wie vor auf dem Boden lag und allmählich wieder zu Besinnung kam. Er griff nach seiner Nase, die stark blutete. Fluchend wollte er sich aufsetzen, als die Elfe ihn erreicht hatte, sich über ihn beugte und ihre rechte Hand nach unten schnellen ließ. Sie umklammerte den Hals des Mannes und drückte gnadenlos zu. Ingo fing an zu röcheln, während er Vernitas Handgelenk ergriff und versuchte sich zu befreien. Doch die Kräfte der Elfe schienen sich verzehnfacht zu haben. Er konnte ihren Griff nicht lösen.
Vernita richtete sich wieder auf, ohne ihre Umklammerung zu lösen und zog Ingo mit sich. Dieser stand mühsam auf, um einer Strangulierung zu entgehen, doch er rechnete nicht mit der Entschlossenheit und der zusätzlich gewonnene Kraft der Elfe. Sie stemmte Ingo nach oben, bis seine Füße in der Luft hingen und zu Zappeln begannen. Ihr eisenharter Griff grub sich immer tiefer in den Hals des Mannes, der verzweifelt nach Luft schnappte. Er schlug mit den Fäusten gegen ihren Arm, doch es half nichts. Die Elfe ließ nicht locker.
Vernitas Gesichtszüge waren vor Hass und Anstrengung verzerrt. Der Schweiß lief über ihr Gesicht. Lange würde sie den Kerl nicht mehr hochhalten können. Aber das war auch nicht nötig. Denn dies war nur ein Vorgeschmack. Sie fing gerade erst an. Sie schleuderte Ingo zurück, der nach hinten flog und nach Luft japsend zu Boden ging.
„Du miese Elfenschlampe“, keuchte er, als er sich halbwegs berappelt hatte. Er stützte sich mit der linken Hand an der Mauer ab, während er langsam auf die Füße kam. Vernita zögerte nicht lange, sondern schritt auf Ingo zu, wobei sie nach ihrem Messer griff. Als sie ihn erreicht hatte, zog sie die scharfe Klinge durch die dreckige Visage des Mannes und schlitzte ihm die Backe auf. Blut spritzte der Elfe ins Gesicht, während Ingo wie am Spieß zu Schreien begann.
„Verträgst wohl deine eigene Medizin nicht, was du Arschloch?!?“ fauchte Vernita, bevor sie Ingos linke Hand, welche sich noch an der Wand abstützte, fester gegen diese drückte und dem Mann den Zeigefinger abschnitt. Und gleich darauf noch den Mittelfinger. „Und ich dachte immer, Kerle wie du wären froh, wenn sie noch was neues lernen könnten.“
Dann packte sie den kreischende Ingo am Kragen und schleuderte ihn in die nächste Ecke. Er torkelte blutend und vor Schmerzen schreiend durch den Raum, stolperte über einen Eimer und krachte erneut auf den Steinboden. Er lag nun direkt neben einer großen in der Wand eingelassenen Feuerstelle. Über einigen rotglühenden Kohlen befand sich ein stählernes Gitter, auf dem einige Brandeisen lagen.
Die Elfe zögerte nicht. Sie trat neben den Folterknecht, packte ihn im Genick und zog ihn hoch. Dann zerrte sie ihn zu der Feuerstelle, ergriff eines der Brandeisen und stach es ihm ins Ohr. Das Kreischen Ingos wurde immer schriller, während das glühende Eisen sein Ohr verkohlte. Nach einem kurzen Augenblick warf Vernita das Eisen weg, bevor sie den Mann noch weiter mit zerrte und sein Gesicht auf das heiße Stahlgitter presste. Es zischte laut, als die Gesichtshaut auf das glühende Metall traf. Weiße Schwanden zogen von seinem Kopf auf, während seine Visage verbrannte. In der Luft machte sich ein Gestank nach verkohltem Fleisch breit. Ingo ruderte wie wild mit den Armen, während er wie am Spieß brüllte. Doch außer die Elfe mit seinem eigenen Blut zu besudeln, erreichte er nichts.
„Ist dir das zu warm, du Schwein?“ fragte Vernita spöttisch. „Warte, ich sorge für Abkühlung.“
Sie ließ von der Feuerstelle ab und schleuderte den Kerl ein weiteres Mal durch den Raum. Dicht neben Miandra landete er auf dem Boden, wo er wimmernd liegen blieb. Das Innere seines rechten Ohres war schwarz und total verkohlt. Und seine linke Gesichtshälfte zeigten einen deutlichen Abdruck des Gitters, welches die Elfe ihm in die Haut gebrannt hatte. Sein linkes Auge war erblindet und er blutete nach wie vor aus seinen abgeschnittenen Fingern.
„Was liegst du hier so faul auf dem Boden herum, du Wurm. Ich dachte, du wolltest eine Erfrischung“, zischte die Elfe, während sie Ingo wieder hochzog und seinen Kopf in das Wasserfass stopfte. Sie tauchte sein Gesicht vollständig ins Wasser und hielt ihn dort fest. Er strampelte und schlug um sich, während er Wasser schluckte. Ein Teil der Flüssigkeit schwappte über den Rand des Fasses und klatschte auf den Steinboden. Die Elfe grinste böse, während sie den Mann weiter unter Wasser drückte. Doch dann zog sie seinen Kopf wieder heraus. Ingo keuchte, spukte hustend Wasser und schnappte gierig nach Luft.
„So leicht werde ich es dir nicht machen, Bastard!“ fauchte Vernita und stieß den Mann wieder mal durch den Raum. Ingo torkelte in die Richtung zurück, aus der er zuvor gekommen war. Die Elfe hingegen stürmte direkt hinter ihm her und trat noch aus dem Lauf heraus zu. Ihr schwerer Kettenstiefel traf den Mann ins Kreuz. Die Wucht dieses Angriffes beförderte Ingo durch die Tür in den Nachbarraum. Krachend landete er wieder einmal auf den Boden.
Vernita betrat den Raum und sah sich um. Genau hier war der Ort, an dem Ingo sein Leben lassen wollte. Nur auf welche Art und Weise, darüber war sich die Elfe noch nicht klar. Ihr Blick fiel auf die Pfähle und sie grinste breit. Dieses Schwein zu pfählen wäre eigentlich genau das Richtige. Doch leider konnte sie nicht die ganze Zeit hier bleiben und warten, so dass man den Kerl viel zu leicht hätte retten können. So schaute sie sich weiter um.
Der Galgen und der Richtblock schieden ebenfalls aus. Das ging der Elfe zu schnell. Schließlich sollte dieser Bastard vor seinem Ende noch etwas leiden. Dann fiel ihr die Eiserne Jungfrau ins Auge. Es war offenbar eine Spezialanfertigung. Sie besaß nur lange Metallspitzen an ihrer inneren Rückwand, nicht aber an deren Tür, wie es normalerweise üblich war. Ein ausgewachsener Mann konnte also gefahrlos darin stehen, ohne sich schwer zu verletzten. Die Metallspitzen würden ihm nur leicht in den Rücken pieksen. Doch sollte dieser Mann versuchen sich hinzusetzen, so würde er sich selbst dabei aufspießen. Zudem besaß die Tür der Jungfrau noch ein schweres Metallschloss, das nicht so leicht zu knacken sein sollte. Dieser Ort schien perfekt für Vernitas Vorhaben, doch fürchtete sie trotzdem, dass ihn auch daraus jemand befreien konnte. Also, was sollte sie tun?
Vernita hatte plötzlich das Gefühl, dass die schlammige Grube die Lösung ihres kleinen Problems war. Doch bevor sie sich dieser näherte, schritt sie noch einmal auf Ingo zu. Wie von Sinnen trat sie dem Mann einige Male in den Bauch und vor die Brust, damit er nicht auf die Idee kam, wieder aufzustehen. Stöhnend und keuchend krümmte er sich unter den Tritten der Frau. Doch in seinem derzeitigen Zustand kam ihm nicht die Ironie in den Sinn, dass er vor nur einem Tag genau dasselbe mit Miandra gemacht hatte.
Nachdem sie sichergestellt hatte, dass Ingo sich vorerst nicht rühren würde, bewegte sich Vernita auf das mit Schlamm gefüllte Becken zu. Dicht davor ging sie in die Hocke und beobachtete für einen Moment die dunkelbraune, blubbernde Masse darin. Irgendwie erinnerte sie das Ganze an einen Sumpf. Und sie bemerkte die schlängelnden Bewegungen dicht unterhalb der Oberfläche des schlammigen Wassers. Und sie glaubte zu wissen, was sich dort bewegte.
„Schauen wir doch mal, was wir hier haben“, murmelte sie leise, bevor sie blitzschnell nach einem der sich bewegenden Objekte griff. Sie tauchte kurz ins Wasser ein, schnappte sich eines der wurmähnlichen Geschöpfe und zog ihre Hand sofort wieder heraus. Sie wollte nicht unbedingt mehr Zeit in dieser Brühe verbringen, als unbedingt nötig war. Und als sie sah, was sie nun erbeutet hatte, merkte sie, dass dies das Klügste war, was sie tun konnte.
Fasziniert betrachtete sie den schwarzbraunen, etwa zehn Zentimeter langen Wurm, den sie in der Hand hielt. Er verfügte über unzählige kleine, schwarze Füße und an einem Ende so etwas wie ein Maul, in dem sich viele kleine Zähne zu befinden schienen. Das Geschöpf wand sich im Griff der Elfe, und versuchte sie zu beißen. Doch ihr Kettenhandschuh schützte sie davor, genau wie vor seinen kleinen Füßen, die sich sonst wie Widerhaken in ihre Haut gegraben hätten. Mit einem teuflischen Grinsen auf den Lippen stand Vernita wieder auf und ging zurück zu Ingo.
„Woher habt ihr denn die Blutwurmzecken her? Die gibt es doch eigentlich nur in den Freien Marschen“, meinte die Elfe, als sie den Mann wieder erreicht hatte. Sie ging neben ihn in die Hocke und packte ihm am Kragen. Mit einem diabolischen Grinsen auf den Lippen starrte sie in Ingos verkohltes Gesicht. Und ihre Augen strahlten puren Sadismus aus. „Muss deinen Vorgesetzten einiges gekostet haben, die zu bekommen. Aber ich danke ihm für dieses großzügige Geschenk.“
Sie hielt den Mann den zappelnden Wurm vor die Nase, wobei ihr böses Grinsen offenbar noch breiter wurde. Ingos Augen weiteten sich vor Entsetzen, denn er wusste, was nun folgen würde. Er hatte es selbst oft genug gesehen, als er seine Opfer mit diesem Geschöpfen ein qualvolles Ende bereitet hatte. Er wollte etwas sagen, brachte aber nur ein unverständliches Krächzen hervor.
„Ich weiß, du Wurm“, lachte Vernita hämisch. „Dein Verwandter und du werden viel Freude miteinander haben. Das ist für Miandra, du mieses Stück Dreck! Und jetzt friss!“
Die Gesichtszüge der Elfe nahmen einen harten und unbarmherzigen Ausdruck an, während sie dem Mann höchst unsanft die Blutwurmzecke in den Mund stopfte. Ingo wehrte sich, wollte dies um jeden Preis verhindern. Doch Vernita war zu stark für ihn. Er würgte, keuchte und röchelte, aber es hatte keinen Sinn. Die Zecke tat ihr übriges dazu, als sie merkte, dass es etwas zu fressen gab. Sie klammerte sich mit ihren Widerhakenfüßen am Gaumen und Rachen ihres Opfers fest und riss diese auf. Blut floss aus den winzigen Wunden und füllte Ingos Mundhöhle, so dass er zu Gurgeln begann.
Das wurmartige Geschöpf kroch die Speiseröhre des Mannes herunter, während Vernita diesem den Mund zuhielt, damit er nicht versuchen konnte, die Zecke wieder aus seinem Rachen zu holen. Doch die Zecke war sehr flink. Innerhalb weniger Augenblicke war sie verschwunden. Sie kletterte eine Weile durch Ingos Körper, wobei ihre Füße kleine, blutende Wunden hinterließ. Schließlich verharrte die Zecke in ihrer Bewegung und begann damit, die Speiseröhre des Mannes mit ihren scharfen Zähnen aufzufressen. Ingo schrie dabei die ganze Zeit wie am Spieß.
„Wie ich sehe, habt ihr beiden euch gleich angefreundet“, sagte Vernita spöttisch. „Aber wir zwei sind trotzdem noch nicht fertig miteinander.“
Die Elfe stand auf und schleifte den Mann mit sich zu der Eisernen Jungfrau. Ingo wehrte sich nicht mehr. Er kreischte, schrie und weinte nur noch vor Schmerzen. Vernita stellte ihn auf die Füße und bugsierte ins Innere der Jungfrau. Ingo blieb stocksteif stehen, als er die Spitzen in seinem Rücken spürte. Doch die Schmerzen veranlassten ihn zu starken Schüttelkrämpfen, was zur Folge hatte, dass sich einige dieser Metallspieße leicht in das Fleisch seines Körpers bohrten, und warmes Blut aus seinen Wunden floss.
Vernita schloss die schwere Stahltür der Eisernen Jungfrau, wobei es ein krachendes und endgültig klingendes Geräusch gab. Mit versteinerte Miene sah sie Ingo durch den Sehschlitz in die angstgeweiteten Augen. Und ihr Blick strahlte dabei eine eisige Kälte aus.
„Ich lasse dir jetzt die Wahl, du dreckiges Ding!“ zischte sie gefährlich leise. „Entweder lässt du dich von der Blutwurmzecke langsam auffressen oder du lässt dich in die Spitzen der Eisernen Jungfrau fallen. Es liegt ganz bei dir. Ich wünsche dir noch einen angenehmen Tag! Möge dein Schöpfer dich für immer verfluchen, für das, was du getan hast!“
Vernita wandte sich ab und verriegelte die Jungfrau mit dem schweren Stahlschloss. Zweimal drehte sie den Schlüssel herum, bevor sie sich eine Zange nahm, die neben dem Hinrichtungsgerät lag. Sie setzte die Zange an den Stift des Schlüssels an, bevor sie diesen lautknackend im Schloss abbrach. Nun würde niemand Ingo so schnell aus der Jungfrau befreien können. Und selbst wenn es jemanden gelingen sollte, so würde die Blutwurmzecke ihm den Rest geben. Das Schicksal dieses Menschenschinders war besiegelt. Ein für allemal!
Mit einer abfälligen Handbewegung warf Vernita die Zange zur Seite, während sie zurück zu ihren Gefährten ging. Ohne Ingo auch noch eines Blickes zu würdigen verließ sie den Hinrichtungsraum, schloss die Tür hinter sich und ließ den Mann zum Sterben zurück.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 5:24 pm

Rowan bog um die Ecke, um die die Tiere gerannt gekommen waren. Sie stand am Anfang eines Ganges, der mit Unrat und Hundekot übersät war. Angewidert zog sie die Nase kraus und bahnte sich humpelnd ihren Weg durch den Schmutz. Am Ende des Ganges befand sich eine kleine Treppe nach oben. Davor ging eine kleine Kammer nach links ab. Rowan leuchtete hinein und erschauerte. Neben einigen größeren Käfigen lagen dort auch zwei tote Mabari aus dem Boden. Bei genauerer Betrachtung konnte sie erkennen, dass größere Stücke ihrer Muskeln und der Haut von ihrem Gerippe abgerissen waren. Die armen Tiere mussten sehr verzweifelt gewesen sein.
Rowan löste sich von dem grausigen Anblick und leuchtete die Treppe hinauf. Sie endete an einer massiven Holztür. Einen Moment hielt sie inne und entlastete ihr verletztes Bein, bevor sie sich nach oben wandte. Leise legte sie ihr Ohr an die Tür und lauschte. Auf der anderen Seite war nichts zu hören. Eine Weile wartete sie und als sich weiterhin nichts rührte testete sie, ob sie die Tür öffnen konnte. Nichts bewegte sich. Nachdem sie leicht daran gerüttelt hatte, verharrte sie wieder kurz, doch es blieb still auf der anderen Seite.
Aus ihrem Gürtel löste sie einen passenden Dietrich und steckte ihn in das Schloss. Sie versuchte, ihn zu drehen, doch es passierte nichts. Sie kramte noch ein am Ende abgeflachtes Stück Draht hervor und schob es neben den Dietrich ins Schloss. Sie drückte beide Werkzeuge voneinander weg, doch der Draht rutschte ihr aus der blutverschmierten Hand und fiel zu Boden. Sie hob ihn auf, versuchte es erneut und merkte, wie sich im Inneren des Schlosses ein Mechanismus löste. Mit einem leisen Klicken sprang die Tür einen Spalt auf. Rowan verstaute ihr Werkzeug wieder und zog ihre beiden Messer. Vorsichtig schob sie die Tür mit dem Fuß auf und spähte in einen kleinen Raum hinein, der komplett leer war. Auf der gegenüberliegenden Seite war eine weitere Tür. Unter der Tür war schwaches Licht zu erkennen.
Sie war nun sicher, dass sie sich in den unteren Gefilden von Fort Drakon befand und rechnete damit, auf Wachen zu treffen. Den leuchtenden Stein von Hennrik legte sie auf der obersten Stufe der Treppe ab. Sie hoffte, dass er auf ihrem Rückweg noch leuchten würde.
Hinter der nächsten Tür hörte sie ein Geräusch. Es war ein leises Schnaufen, das von links kam. Ansonsten war es ruhig.
Rowan machte sich bereit. In einer fließenden Bewegung öffnete sie die unverschlossene Tür und drehte sich nach links um. Neben der Tür saß ein gepanzerter Mann auf einem kleinen Holzschemel. Sein Helm lag neben ihm auf dem Boden und er hatte den Kopf an die Wand gelehnt. Ruckartig fuhr er herum und starrte Rowan überrascht an als diese durch die Tür trat. Bevor er reagieren konnte, hatte sie ihm den Griff ihrer Waffe an die Schläfe geschlagen und er fiel bewusstlos von seinem Sitz herunter. Krachend kam er auf dem Boden zum liegen. Schnell packte ihn Rowan am Kragen und zog ihn in den kleinen Raum, aus dem sie gekommen war. Es bereitete ihr einige Mühe, da er in voller Rüstung sehr schwer war und Rowans Kräfte langsam nachließen. Bevor sie ihn liegen ließ, zog sie ihm die Klinge über die Kehle und verließ den Raum eilig wieder. Sie schloss die Tür und machte mit der Kreide ein kleines Kreuz auf den Boden davor.
Mühevoll richtete sie sich wieder auf. Ihr Atem ging schnell und sie spürte den Schmerz, der von ihrem unteren Rücken aus immer mehr auf den restlichen Körper ausstrahlte. Auch die Wunde am Oberschenkel brannte höllisch, doch wenigstens blutete sie nicht mehr. Ganz im Gegensatz zu ihrem Rücken. Sie konnte spüren, wie sich eine klebrige Nässe unter ihrer Rüstung entlang zog und ihr Steißbein und die Hüfte hinunter lief.
Unschlüssig blickte sich Rowan um. Sie stand in einem Gang, der alle paar Schritte von Fackeln in einfachen Wandhalterungen erhellt wurde und zu beiden Seiten weiter führte. Nach einem Blick auf Vernitas Karte wählte Rowan den Weg nach links. Über sich konnte sie gedämpfte Geräusche hören, doch sie waren zu leise, um sie identifizieren zu können.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 6:17 pm

Nachdem Miandra einige Male erbrochen hatte, blieb sie zitternd am Bauch liegen. Sie bekam nicht wirklich mit was gerade geschah. War sie tot? Natürlich musste sie tot sein, sie wusste noch, dass einiges von diesem ekelhaften Wasser in ihre Lunge drang, und dann... dann war nichts mehr, außer einiger Bilder. Die Schmerzen waren verschwunden, und es gab nur noch Schwärze.
War sie nun im Nichts? Allmählich begann sie wieder zu spüren, wie sehr ihr alles weh tat und alles schien sich zu drehen, als wäre sie einige Male im Kreis gelaufen und als hätte sie zusätzlich einen Vollrausch. Sie hörte immer wieder einige Stimmen und Schreie, spürte, wie ihr kaltes Wasser von den Haaren übers Gesicht lief, dass sie irgendjemand am Rücken berührte und zuckte zusammen.
Nein, dies konnte nicht das Nichts sein, dafür waren die Schmerzen zu real, und der Ort zu...
Unbewusst griff sie sich auf den Kopf, in der Hoffnung ihre Umgebung würde sich weniger drehen, wenn sie diesen an den Armen abstützen würde, als plötzlich ein Gesicht neben ihr lag und seine Augen sie zu fixieren schienten. Trotz der Verbrennungen - welche sie nicht wirklich wahr nahm - erkannte sie ihn sofort und starrte einen zeitlosen Moment in seine Augen.
Urplötzlich wurde ihr heiß und kalt gleichzeitig, ihr Puls begann zu rasen und ihre Atmung wurde deutlich schneller. Sie verstand nicht was gerade passierte, dafür war sie noch zu benommen, aber sie sah etwas was sie nicht sehen wollte, und das genügte ihr um sofort den Blick abzuwenden, die Augen krampfhaft zu schließen und sich die Ohren mit den Handflächen zuzuhalten. Ihr Kopf lag somit seitlich am Boden, und sie murmelte Unverständliches und Wirres vor sich hin. Sie wusste, dass sie noch am Leben war - warum auch immer -, wusste, dass sie noch immer an demselben Ort befand, und glaubte, es wäre noch nicht zu Ende. Jeder nächste Moment könnte mit neuen Schmerzen und grauenvollen Berührungen geprägt werden. Innerlich beschimpfte sie sich selbst als einfältig und naiv, sie hatte doch tatsächlich geglaubt, man würde sie in der Brühe ertrinken lassen. Es war zu einfach, schließlich hatte man ihr noch nicht all ihre Knochen gebrochen, oder ihr die Zähne gezogen. Es wäre doch zu schön gewesen, wenn die Schmerzen so schnell geendet hätten.
Tränen schossen ihr in die Augen, welche sie abermals geschlossen ließ. Erneut fasste ihr jemand an den Rücken - wahrscheinlich Leanora, die ihr diesen verbinden wollte, was sie jedoch nicht wusste - und sie verkrampfte sich immer mehr, drückte die Hände fester an ihre Ohren, als ob sie so all dem entfliehen könnte und wartete darauf, dass man sie wahrscheinlich an das nächste Foltergerät spannen würde, jetzt wo sie wieder bei Bewusstsein war.


Als sie in der Folterkammer ankamen war Leanora so entsetzt, dass sie zu allererst die Hände vor ihren Mund schlug. Das sollte das Werk Tjarks sein? Auf seine Anweisung? Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Kaum waren die Männer durch Vernitas Wut ausgeschaltet, hatten sie Azoth befreit und ihm geholfen, sich aufrecht hinzusetzen. Leanora wünschte, sie hätte frisches Wasser dabei gehabt, seine Augen sahen glasig aus, und der Elf war wirklich übel zugerichtet.
Sie bewunderte Vernita insgeheim für ihre Ausdauer, als sie Miandra wiederbelebte. Sie selber konnte ihre Tränen nicht aufhalten, auch wenn sie dabei nicht schluchzen musste. Leanora kam sich vor wie in einem schlechten Traum, was sie hier sah, konnte doch unmöglich der Wirklichkeit entspringen?
Während Vernita sich um Ingo ‚kümmerte‘, war Leanora bei Miandra, versuchte sie so gut es ging zu verbinden und ihre Blutungen zu stoppen. Dass sie ihr dabei weh tat, war nicht zu umgehen. Es gab kaum eine heile Stelle an dem geschundenen Körper.
Leanora hätte beinahe das Verbandszeug fallen lassen, als Miandras Körper plötzlich zu glühen begann, sie konnte richtig gehend spüren, wie der Puls der Frau raste. Ratlos blickte sie die Gefährtin an, welche die Augen geschlossen und die Hände auf die Ohren gepresst hatte.
Gab man Menschen, die hysterisch wurden, nicht normalerweise eine Ohrfeige? Das konnte sie unmöglich machen, Miandra hatte genug Schmerzen ausgestanden. Leanora begann, mit leisen Worten immer wieder ihren Namen zu sagen.
„Miandra, Ihr seid in Sicherheit! Wir sind hier, holen Euch hier raus. Miandra, hört mir zu, es ist alles gut...“ Es war ihr wichtig, immer wieder den Namen zu sagen, zu sprechen. Dabei streichelte sie die Frau vorsichtig. Miandra reagierte nicht, sie war in sich zusammen gekauert und schaukelte mit Tränen in den Augen leicht vor und zurück.
Leanora kam eine Idee. Sie hatte Gesangsunterricht gehabt, ihre Stimme war durchaus akzeptabel. Und so begann sie, eine fröhliche Weise zu singen, und bald darauf füllte ihre klare Stimme den Raum.


Lydia stockte der Atem. Wie konnte eine einzige Person so grausam sein und nicht einmal Gnade vor Recht walten lassen?! Er, der sich Ingo nannte, handelte auf Befehl, sie, die sich Vernita nannte, handelte aus reiner Gehässigkeit heraus.
„Ihr Barbarin! Als wäret Ihr in der Corcari ohne Mutter aufgewachsen! Ihr hättet Gnade vor Recht walten lassen können!“, brachte sie hervor.
Doch sie besann sich und schloss die Augen. „Im Namen des Erbauers, der Prophetin Andraste und heiligen Rose. Bei Fen´Harel, Elgar´nan und Mythral. Mögen sie den Pfad der Rechtschaffenen hüten, möge Andruil meine Klinge führen und Mythral meinen Körper schützen die Zeit der Jagd ist angebrochen!“
Sie zitterte und bebte, doch für Angst war jetzt kein Platz. Bei den Wachen fand sie zwei Messer. Was auch jetzt kommen mochte, sie würde es ertragen.
„Mythral möge über Euch wachen!“


Vernita betrat erneut die Folterkammer. Dieser Bastard war versorgt. Nun mussten sie zusehen, dass sie hier herauskamen. Die Elfe ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen, als Lydia hysterisch zu Kreischen begann.
„Halt die Klappe!“ fauchte sie das Mädchen an. „Oder möchtest du deinem neuen Freund in der Eisernen Jungfrau Gesellschaft leisten? Immerhin scheinst du ihn ja sehr zu mögen! Hat dir ja nicht mal was ausgemacht, dass er deinen neuen Ziehpapi beinahe in zwei Hälften hätte zerreißen lassen!“
Lydia erwiderte nichts darauf, sondern fing an zu beten.
„Das hat auch noch niemanden etwas genutzt!“ herrschte Vernita sie wieder an, während sie zu Leanora und Miandra hinüberging. Die schwarzhaarige Frau lag zusammengekauert wie ein verängstigtes Tier auf dem Boden. Sie presste ihre Hände auf die Ohren und zitterte am ganzen Leib. Leanora hatte die ganze Zeit über auf sie eingeredet, doch nun schloss sie die Augen und begann zu singen.
Vernita blieb für einen Moment wie angewurzelt stehen, aber nicht vor Entsetzen, weil Leanora so schlecht sang. Nein, das Gegenteil war der Fall. Sie hatte eine schöne Stimme und verstand diese auch einzusetzen. Fasziniert ging sie neben den beiden Frauen in die Hocke und hörte ihr gebannt zu. Sie wusste zwar nicht, ob das Miandra helfen würde, aber so etwas schönes hatte die Elfe schon lange nicht mehr gehört. Noch dazu an so einem schrecklichen Ort wie diesem hier. Würde sie selbst versuchen zu singen, so würde ihre raue Stimme wahrscheinlich so klingen wie eine alte Krähe mit Asthma.
Vernita hoffte nur, dass Leanoras Gesang bei Miandra etwas bewirken würde, sonst müsste die Elfe zu drastischeren Maßnahmen greifen. Und das würde sie der schwarzhaarigen Frau nur sehr ungern antun. Gerade in ihrem derzeitigen Zustand.
Doch schließlich mussten sie auch langsam hier raus. Hennrik und Rowan dürften inzwischen in die Festung eingedrungen sein. Und es wurde Zeit, dass sie sich mit den beiden trafen und diese Kammer des Schreckens für immer verließen.


Sareth stand etwas neben sich als sie die Folterkammer betraten und er all das Blut und Elend sah. Bilder schossen ihm in den Sinn. Er hatte so etwas schon öfters gesehen. Öfter als ihm lieb war.
Sei es Tod, Verderben oder Leid. Er hatte so was schon viele Male auf Schlachtfeldern gesehen und, zu seiner Scham, selber auch im Auftrag seines Herren getan. Getötet und gequält.
Er schüttelte diese Bilder ab, wollte sich auf die Aufgabe konzentrieren.
Als Vernita sich um die Folterknechte gekümmert und Leanora den Elf, der auf der Folterbank lag, aufgerichtet hatte holte Sareth eine kleine Wasserflasche aus seiner Tasche und versuchte den Elf ein bisschen Wasser einzuflößen. Er sollte ja am Ende nicht an Dehydrierung sterben. Als der Elf ein wenig getrunken hatte packte er die Flasche weg und versuchte ihm aufzuhelfen. Schließlich müsste er ihn hier raus schaffen und das würde nur mit seiner Hilfe zu schaffen sein. Sareth könnte ihn nicht die ganze Zeit ober stützen und gleichzeitig die Wachen abwehren.
Er blickte zu den drei Frauen hinüber während er den kraftlosen Elfen stützte. „Seid ihr bereit? Wir müssen hier weg!“


So kräftig und zugleich sanft die Stimme von Leanora in jenem Moment auch klang, erreichte sie Miandras Ohren nur kaum. Sie sah immer wieder das verschwitzte Gesicht von Ingo vor sich, wie es sich mit dem ihres Vaters vermischte, und dieser sich wie in ihrem Traum an ihrer Tochter vergriff. Hörte noch immer die Schreie in ihren Ohren hallen und versuchte daher diese immer weiter zu verschließen, indem sie die zittrigen Hände immer fester darauf drückte. Wahrscheinlich lag all das an dem hohen Fieber, der vielen Schmerzen und Angst, die sie gerade in sich trug.
Aber all das schien zu unklar. Verschwommen und bruchstückhaft. Ohne jegliches Zeitgefühl. War sie vielleicht eher in einem Wachtraum-Zustand? Eine Frage, die sie sich selbst stellte, es aber dennoch nicht in Erwägung zog die Augen zu öffnen. Sie konnte es einfach nicht. Sie wollte nicht noch mehr sehen, was sich in ihren Kopf brennen und sie verfolgen könnte.


„So schön Euer Gesang auch ist, Leanora, so fürchte ich doch, dass uns das im Moment nicht weiterhilft“, meinte Vernita nach einer Weile. Sie hätte der blonden Frau gerne noch etwas länger zugehört, doch hier war weder der Ort noch hatten sie die Zeit dazu. „Ich werde Miandra tragen. Sollte sie sich wehren, so werde ich sie wohl oder übel bewusstlos schlagen müssen. Und schaut mich nicht so entsetzt an! Mir gefällt das noch weniger als Euch! Und nun greift Euch mein Schwert, das dort hinten liegt. Ihr müsst für uns kämpfen, fürchte ich.“
Die Elfe wandte den Kopf zu Azoth und Sareth. Der Elf schien inzwischen das Bewusstsein verloren zu haben. Kraftlos hing er im Griff des Söldners. „Und du gib Lydia dein Schwert, Sareth. Wir beide werden wohl nicht zum Kämpfen kommen. Hoffen wir, dass Leanora und die kleine Kröte gut genug fechten können, um unseren Rückzug zu decken!“
Vernita wandte sich wieder um, bevor sie Miandra in die Arme nahm und vom Boden aufhob. Sie lehnte die Frau an ihren Oberkörper, so dass deren Kopf auf ihrer Schulter liegen konnte. „Und nun lasst uns von hier verschwinden!“


Vernita fauchte Lydia wieder einmal giftig an, also ignorierte sie diese und sah sich stattdessen zum ersten Mal genauestens im Raum um. Alles was sie erblickte schrie nach Folter und Grausamkeit, mit einer Stimme schriller als jede Musik. Die Seelen all jener Verlorenen, welche hier unten bereits verendet waren, schienen um Gnade zu schreien. Werkzeuge und andere Geräte, zweckentfremdet zu Instrumenten im Orchester der Qualen, eigens geschaffene Kreationen der Hölle, aufzuspielen die Symphonie des Grauens.
„Welcher Teufel macht so etwas? Wer ist zu solcher Grausamkeit fähig?“, brachte sie heiser hervor.
Angst. Die Angst schien hier fast schon greifbar in der Luft zu stehen, sie schien zu schmecken und sie aus allen Ecken aus tausend Augen anzustarren.
„Die beiden sind Helden... einfach nur Helden! Wer überlebt in einem solchen Loch?! Wer bringt solche Geisteskräfte auf, sich dem Todeswunsch zu widersetzen und zu überdauern?“ Strafe musste auf jene herniederfahren, die diese Hölle unter ihrem Befehl hatten, die Succubi der Grausamkeit vom flammenden Damoklesschwert der Rache erschlagen werden.
Das wurde ihr schließlich klar.
„Rache! Strafe! Gerechtigkeit für die verlorenen Seelen in dieser Folterhölle! Sie schreien mit zehntausend Stimmen danach!“ Sie blickte zu Miandra, welche Vernita - welche Lydia einfach ignorierte - gerade hochhob um zu verschwinden. Sie war stark gewesen, sehr stark. Lydia fiel neben Leanora auf die Knie und blickte nach oben zu der schwarzhaarigen Frau.
„Miri... Miri, kommt her. Wir hohlen Euch hier raus, hinaus ans Licht. Mythral wird über Euch wachen, Ihr seid von nun an sicher...“
Anschließend stand sie wieder auf und ging auf Sareth zu, welcher ihr widerwillig das Langschwert gab. „Habt Dank. Dies wird heute Gerechtigkeit vollstrecken!“
Sie stand auf und blickte zu Vernita. „Verlasst Euch auf mich, Gnade werde ich heute nicht walten lassen, Pardon wird nicht gegeben. Heute sind wir Helden!“
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Mi 17 Aug 2011, 6:20 pm

Die schwarzhaarige Frau ging den Weg zur Festung hinauf. Vor der Torwache blieb sie stehen und musterte diese mit einem kühlen Blick.
„Ist Oberst Tjark schon aus seinen Gemächern gekommen?“ fragte sie den Mann.
„Ja, Milady Gianauro“, entgegnete die Wache, während sie stramm stand. „Doch hat er momentan noch Besuch.“
Eshtá wollte gerade schon weitergehen, als sie die letzten Worte ihres Gegenübers vernahm. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und sah den Mann finster ins Gesicht. „Besuch? Um diese Zeit? Wer ist es?“
„Irgendeine Baroness deren Gesinde ermordet worden ist wie es scheint. Sie ist jetzt schon eine ganze Weile beim Oberst.“
„Seltsam“, murmelte Gianauro vor sich hin, bevor sie sich wieder an die Wache wandte. „Ich werde trotzdem zu ihm gehen.“
Die schwarzhaarige Frau wandte sich ab und ging schnellen Schrittes über den Hof der Festung. Inzwischen herrschte hier schon reger Betrieb. Die Soldaten exerzierten auf dem großen Platz oder lösten ihre Kameraden ab, die die Nachtwache geschoben haben. Die Offiziere brüllten ihre Untergebenen an, welche daraufhin laut scheppernd Haltung annahmen. Alles machte den Anschein eines ganz normalen Tagesbeginns.
Doch die schwarzhaarige Frau hatte auf einmal ein mulmiges Gefühl. Die Sache mit der Baroness machte ihr Kopfzerbrechen. Was wollte eine Adelige zu so früher Stunde beim Oberst einer Festung? Und dann wollte sie auch noch mit ihm über den Mord an ihrem Gesinde sprechen? Einen Tag nachdem zwei Mörder verhaftet worden sind, die sich Eshtá heute genauer ansehen wollte? Sollte das etwa ein Zufall sein?
Gianauro kam ein schrecklicher Verdacht. Sie beschleunigte ihren Schritt und rannte jetzt den letzten Rest des Weges zur Amtsstube des Obersts. Die Wachen, die sie auf dem Weg dorthin begrüßten, ignorierte sie vollkommen.
Bald darauf betrat sie den Vorraum, welchen sie schnell durchschritt. Sie riss die schwere Tür zur Amtsstube des Obersts auf und blieb direkt stehen. Neben dem Schreibtisch sah sie Tjark am Boden liegen. Seine Gesichtsfarbe wirkte sehr ungesund, seine Augen starrten leer und kalt an die Decke. Vor ihm lag noch ein weiterer Soldat, dessen Kopf in einem unnatürlichen Winkel vom Körper abstand. Anscheinend wurde diesem Mann das Genick gebrochen.
„Vernita!“ fauchte die Frau, bevor sie auf den Stelle herum kreiselte und nach draußen auf den Hof stürmte.
„Alarm!“ schrie sie, kaum dass sie den Vorraum verlassen hatte. „Wir haben einen Eindringling in der Festung. Sammelt die Truppen! Durchsucht das Fort! Bringt mir diese Bastarde! Tot oder lebendig!“
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Do 18 Aug 2011, 12:27 pm

Leanora sammelte das Schwert von Vernita auf. Es lag ihr relativ gut in der Hand, wenngleich es sich plumper anfühlte, als ihre eigene Waffe. Testweise machte sie zwei Streiche durch die Luft. Es war nicht optimal, aber es würde gehen. Zudem hoffte sie, dass sie ohnehin ohne Kampf hier rauskamen.
Lydia schwadronierte von Ehre und Gerechtigkeit, dafür war Leanora ohnehin. Aber war es denn gerecht, hier Soldaten zu töten? Welche letztlich nichts anderes taten als die Befehle auszuführen, die sie erhielten? Waren denn gleich alle dieser Wachen deswegen solche Sadisten, denen das Foltern auch noch Spaß machte? Vielleicht waren Familienväter darunter, und sie, Leanora, wollte nicht unbedingt Schuld daran sein, dass Kinder und Frauen betteln mussten. Für ihren Geschmack gab es heute schon zu viele Tote... aber diesen Gedanken verdrängte sie sofort wieder. Sie musste ihre Aufmerksamkeit hier haben, um die Gruppe notfalls verteidigen zu können.
Schnell lief sie Sareth und Vernita nach, als sie plötzlich meinte, Glocken zu hören. Andererseits war sie sich nicht sicher, die Mauern waren zu dick, und woher sollten diese Klänge auch kommen? Dennoch spitzte sie die Ohren und lauschte konzentriert auf alle Geräusche. Ihr Herz klopfte, hoffentlich würden sie bald diesen versteckten Ausgang erreichen.


Vernita verließ mit Miandra in den Armen die Folterkammer. Die anderen folgten ihr, wobei Sareth sich den Elf über die Schulter geworfen hatte. Er hatte von Lydia eines der Messer bekommen, damit er für den Notfall überhaupt eine Waffe in der Hand hatte, auch wenn es ihm nicht passte, dass er seinen Speer nicht einsetzen konnte.
Sie liefen durch den langen, dunklen Korridor, der links und rechts von feuchten Zellen flankiert war. In diesen saßen Menschen und Elfen, die zum Teil in einem erschreckend schlechtem Zustand waren. Die meisten waren stark abgemagert, ihre bleichen Gesichter sahen ihnen ohne Hoffnung entgegen. Einige von ihnen zeigten deutliche Spuren physischer Gewalt. Doch für sie würde es keine Rettung geben.
Vernita schenkte diesen Verdammten keinen einzigen Blick. Ihr ging es nur darum, Miandra zu retten. Alles andere war zweitrangig. Und für diese verlorenen Seelen konnten sie ohnehin nichts tun. Selbst wenn sie alle Zellentüren aufschließen würden, so könnten die meisten der Gefangenen ohnehin nicht fliehen. Dazu waren sie gar nicht in der Verfassung. Nein, sie mussten da bleiben, wo sie waren. Ansonsten würden sie die sechs nur durch einen ungestümen und völlig sinnlosen Fluchtversuch verraten. Das konnte die Elfe nicht zulassen.
Am Ende des Korridors lag eine Treppe, die weiter in den Keller führte. Die sechs hatten den Absatz dieser Treppe gerade erreicht, als die Alarmglocken läuteten. Vernita blieb kurz stehen und lauschte.
„Verdammt!“ fluchte sie. „Sie müssen den Kommandanten gefunden haben! Los jetzt! Beeilen wir uns! Bald wird es hier von Wachen nur so wimmeln! Leanora bleibt dicht hinter mir! Und du bildest das Schlusslicht, Lydia, um uns den Rücken freizuhalten! Vorwärts!“
Die Gefährten rannten die Treppe hinunter, wobei die Elfe ein ziemliches Tempo vorlegte. Und das obwohl sie nach wie vor Miandra auf den Armen trug. Insbesondere Lydia hatte arge Probleme den Anschluss nicht zu verlieren. Ihre Schritte hallten dabei laut durch die Gänge des Kerkers.
Nach kurzer Zeit erreichten sie das Ende der Treppe. Vor ihnen lag ein weiterer langer Korridor, von dem aus mehrere Seitenwege abgingen. Vernita lief unbeirrbar weiter, als sie die Geräusche hörte. Das Scheppern von Rüstungen, das Trampeln von Schritten, sowie das Brüllen von Befehlen.
„Da sind sie!“ brüllte ein Soldat, der mit seinen Kameraden aus einem Seitengang gestürmt kam. „Macht sie nieder!“
Die Wachen kamen mit gezogenen Waffen auf sie zu, womit sie ihnen den einzigen Fluchtweg versperrten. Nun mussten sie sich den Weg in die Freiheit erkämpfen.


Wachen. Sie konnte Wachen von unten rufen hören. Schnell drängte sich Lydia an Vernita und Sareth vorbei. Ihr Herz raste, ihre Muskeln waren bis zum Zerreißen gespannt. Jetzt würde sie also töten müssen.
Sie beschleunigte ihren Lauf. Mit einem Schrei, wie ihn nur blanker Hass und Wut erzeugen konnten, stieß sie sich ab und sprang direkt in den ersten Soldaten hinein. Sareths Klinge war eine gute. Sie glitt durch den ledernen Brustpanzer des Soldaten glatt hindurch und die Wucht ihres Aufpralls warf den Wächter rückwärts um. Noch im Fallen zog sie das Schwert aus seinem Körper und drehte sich zur Seite.
Mit schnellen Schnitten hatte sie einem der Soldaten die Achillessehnen durchtrennt und ihm mit voller Wucht aus einer vollständigen Drehung heraus den Kopf abgeschlagen, als er aufgrund der Schmerzen an seinem Bein eine leicht gebückte Haltung einnahm.
Dumpf fiel der Torso zu Boden. Gerade rechtzeitig fuhr sie herum um den Schlag eines dritten Soldaten parieren zum können, wenn auch nur mit Mühe. Die Wucht seines Angriffs warf sie auf den Boden. Geschickt rollte sie sich zur Seite, als er mit seinem Schwert ausfuhr, bei welchem er die Klingenspitze seines Schwertes am Steinboden abbrach.
Sie sprang schnell auf und stieß ihm das Schwert ins Gesicht. Platt fiel auch dieser zu Boden. Sie hörte hinter sich einen Soldaten mit wütendem Schrei zum Schlag ausholen, fuhr herum und zog ihr Schwert in einer fließenden Bewegung aus dem Kopf des Toten, und ließ es am Bauch des noch lebenden Soldaten vorbeischnellen. Dank seiner schlechten Rüstung schnitt sie ihn fast in zwei Hälften. Blut bespritzte sie schon nicht mehr, es regnete schon fast. Sie war rot und verklebt vom Blut der Wächter.
Den nächsten tötete sie, indem sie ihm das Schwert von unten aufwärts in den Bauch durch sein Kettenhemd rammte und dabei Magen, Lunge und Herz traf. Wabbelig fiel er in sich zusammen.
Sie zog ihre Messer und stürzte sich von hinten auf einen der übrigen Soldaten. Schnell rammte sie ihm die Messer in den Hals, machte anschließend einen Überschlag über den Kopf des Wächters, zog noch im Fluge die Messer aus seinem Hals und landete auf den Füßen. Schnaubend, zitternd und bebend kniete sie in einem Meer von Blut und Tod, realisierte wie präzise und erschreckend kaltblütig sie eben getötet hatte.


Rowan humpelte den Gang entlang, als die Geräusche näher kamen. Sie kamen aus der Richtung, in die sie lief und rührten eindeutig von einem Kampf her. So gut es ging beschleunigte sie ihren Schritt. Sie musste noch einmal abbiegen und markierte den Gang aus dem sie gekommen war, dann war der Kampf ganz nah. Sie lugte kurz um die nächste Ecke, um sich zu versichern, dass es ihre Gefährten waren, die darin verwickelt waren.
Sie konnte Lydia und Leonora erkennen, die sich eisern verteidigten. Zwischen ihr und den beiden kamen Soldaten aus einem Seitengang gelaufen. Sie waren alle mit dem Rücken zu Rowan gedreht. Diese war froh, dass sie auch ihren Bogen mitgenommen hatte. Kurzerhand nahm sie ihn von der Schulter und legte den ersten Pfeil ein.
Sie zielte auf die ungeschützte Stelle zwischen Rückenplatte und Helm und es dauerte drei tote Soldaten, bis Rowan in dem Durcheinander bemerkt wurde und sich die ersten Gegner ihr zu wandten. Zwei weitere fielen ihren Pfeilen zum Opfer, bevor sie den Bogen wieder überhängte und ihre Messer zog.


Leanora dachte nicht nach, als sie die ersten Soldaten aus dem Gang stürmen sah. Lydia war dem ersten sofort entgegen gesprungen, und der nächste, der durchkam, durfte Bekanntschaft mit Leanoras Fechtkünsten machen. Sie hielt sich dabei sehr gut, aber machte relativ kurzen Prozess. Die Lage war zu ernst, um einen schönen Kampf zu liefern, wichtig war, diesen kampfunfähig zu machen.
Den ersten hatte sie so getroffen, dass er tatsächlich tot zu Boden ging. Leanora bemerkte es nicht einmal richtig, verbissen verteidigte sie sich und ihre Gruppe. Einem hatte sie die Sehnen im Arm so verletzt, dass er das Schwert fallen ließ und nicht mehr weiterkämpfen konnte, ein weiterer Hieb ließ ihn schwerverwundet zu Boden gehen - sie hatte das Schwert in seinen Magen gerammt.
Plötzlich fielen Wachen durch Pfeile. Rowan war wohl hier, Leanora fiel ein Stein vom Herzen. Es war nur eine Gruppe Soldaten, aber es kam ihr vor, als wäre bereits die ganze Besatzung des Forts hinter ihnen her. Leanora war dankbar um das nun gekürzte Kleid, sie hätte sonst tatsächlich nicht kämpfen können.


Sareth konnte nicht viel machen außer darauf zu achten das dem Elf auf seinen Schultern nichts passierte. Obwohl es ihm sehr widerstrebte ein Kind und einer kleinen Adligen das Kämpfen zu überlassen. Am liebsten hätte er der ganzen Bande eigenhändig den Gar ausgemacht.
Als er sah, dass einige Wachen durch Schüsse niedergestreckt wurden, wusste er dass Rowan in der Nähe war. Er zögerte nicht lange, lehnte den bewusstlosen Elfen an der nächsten Wand an, und stürmte nach vorne und um die Ecke.
So wie er es erwartet hatte sah er Rowan die bereit war die ersten Wachen mit ihren Messern abzuwehren. Sareth sah wie eine Wache schwertschwingend auf Rowan zu stürmte.
Sareth lief so schnell er konnte und drehte dann die Wache von hinten einmal herum und schlug sie mit einem kräftigen Schlag bewusstlos. Er nahm der Wache sein Schwert ab, drehte sich um und sah wie weitere auf ihn zu rannten.
Er parierte den ersten Schlag einer Wache, die das Pech hatte vor allen anderen seiner Kollegen auf Sareth zu treffen, stieß sie dann mit der Klinge zurück und schlitzte ihr mit einem Hieb den Bauch auf. Sie fiel schreiend zu Boden und hielt sich ihren Bauch. Sareth zögerte nicht lange und erlöste den Mann mit einem gezielten Stoß ins Herz von seinen Schmerzen. Dann folgte eine Gruppe von Gegnern. Sie versuchten Sareth gemeinsam anzugreifen. Zwei der Männer schlugen mit ihren Schwertern nach ihm, doch den einen parierte er mit seiner Klinge, dem anderen hielt er den Griff der Waffe noch während des Schwingens fest. Dieser Wache trat er mit einem kräftigen Tritt in den Bauch, sodass sie zu Boden fiel, nahm deren Schwert an sich und stieß es der anderen Wache, die er nur pariert hatte, in den Bauch. Die zu Boden gefallene Wache tötete er noch bevor sie es schaffte aufzustehen. Den letzten beiden Männern die auf ihn zu rannten warf er beide Schwerter entgegen und tötete sie bevor sie ihn überhaupt erreichen konnten.
Danach wandte er sich Rowan zu und eilte zu ihr. Er sah sofort, dass sie blutüberströmt war. Er fasste sie an den Schultern und musterte sie eindringlich. Nach einem kurzen Augenblick bemerkte er, dass ihr ein Bolzen im unteren Teil des Rückens steckte und sie am Oberschenkel stark blutete. Er sah sich die Verletzungen an, so gut es eben durch die Rüstung möglich war. Sareth scheute den Bolzen heraus zu ziehen. Rowan könnte dadurch noch mehr Blut verlieren, also begann er ihren Oberschenkel mit Verbandszeug aus seiner Tasche so gut er konnte zu verbinden.
„Du Tollpatsch! Ich habe doch gesagt du sollst auf dich Acht geben!“
Er wollte ihr keine Vorwürfe machen, er machte sich nur große Sorgen um sie. Denn sie war ihm wichtiger als alles andere.


Die Wachen näherten sich schnell durch den Korridor. Noch ehe Vernita etwas hätte sagen können, stürmte Lydia ihnen schon ohne Sinn und Verstand entgegen. Sie sprang und hüpfte zwischen ihren Gegnern hin und her wie ein zugedröhntes Karnickel. Zum Glück für sie waren diese Soldaten anscheinend blutige Anfänger, sonst hätten sie das Mädchen wahrscheinlich schneller zerlegt, als sie ihren eigenen Name hätte aussprechen können.
Leanora ging ebenfalls zum Angriff über, hielt sich aber etwas zurück, damit ihr die Wachen nicht so leicht in den Rücken fallen konnten. In diesem Moment wurden die Soldaten auch schon von hinten beschossen. Das konnte nur Rowan sein, die sich ihren Weg durch die Katakomben gebahnt hatte. Merkwürdigerweise flogen allerdings keine Zauber durch die Luft.
Kaum richteten die Wachen ihre Aufmerksamkeit auf Rowan, legte Sareth auch schon Azoth einfach ab, bevor er sich ebenfalls wie ein Berserker auf ihre Feinde stürzte. Die Elfe sog scharf die Luft ein. So hatte sie sich die Sache mit dem Deckung geben eigentlich nicht vorgestellt. Aber das passierte eben, wenn man mit blutigen Anfängern zusammenarbeiten musste. Ohne lang zu überlegen setzte sie Miandra neben Azoth auf dem Boden ab und zog ihr Messer. Sie blieb in Angriffshaltung vor den beiden Bewusstlosen stehen, um sie vor etwaigen Attacken der Soldaten zu beschützen.
Diese erfolgten auch kurz darauf. Zwei der Wachen durchbrachen die Deckung, welche im Moment auch nur von Leanora aufrechterhalten wurde. Hätten Lydia und Sareth sie dabei unterstützt, hätten sie die Angreifer ganz leicht in Schach halten können. Doch die beiden mussten ja unbedingt die Helden spielen.
Die erste Wache schwang ihr Schwert von links nach rechts durch die Luft, um die Elfe mit einem einzigen Hieb den Kopf abzuschlagen. Vernita wich einen Schritt zurück, so dass die Klinge um Haaresbreite ihren Hals verfehlte und klirrend gegen die Wand prallte. Die Elfe setzte augenblicklich nach und stürzte sich auf ihren Gegner. Die beiden krachten zusammen, torkelten zwei Schritte zurück, bevor sie gemeinsam zu Boden gingen. Vernita landete auf dem jungen Soldaten, der vor Schreck sein Schwert fallengelassen hatte und nun die Elfe entsetzt anstarrte. Diese zögerte nicht einen Moment, sondern schnitt ihm mit einer schnellen Bewegung die Kehle durch. Röchelnd hauchte der Mann sein Leben aus.
Sofort sah sich Vernita nach dem zweiten Soldaten um, welcher sich inzwischen Azoth und Miandra genähert hatte. Er war gerade dabei sein Schwert zu heben, um den Elfen mit seiner Waffe zu durchbohren.
„Hey, du Arsch!“ brüllte die Elfe, während sie mit dem Messer nach der Wache warf. Verdutzt sah sich dieser um, bemerkte noch die Waffe, welche sich aber schon im selben Augenblick dicht unterhalb seines Brustpanzers in seine Seite bohrte. Erstickt stöhnte er auf, bevor er sich seinem neuen Feind zuwandte.
Vernita griff nach dem Schwert des Mannes, den sie gerade getötet hatte und stürmte mit einem lauten Schrei auf den Lippen auf den verletzten Soldaten zu. Sie führte einen schnellen Angriff von links, den ihr Gegner jedoch parierte. Daraufhin folgte eine weitere Attacke von rechts, dann wieder eine von links und schließlich erneut eine von rechts. Die Elfe trieb den Soldaten immer weiter vor sich her, bis die beiden schließlich die Treppe erreicht hatten. Ein weiterer schneller Vorstoß Vernitas ließ den Mann zurücktaumeln. Er stolperte über die unterste Treppenstufe und krachte scheppernd auf den Boden. Fast sofort war die Elfe über ihm und beendete mit einem einzigen Streich das Leben ihres Gegners.


Rowan erschrak kurz, als Sareth auf sie zugestürmt kam. Er stellte sich vor sie und ehe sie es sich versah, hatte er die Welle der Angreifer getötet. Sie ließ sich von ihm verbinden und stützte sich schwer auf ihn. Mittlerweile machte sich der Blutverlust bei ihr bemerkbar.
„Danke. Aber das meiste Blut ist nicht von mir. Es ist nicht so schlimm wie es aussieht.“
Sie lächelte schwach und versuchte ihre Schmerzen zu verbergen.
Unsicher schaute sie sich um. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Angreifer eintreffen würden. Sie sollten sich schleunigst auf den Weg machen.


Sareth sah Rowan kurz tief in die Augen. Dann umarmte er sie und küsste sie leicht auf die Wange. Dann ging er zur Wand und lehnte sanft sie dagegen.
„Warte kurz hier!“
Er ging den Gang zurück und sammelte den bewusstlosen Elfen wieder ein, und hängte sich diesen um die linke Schulter. Er trug ihn in die Richtung an der er Rowan gerade zuvor zurückgelassen hatte. Er nahm Rowans Arm und legte ihn auf seine freie Schulter.
„Komm! Ich stütze dich!“


Rowan erstarrte, als Sareth sie umarmte. Ihre Wange brannte heiß an der Stelle, an der seine Lippen sie berührt hatten. Für einen kurzen Moment waren alle Schmerzen vergessen. Sein Geruch drang in ihre Nase und ließ ihr schwindelig werden. Schwer stützte sie sich auf seine Schulter und vergaß für einen Moment den Elf, den er über der anderen liegen hatte. Sie starrte Sareth ungehalten an und versuchte, in seinen Augen zu lesen.



Als endlich Ruhe einkehrte, hatte Sareth Azoth bereits geschultert und war im nächsten Gang verschwunden. Leanora wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Ein leichter Schmerz durchzuckte sie. Eine Schnittwunde auf der Rückseite der Schwerthand, die leicht blutete, war der Auslöser. Soweit Leanora beurteilen konnte, war diese jedoch nicht tief, nur störend und momentan eben schmerzend.
„Meine Güte, lasst uns nur hier verschwinden. Ich glaube, die haben Alarm geschlagen! Vernita, auch wenn wir die Flucht ausgeklügelt haben... aber wird nicht die ganze Kompanie an Stadtwachen auch dazu abkommandiert werden, die Augen auf den Straßen offen zu halten?“
Vom Boden hörte sie ein Wimmern. Leanora blickte sich um und sah einen Soldaten, der sich die Hände vor den Bauch hielt, die Augen geschlossen, aber sie konnte sehen, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen.
Als sie auf ihn zuging, blickte er sie flehend an. „Bitte... erlöst mich von dieser Qual, ich weiß dass ich sterben werde... beendet es .... bitte!“
Leanora sah, dass seine Innereien aus der Bauchwunde hervor quollen. Sie nickte, holte Luft und schnitt ihm die Kehle durch. Ein letztes Röcheln, und der Soldat war tot.
Leanora drehte sich wieder um und ging stillschweigend und in sich gekehrt Richtung Sareth und Azoth.


Vernita wandte sich um, doch schienen inzwischen alle Soldaten besiegt worden zu sein. Sie steckte das Schwert weg, nahm ihr Messer an sich und ging zurück zu Miandra und Azoth. Sareth hob den Elfen wieder vom Boden auf, bevor er sich zu Rowan gesellte, die offensichtlich verletzt war. Die Elfe trat ebenfalls zu den beiden, wobei sie Miandra wie schon zuvor an ihrem Körper gelehnt trug.
„Schön Euch zu Rowan sehen“, meinte Vernita zur Begrüßung, während sie sich suchend umsah. „Aber was ist mit dem Alten? Wo ist Hennrik?“
Die Angesprochene erwiderte nichts auf diese Frage, sondern sah die Elfe nur ausdruckslos und mit leicht glasigen Augen ins Gesicht.
„Verstehe“, sagte diese daraufhin nur knapp. „Und was ist mit Euch? Ihr seid verletzt, wie ich sehe. Wird es gehen? Wenn Ihr Hilfe braucht, dann sollte Leanora Euch besser stützen. Immerhin hat sie Eure Größe. Und unser Kleiner hier dürfte schon genug mit unserem übereifrigen Elf zu schleppen haben.“


Rowans Blicke spürend drehte Sareth seinen Kopf zu ihr und sah ihr in die Augen. Seine sonst mit Sorgen und Gedanken erfüllte Miene hellte sich auf und er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.
Er zog Rowan zu sich ran und küsste sie einmal lang und innig auf den Mund.
„Das verschieben wir auf später!“
Dann gesellte sich Vernita zu den Beiden und meinte, dass Rowan sich lieber von Leanora stützen lassen sollte. Sareth erwiderte fast sofort mit bestimmender Stimme: „Ich werde beide schon tragen können. Leanora wird unseren Rücken decken müssen. Außerdem werde ich Rowan von nun an nicht mehr aus den Augen lassen.“


Rowan blieb die Luft weg und hätte Sareth sie nicht gehalten, wären ihr sicherlich an Ort und Stelle die Beine unter dem Körper weg geklappt.
Doch die Frage der Elfe holte sie ziemlich abrupt zurück in die Wirklichkeit. Ihre Augen füllte sich mit Tränen, als sie an Hennrik dachte. Traurig schüttelte sie als Antwort den Kopf.
Als sie sich auf den Rückweg machten, hielt sich Rowan an Sareth fest und war froh, dass er bei ihr war. Er gab ihr in diesem Moment nicht nur körperlich Halt.
„Ich habe den Weg, den wir nehmen müssen, markiert. Du solltest ihn also leicht finden.“ rief sie der Kleinen zu, die vorgelaufen war. Vernita ging mit Miandra hinter ihnen und Leonora bildete das Schlusslicht.


„Was heißt hier ‚Rückendeckung geben‘, Kleiner?“ erwiderte Vernita spöttisch. „Die nächste Angriffswelle wird weitaus größer sein, als dieser kleine Stoßtrupp. Die kann Leanora ohnehin nicht alleine aufhalten. Wir müssen sehen, dass wir hier raus kommen! Und zwar schnell!“
Die Elfe beschleunigte ihren Schritt und setzte sich an die Spitze der Gruppe. Auch wenn sie schon ewig nicht mehr hier gewesen war, so kannte sie diese Gänge noch recht gut. Und dank Rowans Markierungen bestand nicht einmal die Gefahr, dass sie sich verlaufen konnte.
„Und deine fadenscheinige Ritterlichkeit ist hier wirklich fehl am Platz! Alles was wir brauchen ist Geschwindigkeit! Und dabei ist es völlig egal, wer dabei wem hilft! Hauptsache, wir kommen hier unbeschadet raus! Solltest du durch deinen Hochmut zu Fall kommen, dann hast du eben Pech gehabt!“ rief Vernita noch, bevor sie um die nächste Ecke verschwand.


Leanoras Adrenalinschub ließ nach, und die Gedanken setzten ein. Hatte sie tatsächlich gerade einige Männer ins Nichts befördert? Und einen davon sogar ganz bewusst getötet? War dies ein Akt der Gnade, dass sie ihm die Kehle durchschnitt? Leanora bejahte dieses innerlich. Der Mann hätte nicht überlebt, sie hatte sein Leiden nur verkürzt. Andererseits wäre er noch quietschfidel und munter, hätte sie ihn zuvor nicht so schwer verletzt.
Das Leben war wohl doch turbulenter und immer wieder für Überraschungen gut. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie nie geglaubt, dass sie jemanden töten würde. Dennoch - entweder starben die Soldaten, oder sie. Und Leanora war in dieser Richtung egoistisch genug, dass sie sich für ihr Leben entschied.
Sie folgte den anderen und betete, dass der Rest ihrer Flucht ohne weitere Zwischenfälle verlaufen würde.


Vernita meinte im Hintergrund erneut das Scheppern von Rüstungen zu hören. Sie waren also schon unterwegs. Doch die genaue Entfernung zu ihnen konnte Vernita schlecht einschätzen. Die langen, hohlen Korridore verzerrten die Geräusche, so dass sie näher klangen, als sie in Wirklichkeit waren.
Sie zog ihr Tempo weiter an, so dass Miandras Kopf auf ihrer Schulter hin und her wippte. Die Elfe wusste, dass sie ihren Gegnern nicht entkommen konnten, doch sie hoffte zumindest, dass diese sie erst einholen würden, wenn die Gefährten die unterirdischen Katakomben erreicht hatten. Dort könnten sie die Soldaten wesentlich besser zurückschlagen. Außerdem hatte sie noch ein kleine Überraschung auf Lager.


Rowan löste sich von Sareth als Vernita los stürmte. Sie wollten ihn nicht noch mehr behindern als es der Elf schon tat.
„Es geht schon. Ich kann alleine laufen“, schnaufte sie, während sie versuchte, das Tempo zu halten, das die Elfe vorlegte.
Sie konnte das Scheppern von Rüstungen hören, dass von den Wänden widerhallte. Bald würde weitere Soldaten sie erreicht haben. Wenn sie es bis zu den Katakomben schafften, dann konnte Rowan der Gruppe etwas Zeit verschaffen. Sie legte noch etwas an Tempo zu und ignorierte den Schmerz, den es bereitete, mit dem verletzten Bein aufzutreten. Jetzt war nicht die Zeit für Zimperlichkeiten.


Das Geräusch von aneinanderprallenden Klingen und Metall, sowie das von scheppernden Rüstungen drang in Miandras Ohren. Sie muss wohl für einige Zeit das Bewusstsein verloren haben, denn zumindest konnte sie sich an nichts erinnern. An keine weiteren Schmerzen, an keine weitere Folter. Miandra spürte lediglich die Schmerzen die sie bereits kannte, an welche sie sich schon fast gewöhnt hatte, sowie das Gefühl von Schwäche und Benommenheit, aufgrund des fiebrigen Zustands. Aber irgendetwas war anders, und es wurde ihr augenmerklich klar, als sie kaltes Metall auf ihrer Haut spürte, einige Stimmen sowie eine angestrengte Atmung wahrnahm. Keiner der Gefängniswärter oder Folterknechte würde sie so zurück in die Zelle transportieren.
Unbewusst fasste sie sich an den Kopf, da er ihr höllisch weh tat und sie versuchte zu verstehen was hier vor sich ging. Mit verschwommenem Blick erkannte sie schließlich von wem sie hier wohl getragen wurde. Im ersten Moment dachte sie sie würde wieder irgendetwas träumen, da sich das Ganze jedoch zu real für einen Traum anfühlte, war sie im zweiten Moment geschockt, im dritten überglücklich und im vierten gleichermaßen erschüttert und ein wenig wütend darüber. Alle nur denkbaren Fragen strömten in ihren Kopf, und wäre sie nicht sie nicht zuvor so verzweifelt gewesen, hätte sie keine Schmerzen oder Sonstiges gehabt, und hätte sie nicht bemerkt, dass sie sich schneibar noch im Fort befanden, so hätte sie diese auch sofort gestellt und hätte sich wahrscheinlich augenblicklich aus dem Griff der Elfe befreit. Stattdessen sammelten sich Tränen in ihren Augen und sie fiel Vernita, trotz der wohl schlechtesten Situation, dankbar um den Hals, klammerte sie mit all ihrer verfügbaren Kraft an der Rüstung fest und dabei liefen ihr ohne zu schluchzen Tränen aus erneut geschlossenen Augen an den schmutzigen Wangen hinab.


Lydia konnte wieder Wachen hören, wie sie den Gang entlang schepperten. Sie lief weiter nach vorne, dort sah sie auch eine Nische im Gang, in welcher Kisten und Fässer standen. Schnell kroch sie hinter eine der Kisten.
„Pssst...“, machte sie und ließ ihre Klingen, welche in den Armschienen eingebaut waren, geräuschlos ausfahren.
„Warte, was war das?“
„Was? Hast du wieder zu tief ins Bierglas geguckt?! Da ist nichts!“

Wie sehr sie sich doch irrten. Lydia kletterte hinter den Kisten hervor und landete lautlos auf den Füßen. Schnell war sie hinter den beiden. Sie trugen Plattenpanzer, große Schilde und Langschwerter und wo diese zulangten, wuchs so schnell kein Gras mehr.
Sie sprang vom Boden ab und rammte einem der laufenden Panzer beide Klingen in den ungeschützten Nacken. Mit lautem schepperndem Getöse brach er leblos zusammen.
Sein Kamerad reagierte sofort. Mit Wucht schwang er sein Schwert nach ihr, doch sie wich schnell zurück. Wieder und wieder holte er mit seine Waffe nach ihr aus, wieder und wieder wich sie geschickt jedoch sehr knapp aus.
Plötzlich und unerwartet sprang er vor und schlug ihr mit dem Schild vor die Brust. Die Wucht riss sie von den Füßen und schleuderte sie den Gang zurück. Mit einem schrillen Schmerzensschrei schlug sie auf dem Steinboden auf und rutschte noch etwas zurück. Ihr blieb die Luft weg, die Brust hatte sie verkrampft. Stoßweise sog sie Luft ein, jedes Mal mit unmenschlichen Schmerzen. Sie griff nach Sareths Schwert und versuchte sich wieder aufzurappeln, als der nächste Schlag des Riesen angesaust kam. Sie warf sich zurück, wobei sie mit den Armen ihr Gesicht schützend verdeckte, doch er schnitt ihr mit der Schwertspitze tief in den Oberarm. Blut quoll aus der Wunde und der Schmerz stach wie ein Blitz durch ihren gesamten Oberkörper. Panisch rutschte sie zurück, der Riese kam immer näher.
Das musste das Ende sein. Erschlagen von einem Hünen in Platten, gekämpft bis zum Tod. Aber sie konnte sich eine schlimmere Art zu gehen vorstellen. Mit letzter Kraft drückte sie sich vorwärts vom Boden ab, gerade als er zum nächsten Schlag ausholte. Sie stieß ihm in den Helmschlitz und drückte mit aller Gewalt die Klinge hinein. Wortlos kippte der Hüne um und machte beim Aufschlag ein mörderisches Getöse.
Lydia dachte, sie hätte es geschafft, doch sie hatte sich geirrt.
Drei weitere Wachen, diesmal nur leicht gepanzert, rückten nach. Sie ignorierte die Schmerzen und stürzte sich mit einem lauten Kampfschrei auf den Vordersten. Dieser schlug mit dem Schwertknauf nach ihr und traf sie seitlich im Gesicht. Blut, welches vermutlich ihr eigenes war, spritzte perlenartig fort. Ihr war es gleich. Sie stieß ihre Unterarmklingen wieder und wieder in den Oberkörper des Mannes, bis dieser sich nichtmehr regte. Der nächste trat nach ihr, sie rollte sich weg, doch er traf sie mit voller Wucht am Rücken. Lydia stöhnte auf und krampfte zusammen. Sie fasste nach dem Bein des Soldaten um sich aus dieser misslichen Lage befreien zu können, wieder und wieder, und hoffte auf baldige Hilfe von Leanora und den anderen.


Vernita merkte, dass Miandra mit einem Mal leichter zu sein schien, was daran lag, dass diese sich jetzt an der Elfe festklammerte. War dies nur eine Reflexbewegung? Oder hatte die schwarzhaarige Frau das Bewusstsein wiedererlangt? Was immer es war, es zeigte Vernita, das Miandra noch lebte. Und allein dafür war die Elfe sehr dankbar.
Dann merkte sie, wie Lydia an ihr vorbeirannte und sich rasch entfernte.
„Bleib gefälligst bei uns, du kleine Kröte!“ rief ihr Vernita noch hinterher, doch da war das Mädchen schon um die nächste Ecke verschwunden. Und kurz darauf hörte die Elfe schon, was Lydia von ihrem Übereifer hatte. Den Geräuschen nach zu urteilen, welche Vernita vernahm, war das Mädchen in einen Kampf verwickelt worden.


Rowan sah, wie das kleine Mädel ihnen voraus lief und Vernita überholte. Sie war unverletzt und nutzte ihre Flinkheit, um einen großen Abstand zu den anderen zu gewinnen. ‚So etwas Dummes...‘, dachte sich Rowan. ‚Das konnte doch nur schief gehen.‘ Kurze Zeit später hörte sie auch schon Kampflärm und das Scheppern von Rüstungen. Schnell bogen die anderen um die Ecke und fanden das Mädel am Boden liegend zwischen zwei leicht Gepanzerten Wachen, von denen sich eine gerade über sie beugte und mit dem Schwert ausholte. Daneben lagen drei weitere Wachen, die das Mädel anscheinend vorher schon erledigt hatte.
Schnell lag der Bogen in Rowans Hand und nur einen Herzschlag später verließ ein Pfeil die Sehen und fand sein Ziel im Hals der ersten Wache. Die zweite hatte gerade einmal Zeit verdutzt in ihre Richtung zu schauen, bevor auch sie durch einen Pfeil im Kehlkopf röchelnd zusammenbrach.


Als der Rest der Gruppe um die Ecke bog, sah Vernita auch schon, dass das Mädchen gerade im Begriff war, ihr Leben auszuhauchen. Nur Rowans schnelles Eingreifen rettete Lydia das Leben.
„Das hast du nun davon!“ tobte die Elfe, während sich Leanora zu dem kleinen Mädchen gesellte und dieses versorgte. „Wenn sie nicht weiterkann, dann lasst sie zurück, Leanora! Bei soviel Dummheit bringt sie uns alle noch ins Grab!“
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Do 18 Aug 2011, 12:37 pm

Vernita hatte das Mädel bereits erreicht und warf ihr wutentbrannt wüste Beschimpfungen entgegen. Auch Leonora war schnell herbei und kniete sich neben das Mädchen und kramte in ihrer Tasche nach Verbandszeug. Rowan musste kurz verschnaufen und steckte mit zitternden Händen ihren Bogen wieder weg. Sie hatte viel Blut verloren und wusste nicht, wie lange sie noch durchhalten würde.
Wortlos humpelte sie an der knienden Leonora vorbei und warf dem Mädchen einen bösen Blick zu. Sie hatten bereits die Stelle erreicht, an der sie vom Gang aus in den kleinen Raum abbogen. Am Ende des Raumes war die Tür, die Rowan aufgebrochen hatte. Sie ging voraus und öffnete sie. Die anderen waren bereits hinter ihr in den Raum getreten. Hinter der Tür fing die Treppe an, die sie in die Katakomben führen würde. Auf dem ersten Stufenabsatz lag der Wachmann, den Rowan getötet hatte. Daneben lag Hennriks Kugel und leuchtete zum Glück immer noch recht hell.
Rowan trat durch die Tür und nahm die Kugel in die Hand. Sie winkte die anderen hindurch und horchte danach noch einmal in den Raum hinein. Das Scheppern von Rüstungen und vereinzelte Rufe waren entfernt zu vernehmen. Was ihr jedoch größere Sorgen bereitete war das Gebell von Hunden, das sich ihnen schnell näherte. Rowan zog die schwere Tür zu und ließ die Gefährten im Schein von Hennriks Kugel in die Dunkelheit eintauchen. Sie nahm einen ihrer Dietriche zur Hand und verschloss die Tür damit. Dann brach sie den Dietrich im Schloss ab und begab sich an die Spitze der Truppe.
Sie würden die Tür sicherlich aufbrechen können, doch einen kleinen Vorsprung sollte ihnen das kaputte Schloss ermöglichen können.


Rowan übernahm die Führung und führte sie durch einen Raum in den Zugang zu den unterirdischen Katakomben. Dabei hörte Vernita, dass sich zu den Soldaten inzwischen auch Hunde gesellt hatten. Mit etwas Glück hatten diese Hunger und würden sich erst einmal an den Leichen vergreifen, aber die Elfe glaubte nicht an Glück. Und Rowan offenbar auch nicht, denn nachdem sie alle durch die Tür gegangen waren, verriegelte die blonde Frau diese wieder, bevor sie den Dietrich im Schloss abbrach. Das würde die Hunde aufhalten. Zumindest solange, bis deren Herren die Tür aufgebrochen hatten.
Rowan übernahm wieder die Führung und humpelte so schnell sie konnte die Treppe vor ihnen herunter. Diese führte an einem Raum vorbei, indem neben einigen Hundekäfigen auch die Kadaver von zwei Mabari auf dem Boden lagen, um denen unzählige Fliegen umher summten. In der Luft lag der Geruch nach verwesendem Fleisch. Doch die Gruppe beachtete dieses grausige Szenario nicht, sondern setzte ihren Weg über die Treppe fort. Diese endete kurz darauf in einem Gang, der mit dem Unrat von Hunden übersät war. Der unangenehme Gestank von Urin und Fäkalien drang in ihre Nasen. Doch das konnte die Elfe nicht erschüttern. Sie war weitaus schlimmeres gewöhnt.
Der Gang machte nach einer Weile einen Knick und führte tiefer unter die Erde. Nach kurzer Zeit trafen sie schließlich auf ein paar weitere tote Mabari, die ziemlich abgemagert aussahen. Und den Spuren nach zu urteilen, konnten diese Tiere noch nicht lange tot sein. Vernita vermutete, dass Rowan diese erledigt hatte. Hinter diesen Kadavern konnte sie auch noch ein geöffnetes Eisengitter erkennen. Doch kaum hatten sie dieses erreicht, da hörten sie alle von oben ein lautes Donnern. Dann einen Moment Stille und dann wieder dieses Donnern.
„Sie haben die Tür erreicht!“ schrie Vernita. „Beeilung! Wir haben nicht viel Zeit!“


Leanora hätte am liebsten die Augen geschlossen, als sie weiterliefen. Zuerst schon das Leid der Gefangenen sehen zu müssen, dann der Kampf mit den Soldaten, hernach Lydias Alleingang, jetzt noch tote Hunde. Soviel Elend innerhalb kürzester Zeit zu sehen, ging weit über ihre Kraft, aber sie durfte sich keine Schwäche erlauben. Sie konnte nur hoffen, dass Lydia durchhielt. Noch jemanden tragen zu müssen würde nicht gehen.
Es stank erbärmlich in diesen Gängen, nach Tod, Verwesung, und Fäkalien. Die Kugel spendete zwar etwas Licht, aber nachdem sie Rowan vor sich hatte, lief sie eher im Schatten. Sie schlitterte ein wenig, als sie auf etwas weiches trat, und sie wollte lieber nicht wissen, auf was sie genau ausgerutscht war. Einige Schritte später wusste sie es, der Gestank war immer noch hier, obwohl sie nun tiefer im Gang waren. An ihrem rechten Stiefel klebte Hundekot. Sie versuchte, mit dem Fuß immer ein wenig über den Boden zu rutschen, damit das Korpus Delikti wieder entfernt wurde.
Leanora war dabei relativ konzentriert und schnaubte durch die Nase, als sie auch noch durch eine Spinnwebe lief. Das Netz verfing sich in ihrem Haar und ein Faden hatte sich über ihren Nasenrücken gezogen.
„Pfui Teufel“, flüsterte sie, und wischte sich mit dem linken Ärmel über das Gesicht.
Inzwischen hatten sie das Gitter erreicht, Leanora setzte gerade an, dadurch zu krabbeln, als sie von oben das Donnern vernahm. Die Tür war aufgebrochen, und Leanora gefror das Blut in den Adern.


Sareth folgte den anderen durch die Gänge, über die Treppen und durch die Katakomben, stets darauf bedacht Rowan möglichst im Blick zu haben, um ihr im Notfall helfen zu können. Denn er wusste, dass sie sich selbst zu viel zumutete. Sie hatte schließlich viel Blut verloren und ihr steckte noch ein Bolzen im Rücken.
Als die Gruppe die Katakomben erreicht hatte schoss Sareth sofort der Gestank dieses Ortes in die Nase. Er rümpfte kurz die Nase und versuchte möglichst durch den Mund zu atmen.
Als er den dreckigen, dunklen Weg entlang schritt rutschte er fast auf etwas sehr Glitschigem aus. Aus diesem kleinen Schreck heraus fing er reflexartig wie ein Seemann an zu fluchen.
„So eine verdammte Sch...!“
Ihm wäre beinahe der Elf von der Schulter gerutscht. In dessen Zustand hier in den Dreck zu fallen wäre bei seinen Verletzungen gleich bedeutend mit einen Todesurteil gewesen. Mit einer Blutvergiftung war nicht zu spaßen. Das wusste Sareth.
Nach dieser Begebenheit hörte er ebenfalls die lauten Geräusche die von weiter oben zu ihnen drangen und er beschleunigte seinen Schritt darauf hin.


Das Poltern hinter ihnen ließ Rowan zusammen zucken. Die Wachen waren dabei, die Tür aufzubrechen. Schnell lief sie den anderen voraus und richtete sich dabei nach ihren hinterlassenen Markierungen. Nach kurzer Zeit bogen sie um eine Ecke und Rowan stockte kurz. Vor ihr war die Stelle, an der Hennrik tot im Gang lag. Sie starrte ihn an und war einen Moment lang unschlüssig. Die anderen hatten mittlerweile aufgeschlossen und Rowan schaute sich zu ihnen um.
Tränen und Schmerz stand in ihren Augen, doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann wandte sie sich schweren Herzens um und humpelte weiter. Es tat ihr weh, dass sie ihn zurück lassen mussten, aber er würde sie nur behindern.


Dumpf und hohl klang die Welt, der Schmerz verzerrte Lydia die Sicht und ihre Bewegungen. Blut verwischte die Umgebung. Sie hätte schreien können, sterben können, nur ob der Schmerzen, doch sie wehrte sich gegen die Umarmung des Nichts und zog sich wackelig nach oben. So schnell sie konnte humpelte sie dem Rest der Gruppe nach, die Wachen konnte sie schon rufen und toben hören.
„Hier endet es also...“ brachte sie heiser hervor. Sie quälte sich, nur um noch ein paar Schritte davonzulaufen, ein armseliger Versuch dem Schicksal zu entkommen. Sie umklammerte das Schwert, welches Sareth ihr gegeben hatte, und schloss zur Gruppe auf.
„Vernita... Vernita, bitte, wenn ich nicht mehr kann, lasst mich liegen. Bitte. Aber wenn ich es hier lebendig raus schaffe, dann schlage ich Euch eigenhändig den Schädel ein! ... Gott diese Schmerzen!!“
Wieder durchfuhr sie ein Krampf, wieder krümmte sie sich und wünschte sich ein Ende. Doch sie würde kämpfen, bis sie tot war. Kämpfen, bis sie von dieser Welt gerissen wurde. Sie wollte sich beweisen, zeigen, dass sie verstand was sie tat und dass sie auch vor Kampf, Verletzung oder gar Tod nicht Halt machte.


„Hör auf uns die Ohren voll zu jammern!“
blaffte Vernita das Mädchen an. „Du hast dir deine Verletzungen selbst zuzuschreiben. Und wenn du dich uns beweisen willst, dann ertrage sie ohne dieses Geflenne!“
Sie durchquerten das Eisengitter und stießen kurz darauf auf Hennrik. Vielmehr auf das, was von ihm übrig war. Er lag in einer Lache aus seinem eigenen Blut, während seine Augen starr an die Decke blickten. Die Elfe konnte erkennen, dass ein Bolzen in seinem Hals steckte.
„Ah, hier hat sich der Alte also hingelegt. Lasst uns keine Zeit mit ihm verschwenden“, meinte Vernita etwas abfällig. Sie hatte dem Magier nie wirklich getraut, was in erster Linie daran lag, nun, da er Magier war. Außerdem hatte er immer ein besonderes Interesse an diesen Seelensplittern gehabt, was sich vielleicht irgendwann zu einem Problem hätte entwickeln können. Doch nun hatte sich dies wohl für immer erledigt. Doch als die Elfe den alten Mann da liegen sah, kam ihr eine Idee.
„Sekunde, vielleicht kann ich uns noch etwas Zeit verschaffen“, murmelte sie und ging neben Hennrik in die Hocke, bevor sie mit einer Hand seine Taschen durchwühlte. Das stellte sich als relativ schwierig heraus, da sie ja nach wie vor noch Miandra trug. Hätte sich diese nicht immer noch an ihren Hals geklammert, so hätte diese Aktion wohl nicht funktioniert. So aber fand Vernita nach kurzer Zeit, was sie suchte.
„Ich wusste, dass dieser Kerl noch mehr davon bei sich hat. Das wird sie eine Weile aufhalten“, grinste die Elfe und stand wieder auf. Sie schritt zurück zu dem Eisengitter und drückte es mit einer Hand zu. Es war etwas schwergängig, aber mit ein wenig Kraft ging es dann. Anschließend stellte sie die kleine Glasphiole auf eine der oberen Querstreben der Eisengittertür. Der nächste, der diese öffnen würde, würde mit Hennriks Lichtbombe seine wahre Freude haben.
„Los! Weiter!“ sagte Vernita zu sich selbst, als sie den nächsten donnernden Aufprall hörte. Und dies war auch der letzte. Sie vernahm, wie die Tür krachend aus den Angeln flog. In wenigen Augenblicken würden die Soldaten hier unten sein. Die Elfe wandte sich um und lief so schnell sie konnte hinter den anderen her.
Ihr Atem ging dabei schnell aber regelmäßig. Trotzdem musste sie zugeben, dass Miandra ihr langsam zu schwer wurde. Doch sie würde nicht aufgeben. So lange auch nur ein bisschen Kraft in ihren Muskeln steckte und ihr Wille ungebrochen war, würde sie durchhalten. Dicht vor einer Wegkreuzung holte sie die anderen ein.
Und da hörte sie hinter sich auch schon das Scheppern der Eisengittertür, gefolgt von dem Aufschrei der Männer und dem Jaulen der Hunde. Offenbar hatte ihre kleine Falle funktioniert. Die Soldaten würden einen Moment brauchen, bis sich ihre Augen von dem grellen Lichtblitz von Hennriks Mixtur erholt hatten. Trotzdem reichte das nicht aus, um sie endgültig loszuwerden. Sie mussten sich etwas anderes einfallen lassen.


Rowan hörte hinter sich eine leichte Explosion, die die Gänge kurzzeitig erhellte, gefolgt von Schmerzensstöhnern und Gejaule. Doch sie wusste, dass es die Wachen nicht lange aufhalten würde. Dazu waren sie schon zu nah heran gekommen. Fieberhaft ging Rowan ihre Möglichkeiten durch. Irgendetwas musste ihr einfallen, um ihnen wieder einen Vorsprung zu verschaffen. In diesem Moment kamen sie an der Stelle vorbei, an der Rowan einen Stolperdraht entschärft hatte.
Rowan hielt an und drehte sich zu den anderen.
„Lauft schon weiter, ich werde hier etwas für die Wachen vorbereiten und dann nachkommen.“
Leonora, die Lydia stützte, warf ihr einen misstrauischen Blick zu.
„Wir sollten zusammen bleiben, meint Ihr nicht?“
„Ich werde mich beeilen und dann nachkommen. Seid unbesorgt.“ Rowan lächelte gezwungen. „Und nun beeilt euch!“
Sareth stellt sich mit verkniffener Miene vor sie. „Ich werde dich nicht alleine lassen. Vergiss es!“
Rowan blickte ihn ernst an.
„Ich verlange von dir, dass du weiter läufst. Wenn ich dir wirklich etwas bedeute, dann wirst du weiter gehen und darauf vertrauen, dass ich nachkomme.“ Sie legte ihm kurz die Handfläche an seine Wange.
„Geh... und beeilt euch.“
Widerwillig drehte sich Sareth weg und rannte hinter Leonora her.


„Beeilt Euch!“
meinte Vernita noch zu Rowan, wobei sie ihr noch einmal zunickte. Dann wandte sich die Elfe um und lief hinter den anderen weiter den Gang entlang. Wenn sie ihre Erinnerung nicht täuschte, dann müssten sie jetzt bald die Stelle erreichen, an der die Katakomben in die natürlichen Höhlen nahe des unterirdischen Flusses mündeten. Dort könnte sie eine Falle vorbereiten, die ihnen ihre Verfolger endgültig vom Hals schaffen würde. Sie hoffte nur, dass ihnen Rowan genug Zeit verschaffen konnte und sie es selbst auch noch herausschaffte.


Nachdem Rowan alleine war, atmete sie einmal tief durch und ließ sich dann unter großen Schmerzen auf die Knie nieder. Schnell hatte sie den Stolperdraht wieder gefunden, den sie an der Wand zuvor ausgehakt hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie es schaffte, das Zittern ihrer Hände abzustellen. Dann hakte sie den Draht vorsichtig wieder an den Auslösemechanismus ein.
Zufrieden betrachtete sie ihr Werk und machte sich schnell hinter den anderen her Richtung Ausgang. Hinter sich hörte sie, wie die Verfolger wieder aufholten. Heiseres Gebell begleitete das Scheppern von Rüstungen. Doch dieses Mal kam es nicht schneller näher... anscheinend hatten sie gelernt und blieben nun zusammen, um besser gegen Überraschungen gefeit zu sein.
Rowan rann der Schweiß am Körper herunter und ihr Atem ging stoßweise. Die Schmerzen ließen sie nur noch verschwommen sehen und sie fing an zu taumeln. Sie schaffte es noch um die nächste Abzweigung, bevor sie zusammenbrach. Sie riss sich ihre Knie auf dem unebenen Grund auf und stieß mit dem Kopf gegen die Seitenwand. Für einen Moment war sie benommen, bevor sie ihren Oberkörper hochstemmte. Sie zog sich zur Wand und lehnte sich mit dem Rücken gegen das feuchte Gestein.
Nur wenige Augenblicke später hörte sie einen Ohrenbetäubenden Lärm und spürte eine Hitzewelle, die aus dem Tunnel kam, den sie gerade hinter sich gelassen hatte. Grelle Schmerzensschreie und der Gestank von verbranntem Fleisch drangen zu ihr. Laute Rufe kamen auf und Rowan spürte förmlich die Wut, die die Wachen erfasst hatte. Sie würden nun keine Gnade mehr zeigen, so viel stand fest.
Boshaft grinsend zog Rowan ihre Messer und machte sich bereit für ihren letzten Kampf. Fliehen konnte sie nicht mehr, dazu war sie zu schwach. Doch sie würde die Verfolger so lange es ging aufhalten, damit ihre Gefährten entkommen konnten.
Sie lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Ihr Atem beruhigte sich und sie entspannte bewusst jeden Muskel ihres Körpers. Dann stemmte sie die Füße in den Boden und schob sich mit dem Rücken an der Wand nach oben, bis sie wackelig auf den Beinen zu stehen kam.
Vor ihrem inneren Auge erschien ein vertrautes Gesicht, dass sie wohl nie wieder sehen würde. Gerne hätte sie gewusst, ob seine Gefühle für sie echt waren und wie es mit ihnen weiter gegangen wäre. Doch leider ging es im Leben nicht immer so, wie man es sich wünschte. Das hatte Rowan schon früh lernen müssen. Sie konnte nur hoffen, dass es die anderen schaffen würden, zu entkommen. Sie hatte getan, was in ihrer Macht stand. Sie hatte den Fluchtweg für sie frei gemacht und dabei einen Kameraden in den Tod geschickt. Da war es nur gerecht, dass sie ebenfalls ein Opfer erbrachte.
Rowan öffnete die Augen und sammelte ihre letzten Kräfte.


Vernita beschleunigte ihr Tempo, wobei sie die Zähne fest aufeinander presste. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Ihre Armmuskeln schmerzten und begannen sich zu verkrampfen. Doch sie ignorierte die Schmerzen, setzte einen Fuß vor den anderen, um endlich den rettenden Ausgang zu erreichen. Sie hätte nicht gedacht, dass Miandra auf die Dauer so schwer werden könnte. Doch sie hatte keine Zeit für Schwäche, nicht so kurz vor dem Ziel.
Sie erreichten die nächste Biegung und wandten sich nach links. Es fiel gleich auf, dass sie die Höhlen erreicht hatten, die gemauerten Steine machten schroffen, unebenen Felsformationen platz. Der Gang selbst wurde niedriger, so dass sie des Öfteren die Köpfe einziehen mussten. Außerdem mussten sie aufpassen, dass sie nicht stolperten, da überall Steine im Weg lagen. Schließlich öffnete sich der Korridor vor ihnen zu einer richtigen Höhle. Im Hintergrund hörte man ein leises Rauschen. Der Fluss war also nicht mehr weit. Bald hatten sie den Ausgang erreicht.
„Halt!“ rief die Elfe. „Wir müssen unsere Verfolger loswerden. Wenn Rowan es nicht schafft sie aufzuhalten, und sie in diese Höhle eindringen können, dann werden sie uns einfach überrennen. Das ist unsere letzte Chance sie loszuwerden!“
Sie ging mit Miandra zu einem hohen Felsen. Hinter diesem setzte sie die Frau auf dem Boden ab. Hier war sie für den Moment in Sicherheit. Mit leichtem Nachdruck löste sie sich aus Miandras Umklammerung.
„Ich bin gleich wieder da“, flüsterte Vernita sanft. „Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Bald ist alles vorbei.“
Auf die eine oder andere Art stimmte das, was sie gerade zu Miandra gesagt hatte. Sie würden entweder bald hier raus sein oder alle den Tod finden. Auf jeden Fall war es jetzt Zeit sich umzudrehen und ihren Verfolgern die Nasen blutig zu schlagen. Die Elfe ging zu dem schmalen Gang zurück, wobei sie eine kleine Glasphiole aus ihrer Hosentasche kramte, die sie unter der Stadtwachenrüstung trug.
Sie untersuchte die Decke des Weges, aus dem sie gerade herausgekommen waren nach Unebenheiten und Rissen im Stein. Dabei wurde sie schnell fündig. Sie kletterte auf einen Felsen, der neben dem schmalen Zugang lag und platzierte die Flasche in dieser Einkerbung. Dann suchte sie nach einem kleinen Stein, mit dem sie das Gefäß zerstören konnte. Mit diesem in der rechten Hand stand sie vor dem dunklen Eingang und überlegte kurz.
Sollte sie nun diesen Stein auf die Phiole werfen? Die Flüssigkeit in ihrem Innern war äußerst instabil. Die Zerstörung der Flasche würde eine Explosion verursachen, die den Gang zu Einsturz bringen würde. Damit wäre Rowans Schicksal besiegelt. Wenn die Wachen sie nicht erledigten, dann würde sie langsam verbluten, da sie ziemlich schwer verletzt war. Auch wenn die blonde Frau das nicht zugeben wollte.
Vernita musste eine äußerst schwierige Entscheidung treffen. Der logisch Schluss war eigentlich, dass sie Rowan opferten, um ihre eigenen Leben zu retten. Ein Leben gegen sechs. Da brauchte man gar nicht groß zu rechnen, um zu wissen, was die Elfe tun sollte. Doch Vernita fiel diese Wahl nicht leicht. Wäre es nicht gerade Rowan, die dort den sicheren Tod finden würde, hätte sie den Zugang schon längst versiegelt. Aber inzwischen mochte sie die junge Frau einfach zu sehr, um sie einfach in diesem Loch verrecken zu lassen.
Der Elfe kam ihr Traum in den Sinn. Sie stand auf dieser Brücke und sah, wie Rowan und Miandra um ihr Leben kämpften. Dort konnte sie keine Entscheidung treffen, so dass beide sterben mussten. Sollte das ein Botschaft sein? Hieß es, dass sie nicht beide retten und eine von ihnen opfern musste, um die andere retten zu können? War es etwa Schicksal, dass Rowan hier ihr Leben lassen musste? Blödsinn! Es gab kein Schicksal! Zumindest keines, das sie nicht selbst in die Hand nehmen konnte! Heute würde hier niemand mehr sterben oder eben alle. Rowans Schicksal sollte auch das ihre sein. Entweder bewahrte sie beide Frauen vor dem Tod oder eben keine. So einfach war das!
Sie ging zu Leanora und gab ihr den Stein. „Hier nehmt das! Sollte nicht ich, sondern einer der Wachen diesen Gang entlang kommen, dann werft diesen Stein gegen die Glasphiole, die ich dort oben platziert habe. Aber geht nicht zu nahe heran. Die Reaktion wird recht heftig ausfallen. Und hier habt ihr Eure Tasche wieder. Sollten wir nicht wiederkommen, dann verschwindet von hier! Und seht Euch nicht um!“
Die Elfe gab der Frau ihre Tasche zurück und zog ihr Schwert, bevor sie sich an Sareth wandte. „Komm schon, Kleiner! Du wirst bestimmt auch nicht erwarten können, Rowan da rauszuholen! Also lass uns keine Zeit mehr verlieren!“


Als Sareth diese Worte von Vernita vernahm zögerte er keine Sekunde mehr. Er legte den bewusstlosen Elfen neben Miandra ab und holte die Einzelteile seines Speeres heraus. Nach ein paar Handgriffen war er zusammen gesetzt und Sareth damit kampfbereit. Er wartete erst gar nicht auf Vernita sondern rannte einfach den Weg, den sie gerade erst genommen hatten, wieder zurück. Zurück zu Rowan, um die er sich unendlich viele Sorgen machte.


Es dauerte eine Weile, bis Rowan hören konnte, dass sich ihre Gegner näherten. Sie hatte sie anscheinend durch die Falle einige Zeit außer Gefecht setzen können. Zu ihrem Bedauern konnte sie immer noch das Jaulen einiger Hunde hören. Die Tiere waren im Kampf schwerer einzuschätzen als ihre Herren.
Rowan hätte ihren Bogen zur Hilfe nehmen können, doch ihre Arme waren mittlerweile zu schwach um ihn zu halten, ganz zu schweigen davon damit zu zielen. Es musste auch so gehen.
Dann kamen sie.
Zwei Mabari preschten um die Ecke herum. Sie hatten Schaum vorm Maul und fingen böse an zu knurren, als sie Rowan entdeckten. Von ihren Herren war nichts zu sehen. Die beiden Tiere stürmten heran und für einen Atemzug verlor sich Rowans Blick im Spiel ihrer Muskeln. Einer der beiden Hunde hatte an der Flanke angesengtes Fell und eines seiner Ohren war erheblich verkohlt. Die Lefzen hatten sie hochgezogen und zeigten Rowan ihr mächtiges Gebiss.


Sareth rannte wie von Sinnen durch die Katakomben. Einige Male wäre er beinahe gestürzt oder ausgerutscht. Doch das konnte sein Tempo auch nicht verlangsamen. Vernita war einige Meter hinter ihm und versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Nach wenigen Minuten hatte Sareth den Gang erreicht an dem sie Rowan zurückgelassen hatten. Von weitem sah er, wie zwei Mabarihunde vor Rowan standen und sie anknurrten. Ohne viel nachzudenken rannte Sareth auf die beiden Tiere los, holte mit seinem Speer aus und warf ihn auf einen der Hunde. Der Mabari mit den verkohlten Ohr wurde von der Wucht des Aufschlags gegen die nächste Wand geschleudert und jaulte noch einmal bevor er winselnd starb. Der andere Mabari hatte nun Sareth als Beute auserkoren und rannte auf ihn zu. Kurz bevor er Sareth erreicht hatte sprang er ihm entgegen um ihn umzuwerfen. In diesem Augenblick kam Vernita und tötete das Tier einfach im Flug, noch bevor er Sareth erreichen konnte.
Vernita zischte zwar noch was heraus. Aber Sareth beachtete sie nicht länger sondern lief sofort zu Rowan. Er sah wie schwach sie war. Ohne zaudern nahm er sie hoch und nahm sie Huckepack. Rowan auf den Rücken tragend zog er noch seinen Speer aus dem Mabari, welcher leblos neben der Wand lag, und ging eiligen Schrittes den Weg zurück aus welchem sie gerade gekommen waren.


Vernita folgte Sareth, der wie von Sinnen vor ihr her rannte. Auch wenn sie seine Sorge um Rowan teilte, so war es trotzdem töricht von ihm, einfach so drauf loszustürmen. Somit brachte er sich selbst nur ihn Gefahr. Und wenn er fallen sollte, so nützte er damit auf gar keinen Fall der blonden Frau. Die Elfe folgte weiter dem Mann, der ein paar Mal fast gestürzt wäre, da er viel zu ungestüm den Weg entlang hastete.
Doch schließlich erreichten sie Rowan, die von zwei Mabarihunden bedroht wurde. Sareth warf dem ersten direkt seinen Speer entgegen und tötete diesen. Wieder so eine törichte Aktion. Er konnte nur von Glück sagen, dass Vernita bei der ganzen Sache auch noch was zu vermelden hatte. Sonst wären Rowan und er jetzt Geschichte gewesen.
Gerade als der Mabari sich auf den Söldner stürzen wollte, warf sich Vernita diesem mit einem Kampfschrei auf den Lippen entgegen und rammte dem Tier ihre Klinge durch den Leib. Die beiden prallten voneinander ab. Und während die Elfe leicht benommen zurücktorkelte, krachte der Hund blutüberströmt zu Boden. Vernita schüttelte kurz den Kopf, um diesen wieder klar zu bekommen. Dieser Mabari hatte ganz schön viel Wucht in seinen Angriff gelegt.
„Schnapp dir Rowan und verschwinde!“ zischte sie Sareth an. „Ich gebe dir Rückendeckung!“
Der Mann packte die blonde Frau einfach, warf sie sich über die Schulter und verschwand kurz darauf.
Die Elfe sah stattdessen in die Richtung, aus der die Mabari gekommen waren. Das Scheppern von Rüstungen kündigte weitere Feinde an. Vernita wich etwas zurück. Sie wollte die Soldaten etwas beschäftigen, damit Sareth Zeit hatte, die anderen zu erreichen.
Da kamen die nächsten Wachen auch schon um die Kurve. Einer von ihnen hielt eine Armbrust in der Hand, die er auch sogleich auf die Elfe richtete. Diese stieß nach vorne und stach dem Mann gleich darauf ihr Schwert in den Bauch. Der Soldat keuchte, während er auf die Knie sackte, die Hand auf die Wunde gepresst.
Sein Kamerad knurrte böse, während er sein Schwert auf Vernita niedersausen ließ. Diese wich zur Seite aus, wobei sie ihrem Gegner ihren Faustrücken ins Gesicht schlug. Der Getroffene fluchte laut und wankte zwei Schritte zurück. Weitere Männer drängten sich hinter dem Schwertschwinger durch den schmalen Gang.
Die Elfe nutzte den kurzen Moment der Unachtsamkeit ihres Gegners und spießte diesen regelrecht auf. Der Soldat stöhnte schmerzerfüllt auf. Vernita drängte die schwer verletzte Wache zurück und stieß sie seinen Kameraden entgegen. Diese waren von der Wucht dieses plötzlichen Angriffes so überrascht, dass die vorderen von ihnen stürzten und so die restlichen Männer hinter ihnen behinderten.
Das war Vernitas Chance. Sie kreiselte herum und fing an zu rennen. Sie hatte es so eilig, dass sie nicht einmal das Schwert aus dem Soldaten zog, den sie gerade getötet hatte. Sie musste hier nur weg. Sonst würde sie die schiere Überzahl der Wachen einfach überrennen. Sie verschwand gerade in dem dunklen Tunnel, als der Armbrustschütze, den sie vorhin verletzt hatte, seine Waffe hob und diese abfeuerte.
Der Bolzen löste sich von der Armbrust und sauste durch die Luft. Einen Augenblick später bohrte er sich in Vernitas Rücken. Die Elfe stöhnte erstickt auf, während sie auf die Knie fiel. Mit den Händen fing sie den Sturz ab. Sie atmete einmal tief durch. Sie konnte schon hören, wie ihre Gegner wieder aufstanden und ihr folgten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte sie sich auf, bevor sie zu laufen begann.
Mehr schlecht als recht schleppte sich Vernita durch den engen Gang. Ihre Verfolger waren inzwischen wieder auf den Beinen und schienen sie allmählich einzuholen. Zum Glück für die Elfe musste sie nicht mehr weit rennen. Sie erreichte bereits die Abzweigung. Sie warf sich um die Kurve und geriet ins Stolpern.
‚Nur nicht stürzen!’ schoss es ihr durch den Kopf. ‚Dann ist es aus!’
Vernita ruderte mit den Armen und schaffte es gerade so eben ihr Gleichgewicht zu halten. Sie preschte weiter durch den niedrigen Gang, den ersten Soldaten dicht hinter sich wissend. Vor sich sah sie schon Leanora, die mit wurfbereitem Stein hinter dem Eingang zur Höhle lauerte. Doch würde sie die Glasphiole auch treffen? Vernita wusste es nicht. Aber sie wollte kein Risiko eingehen. Sollte dieser Soldatenstrom in die Höhle eindringen, dann war es vorbei. Dann würden die Männer sie einfach alle niedermetzeln.
Die Elfe beschleunigte ihr Tempo noch weiter. Sie stürmte aus dem schmalen Gang und rannte direkt in Leanora hinein. Sie riss der Frau den Stein aus der Hand, während sie diese mit der Schulter umwarf. Dann sprang sie aus dem Lauf heraus nach vorne, wobei sie in der Luft eine Drehung vollführte, aus der heraus sie den Stein warf.
Der kleine Kiesel flog wie ein Geschoss durch die Luft und zerteilte diese, bevor er sein Ziel traf. Das Fläschchen zersplitterte durch die Wucht des Aufpralls in tausend Teile und setzte eine donnernde Explosion frei. Die Detonation sprengte die Decke des Tunnels unterhalb der Phiole aus dem Fels. Die feurige Druckwelle erfasste den ersten Soldaten, der dicht hinter Vernita in die Höhle eingedrungen war, und riss ihn entzwei. Sein Kamerad hinter ihm wurde unter den Gesteinsbrocken begraben, die von der Decke des Ganges regneten. Staub und Dreck wirbelte auf und versperrte für eine Weile die Sicht. Erst nachdem sich diese Wolke kurze Zeit später wieder legte, konnten die Gefährten erkennen, dass der Zugang zum Fort vollkommen verschüttet war. Die Wachen würden Wochen brauchen, um sich da durchzugraben. Sie hatten es geschafft. Zumindest fürs erste.
„War doch gar nicht so schwierig“, meinte Vernita spöttisch und setzte sich auf. Dabei fuhr ihr stechender Schmerz durch den Körper, wodurch sie erstickt aufstöhnte. „Dieser verdammte Bolzen! Ich glaube, ich werde zu alt für diesen Scheiß!“
Auf Vernitas Gesicht lag ein gequältes Grinsen, während sie sich von Leanora aufhelfen ließ.


Ein Speer flog an Rowan vorbei und bohrte sich in den Körper einer der Hunde. Der nächste machte einen kräftigen Satz und sprang… in Metall hinein. In eine Rüstung… Vernita?
Bevor sie verstand, was gerade geschehen war, sah sie Sareths Augen durch den Schlitz seines Helms vor sich und spürte, wie er sie hoch nahm und auf seinen Rücken zog. Ihr Körper wurde an kaltes Metall gedrückt, doch das war ihr in diesem Moment egal. Er war bei ihr und sie wusste, er würde sie beschützen. Rowan klammerte sich mit den Armen um seine Schultern und legte ihren Kopf erschöpft in seinen Nacken.
Sareth lief so schnell er konnte und jeder Schritt, jede Erschütterung ließ den Schmerz in ihrem Körper aufflammen. Sie wünschte sich weg von diesem Ort. Raus aus der Dunkelheit und der Enge. Raus aus dieser Stadt. Irgendwo hin, wo es ruhig und still war. An einen Ort, an dem sie sich beruhigt zur Ruhe legen konnte.
Hinter sich wurden die Geräusche der Verfolger lauter. Das Schnaufen der Elfe begleitete sie bei ihrer Flucht. Sareth rannte in die Höhle, in der die anderen auf sie warteten. Er stoppte abrupt und Rowan rutschte von seinem Rücken herunter auf den Boden. Ihre Wange glitt auf den kühlen und feuchten Stein unter ihr und aus verschwommenen Augen sah sie, wie Vernita heran gestürmt kam, gefolgt von einem Trupp Wachen. Die Elfe rammte Leonora und riss ihr etwas aus der Hand. Im nächsten Moment gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Die folgende Erschütterung lief durch Rowans Körper hindurch. Für einen Moment konnte sie nichts erkennen. Die Luft war voller Staub und sie musste husten. Dann klärte sich ihre Sicht. Die Katakomben waren verschüttet. Ein Haufen Geröll und Stein versperrte den Eingang zu den Gängen und trennte sie von ihren Verfolgern.
Sie spürte etwas Warmes an ihrer Wange. Sareth hatte einen Handschuh ausgezogen und seine Hand an ihr Gesicht gelegt. Sie schloss die Augen und genoss die Berührung. Für einen Moment fand ihr Herz die Ruhe, nach der sie sich schon so lange gesehnt hatte.
Doch sie währte nur kurz. Die Schmerzen und die Erschöpfung drangen wieder in ihr Bewusstsein. Sie mussten immer noch von hier verschwinden. Noch war es nicht vorbei.


Miandra atmete schwerfällig, so als wäre sie ebenfalls den gesamten Weg gelaufen. Sie spürte den kalten und feuchten Stein auf ihrer Haut, und begann nach einiger Zeit zu zittern, obwohl ihr eigentlich extrem heiß war und ihr Schweißperlen auf der Stirn standen. ‚Verdammtes Fieber‘, fluchte sie innerlich. Unbedacht lehnte sie an der Wand, da sie zu schwach war um aufrecht sitzen. Blut drang durch den Verband, und sie fragte sich, wie viel Blut sie seit gestern verloren hatte. Zu viel wohl, da sie schon ziemlich blass war. Unbewusst hielt sie die Hände auf ihren Magen. Irgendwie schien sich immer noch alles zu drehen, und die Stimmen in ihren Ohren zu hallen. Als Vernita mit ihr sprach, hörte sie diese zwar, schien aber kein Wort von dem was sie sagte zu verstehen. Manchmal glaubte sie, alles wäre nur ein Traum, dann wieder zweifelte sie daran, und manchmal vergaß sie komplett wo sie war, oder bekam nichts von dem mit was um sie herum zu geschehen schien.
Es waren einfach unbeschreibliche Gefühle, Gedanken und Sinneswahrnehmungen die sie in jenen Momenten durchlebte.
Erst die Explosion und das Einstürzten des Tunnels ließen sie kurz wieder wach rütteln. Sie sah nichts außer Staub vor sich, welchen sie einatmete und dadurch zu husten begann, wodurch sie sich wieder verkrampfte, da all die Wunden dabei mehr als sonst schmerzten. Es schien wie ein ewiger Teufelskreis zu sein. Sie lehnte den Kopf etwas zur Seite und versuchte, sobald sich der Staub verzogen hatte, etwas zu erkennen, sah jedoch im ersten Moment nur Azoth, da dieser neben ihr saß. Sie hörte leise seinen Atem, er war also nur bewusstlos. Kurz musterte sie ihn, sah, dass er verbunden war, dass jedoch auch bei ihm die Wunden noch zu bluten schienen, da die Flüssigkeit leicht durch die Bandagen drang. Sie wusste nicht wie lange sie auf einen dieser Blutflecken starrte, doch es schien wie eine halbe Ewigkeit. Es war als würde sich ein Film darin abspielen, indem sie alle erdenkbaren Variationen der Folter sah. Manchmal sah sie Azoth oder den schreienden Säugling, am öftesten sah sie Vernita oder ihre Tochter, und ganz selten sah sie sogar sich selbst, oder unbekannte Gesichter.
Miandra wandte den Blick wieder ab, versuchte damit den hallenden Stimmen zu folgen, bewegte jedoch nur ihre Augen und ließ den Kopf erschöpft an der Wand gelehnt. Sie erkannte lediglich zwei Silhouetten, doch ehe sie mehr erkannte, schloss sie die Augen. Sie war einfach zu erschöpft um sie länger offen zu halten, versuchte jedoch wach zu bleiben, und lauschte weiterhin den Geräuschen die im Tunnel widerhallten, welche eine beruhigende Wirkung auf sie hatten.


„Danke“, meinte Vernita zu Leanora gewandt. Dann fiel ihr Blick auf Rowan, die am Boden lag. Sareth kniete neben ihr und streichelte ihre Wange. Als ob sie dafür jetzt Zeit hatten. Sie mussten hier weg. Und zwar schnell. Sonst würden die Wachen den anderen Zugang zu dieser Höhle nehmen und sie doch noch erledigen.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte die Elfe zu der blonden Frau hinüber, vor welche sie sich kurz darauf hinkniete. Besorgt sah sie in Rowans Gesicht. Diese schien leicht weggetreten zu sein. Und auch stark geschwächt. Die Wunde musste ihr schwer zu schaffen machen.
„Wie geht es ihr?“ fragte Vernita, wobei die Frage mehr an die Frau selbst als an Sareth gerichtet war.


Rowan nickte Vernita zu.
„Es geht schon. Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Sie lächelte schwach. „Wir müssen hier weg.“
Sie versuchte aufzustehen und musste sich dabei von Sareth helfen lassen. Unsicher kam sie auf die Beine. Sie blickte sich um und versuchte, die Situation zu erfassen. Der Elf und Miandra lehnten an einer Wand und schienen beide ohnmächtig zu sein. Leonora kniete auf dem Boden neben Lydia, die ihr Gesicht vor Schmerz verzerrt hatte. Auch Vernita schien mittlerweile verletzt zu sein.
„Nimm den Elf, ich werde es alleine schaffen.“
Die Elfe war mittlerweile zu der Schwarzhaarigen gehumpelt und hatte sie unter großen Mühen auf die Beine gezogen. Trotz der Schmerzen, die sie zu haben schien, hob sie die Frau behutsam in ihre Arme und schleppte sich weiter Richtung Ausgang. Leonora half Lydia und Sareth hatte bereits den Elf wieder über seiner Schulter liegen. Er war an sie heran getreten und fasste mit seinem linken Arm von hinten um ihren Rücken herum. Rowan wollte sich zunächst wehren, doch sie merkte bald, dass sie seine Unterstützung dringend brauchte.
Dankbar lächelte sie ihn an. Mit seiner Hilfe setzte sie sich in Bewegung. Sie wollte nur noch hier raus. Viel zu langsam kamen sie vorwärts. Der Weg schien sich endlos hinzuziehen. Mit jedem Schritt schmerzte ihr Bein mehr und mehr und ihr Rücken fühlte sich steif und unbeweglich an. Ihre Finger und Zehen fingen an, taub zu werden und Kälte kroch ihre Gliedmaßen herauf.
Dann endlich, als sie um die nächste Biegung herum kamen, sahen sie vor sich Licht. Eine helle Öffnung, die allmählich größer wurde.


Der Ausgang aus dieser Höhle war in greifbarer Nähe. Der Weg stieg inzwischen recht steil an, führte sie zurück an die Oberfläche. Vernita sah Tageslicht am Ende des Tunnels hineinscheinen. Sie wandte kurz den Kopf in Richtung der anderen.
„Beeilung! Wir haben es gleich geschafft!“ rief sie ihnen zu, bevor sie sich wieder umdrehte und weiterging. Ihr Gesicht war dabei verzerrt. Ihr gesamter Körper schmerzte inzwischen, und der Bolzen in ihrem Rücken tat sein Übriges. Doch sie ignorierte das alles. Solange noch ein Fünkchen Kraft durch ihre Adern strömte, solange würde sie weiterkämpfen. Sie gab nicht auf. Niemals!
Nach kurzer Zeit erreichte die Gruppe den Ausgang. Er lag zwischen einigen großen Felsen und Buschgruppen versteckt. Vorbeigehende Passanten konnten nicht sehen, dass hier ein Pfad in die Tiefe führte. Nur wer danach suchte, konnte diesen finden. Dicht hinter ihnen befand sich die Stadtmauer. Fast schon drohend erhob sie sich hinter den Gefährten.
Als sie aus der Höhle traten, wurden sie gleich von dem schlechten Wetter des heutigen Tages begrüßt. Die Tore des Himmels schienen alle geöffnet worden zu sein, da es in Strömen goss. Der Boden war schon weich und matschig geworden. Es musste also bereits eine geraume Zeitlang regnen.
‚Wie lange waren wir in diesen Katakomben’, ging es der Elfe durch den Kopf. ‚Als wir heute morgen aufbrachen, war von diesem Unwetter noch nichts zu sehen.’
Vernita verwarf diesen Gedanken sofort wieder. Es war egal, wie lange es schon Bindfäden regnete, aber dieses schlechte Wetter kam ihnen zugute. Es würde innerhalb weniger Augenblicke alle Spuren, insbesondere ihre Blutspuren verwischen. Das war ausgezeichnet.
Die Gefährten traten auf die menschenleere Straße. Niemand ging bei so einem Schauer nach draußen, wenn er es nicht unbedingt musste. Die Elfe blieb einen Moment stehen und lauschte. Neben dem Plätschern des Regens auf ihrer Rüstung und den Schritten ihrer Gefährten in dem matschigen Boden, hatte sie noch andere Geräusche vernommen. Ihr scharfes Gehör vernahm entfernte Rufe und das Scheppern von Rüstungen. Sie waren bereits auf dem Weg.
‚Verdammt! Jetzt wird es eng!’ fluchte sie innerlich, während sie sich umsah. Vor ihr befand sich eine Reihe von Wohnhäusern, beziehungsweise von deren Rückseiten. Ein Blick nach rechts zeigte ihr weitere dieser Häuser. Keine Möglichkeit sich dort zu verstecken. Sie schaute in die andere Richtung, wo sie noch mehr Häuser erkennen konnte und einen Schuppen, vielmehr einen Stall. Sollte dieser leer sein, so konnten sie darin Unterschlupf finden. Dazu brauchten sie nur ein wenig Glück.
„Los kommt schnell! Wir müssen uns beeilen!“ rief sie zu den anderen gewandt, während sie bereits losstürmte. Die anderen folgten ihr sogleich. Der rutschige Boden machte das Vorankommen nicht gerade einfacher, und Vernita musste aufpassen, dass sie nicht ausrutschte und hinfiel. Doch sie hatte Glück. Keuchend erreichte sie den Stall. Mit einer Hand öffnete sie die kleine Tür, die in dem großen Tor des Gebäudes eingelassen worden war und trat ein.
Im Inneren stellte sie fest, dass sie sich tatsächlich in einem Stall befanden. Im hinteren Teil befanden sich einige Pferdeboxen, in den sich einige Tiere aufhielten, die wohl vor kurzem gefüttert worden waren. Zumindest waren sie gerade damit beschäftigt, etwas Heu zu fressen. Die Pferde sahen nicht besonders hübsch oder elegant aus. Es schienen reine Nutztiere zu sein. Die Elfe ließ ihren Blick kurz schweifen, bevor ihr klar wurde, welchem Zweck die Pferde dienten.
In der anderen Ecke stand eine große Karre. Es war ein langer Pritschenwagen, dessen Ladefläche mit einer dicken Plane bespannt war. Vorne befand sich eine simple Bank, auf der sich der Kutscher hinsetzen konnte. Diese Karre könnte sich noch als nützlich erweisen.
Inzwischen waren alle in den Stall gekommen, und Leanora hatte die Tür hinter ihnen geschlossen. Das Geräusch des Regens wurde leiser, als es nur noch dumpf auf das Dach des Stalles prasselte. Hier waren sie sicher. Zumindest für den Moment.
Vernita setzte Miandra neben einigen Heuballen ab, so dass sich die Frau für einen Augenblick ausruhen konnte. Dann humpelte die Elfe zur Seitenwand des Stalles und lugte durch einen Spalt in einem der Bretter dort. Sie konnte von hier aus den Zugang zu dem unterirdischen Tunnel erblicken.
Dort tummelten sich inzwischen eine ganze Heerschar von Wachen, die fast alle den Weg nahmen, aus dem die Gefährten vorhin gekommen waren. Doch keiner schien sich die Mühe zu machen, den Boden genauer zu untersuchen, denn dann hätten sie vermutlich die Fußspuren von Vernita und den anderen gesehen. Aber da keiner sich in ihre Richtung aufmachte, waren sie ihren Häschern wohl entkommen. Wenigstens für den Augenblick.
„Wir haben sie abgeschüttelt. Im Moment sind wir sicher“, meinte sie zu den anderen gewandt. „Jetzt müssen wir zusehen, wie wir zu Schmiede kommen. Ich würde vorschlagen, dass wir diesen Pritschenwagen dazu benutzen. Leanora könnte ihn fahren, während wir uns unter der Plane auf der Ladefläche verstecken. Hat jemand etwas dagegen?“


Leanora schickte ein Stoßgebet zum Himmel, als sie das Tor von der Scheune hinter sich zuzog. Fürs Erste waren sie in Sicherheit, aber die Gefahr war noch nicht gebannt. Erst recht nicht mit drei halbtoten Gefährten und einer schwer verletzten . Hatte der Erbauer auf sie herabgesehen, da sie nur eine Schnittwunde davon trug? Sareth sah man die Anstrengungen an, aber war zum Glück auch halbwegs auf den Beinen.
Das Geräusch, dass die Pferde beim Fressen verursachten, beruhigte sie ein wenig. Innerlich war sie völlig aufgewühlt, aber sie merkte, dass diese starke Anspannung langsam nachließ. Vernitas Idee mit dem Kutschenwagen war gut, so konnten sie die verletzten am einfachsten transportieren. Aber Leanora glaubte nicht, dass sie sich die Pferde nebst Wagen so einfach ausleihen konnten. Stehlen kam aber überhaupt nicht in Frage, zumindest nicht für sie.
„Ich kann den Pritschenwagen anspannen und lenken, das ist kein Problem. Ich bin mir nur nicht sicher, ob wir damit nicht noch mehr Aufsehen erregen. Mein Gesicht dürfte mittlerweile bei den Wachen auch bekannt sein, und so ein Pferdegespann vor der Schmiede ist auch nicht gerade unauffällig. Erst recht nicht, wenn die Besitzer dies zuvor als gestohlen gemeldet haben.“
Fragend blickte sie Vernita an, ging aber dann leise zu den Zugpferden und schloss Bekanntschaft, indem sie ihre Hand an die Nüstern hielt und dann den Hals der Tiere tätschelte.


„Natürlich lassen wir das Ding nicht vor der Schmiede stehen“, erwiderte Vernita kopfschüttelnd. Sie hatte eigentlich geglaubt, dass dies selbstverständlich sei. Aber Leanora hatte in solchen Dingen wirklich überhaupt keine Erfahrung. „Sobald Ihr uns abgesetzt habt, stellt Ihr oder auch Sareth das Ding irgendwo ab. Ganz egal wo, Hauptsache weit weg von unserem Unterschlupf.“
Die Elfe humpelte durch den Stall und untersuchte sowohl den Wagen, wie auch den Rest des Raumes. „Und so viele Leute, die Euch erkennen könnten, leben ja nicht mehr. Außerdem werden wir bestimmt hier irgendwo eine Decke oder etwas Ähnliches finden, die Ihr Euch über den Kopf ziehen könnt. Bei dem Regen da draußen, fallt Ihr damit nicht einmal auf.“
Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen wandte sie sich dann wieder an alle. „Ich hoffe nur, dass keiner von euch Angst vor engen, dunklen Räumen hat. Denn unter dieser Plane müssen wir alle ruhig und bewegungslos liegen bleiben. Da brauchen wir keinen Psycho, der plötzlich keine Luft mehr kriegt und dann ausrastet, alles klar?“


Leanora nickte. „Na dann, ruht Euch ein wenig aus. Ich spanne derweil an.“
Eilig suchte sie das Geschirr für die Pferde zusammen und hatte dann die Tiere auch schnell aufgezäumt. Sie hob die Plane des Wagens hoch, legte den Boden darauf mit etwas Stroh aus und zerrupfte noch einen halben Ballen Heu, den sie ganz hinten etwas drapierte. Dahinter konnten ihre Gefährten Unterschlupf finden, nur das Heu würde aus der Plane stehen, und damit keinen Verdacht wecken. Zumindest, wenn man nicht genauer hinsah.
Zum Glück waren die Tiere nicht nervös und verrieten die Eindringlinge nicht. Leanoras Herz klopfte beinahe zum Zerspringen vor Furcht, zu laut zu sein, und damit die Besitzer zu alarmieren.
Es fand sich sogar eine zerlumpte graue Filzdecke, in die sie sich hüllte.
Kurze Zeit später war der Wagen eingespannt, Leanora hatte eine Kutscherpeitsche gefunden und nickte Vernita zu. Dabei verbeugte sie sich übertrieben und lächelte. Galgenhumor - dachte sie sich.
„Mylady, Eure Droschke steht bereit. Von mir aus kann‘s losgehen, wenn Ihr mir nur noch kurz erklärt, in welche Richtung wir müssen. Ich habe durch diese Katakomben sämtliche Orientierung verloren und keine Ahnung, wo in Denerim wir uns nun befinden.“


„Ich hatte Rowan eine Karte gegeben, die den Weg von der Schmiede zum geheimen Zugang aufzeigte. Falls sie diese noch hat, so könnt Ihr Euch danach orientieren“, meinte Vernita zu Leanora gewandt. „Außerdem ist es mit einem Wagen auch nicht allzu weit. Das werdet Ihr sicher finden.“
Die Elfe wandte sich von der blonden Frau ab und ging zu Miandra. Diese lag noch bei den Heuballen. Se schien nach wie vor in einem benommen Zustand zu sein, ähnlich dem Betrunkensein. Vernita hatte den Eindruck, dass die schwarzhaarige Frau wach war, glaubte aber nicht, dass diese auch wirklich alles mitbekam, was gerade um sie herum geschah.
Doch im Moment konnte sie nicht viel für Miandra tun. Sie mussten hier weg, damit sie am Ende nicht doch noch von jemanden entdeckt wurden. In ihrem Unterschlupf würde sich Vernita um die Wunden der Frau kümmern. Falls die Elfe dann noch dazu in der Lage war. Ihre eigene Verletzung machte ihr gerade schwer zu schaffen. Auch diese musste dringend versorgt werden. Vernita verdrängte die Schmerzen in ihrem Körper, als sie Miandra erneut vom Boden aufhob, zum Wagen brachte und behutsam auf die Ladefläche legte.


Als Sareth und die anderen die Scheune erreichten war er heil froh. Er hatte zwar keine Verletzungen davon getragen doch war er erleichtert. Denn nun konnte er sich um Rowan kümmern und ihre Verletzungen zumindest oberflächlich versorgen. Er legte den Elf neben Miandra ab und ging mit Rowan ein Stück weiter bevor er sie vorsichtig ins Heu legte. Er sah sie sich genau an. Er suchte nach weiteren Verletzungen als denen, die er schon gesehen hatte. Nach einer Weile atmete er erleichtert auf. Keine weiteren Wunden waren zu sehen. Er zog ihr langsam den Lederharnisch aus und untersuchte ihren Rücken. Der Bolzen steckte ziemlich tief in ihr. Er packte das Holzstück mit einer Hand und hielt Rowan mit der anderen fest.
„Das könnte jetzt ziemlich weh tun.“
Rowan nickte einmal kurz und nur einen Augenblick darauf zog Sareth ihr den Bolzen heraus. Wie er schon vermutet hatte blutete die Wunde nun ziemlich stark, doch er hatte Alkohol und Verbandszeug dabei und stoppte sogleich die Blutung. Er erneuerte auch gleich einmal den Verband an ihrem Oberschenkel.
Als er damit fertig war trug er sie auf den Pritschenwagen und legte sie dort aufs Heu.
Er ging noch einmal zurück, nahm den Elf und seine Verletzungen in Augenschein, trug ihn ebenfalls auf den Pritschenwagen und legte noch etwas Heu auf ihn, damit er auch warm blieb.
Danach zog er die schwere Rüstung der Stadtwache aus und verstaute sie auf dem Wagen, bevor er sich neben Rowan legte und sie in die Arme schloss. Ihr sollte schließlich nicht auch noch kalt werden.


Lydia war froh, wieder am Tageslicht zu sein - sofern man es bei diesem Wetter so nennen konnte. Sie mochte die Dunkelheit zwar, aber sie hasste diese engen muffigen Kerker. Trotzdem fühlte sie schon die kalten Finger des Todes nach ihrer Seele greifen. Stimmen, schriller als jede Musik, schrien den Tanz des Todes aus dem Nichts.
„Mir ist kalt… so unbeschreiblich… kalt“, flüsterte sie erstickt. Blut lief ihr noch immer aus den Wunden, nur einige waren notdürftig verbunden worden. Sie war rot und dreckig von dem Blut und Staub aus dem Kerker.
Plötzlich wurde alles schwammig und verschwommen. Sie wankte. Stimmen drangen nur noch verzerrt, hallend und unverständlich an ihre Ohren. Sie sackte auf die Knie, welche sich in den erdigen Boden des Stalls gruben.
„Nichts... ich... fühle nichts... die Schmerzen... sind... weg...“
Sollte dies das Ende sein? Sie wusste es nicht.
„Ver... Vernita...? Sagt... sagt mir... sagt mir... dass das nicht das Ende ist... bitte!“


Vernita wollte gerade selbst auf den Wagen klettern, als Lydia plötzlich neben ihr auftauchte und zu Stammeln begann. Das Mädchen sah sehr blass aus. Außerdem konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Unter Schmerzen ging die Elfe vor ihr in die Hocke und fasste sie an beide Schultern.
„Hey, Kleine! Jetzt reiß dich zusammen, ja?“ fuhr sie Lydia an, während sie das Mädchen kräftig durchschüttelte. Die Kleine hatte ziemlich viel Blut verloren, Vernita war klar, dass sie jetzt nicht das Bewusstsein verlieren durfte. Das wäre dann wirklich das Ende für Lydia gewesen. „Du musst nur wach bleiben, verstanden? Wir sind bald in Sicherheit! Dort können wir deine Wunden versorgen, klar? Und du wirst nicht sterben! Aber du darfst jetzt nicht einschlafen, hörst du? Dann bleibst du am Leben!“
Die Elfe stand wieder auf, wobei sie das Mädchen einfach mit hochhob und auf den Wagen hievte. Anschließend kletterte sie selbst hinterher. Inzwischen hatte sich Sareth auch schon um Rowan und Azoth gekümmert, so dass sie jetzt alle bereit waren. So wandte sich Vernita noch einmal an Leanora.
„Jetzt liegt es an Euch. Bringt uns sicher zu unserem Unterschlupf. Unser aller Leben liegt nun in Euren Händen“, meinte die Elfe noch grinsend, bevor sie sich zu den anderen legte und die Plane über ihre aller Köpfe zog.
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BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Do 18 Aug 2011, 4:39 pm

Leanora richtete die Plane über ihre Gefährten aus, darauf bedacht, dass ihnen genug Luft zum Atmen blieb. Um etwas mehr Abstand zu erhalten stopfte sie kurzerhand noch etwas Heu hinein, damit hatte die Plane genug Zwischenraum. Rowan drückte ihr die Karte in die Hand, mit bleichem und schmerzverzerrtem Gesicht. Unhörbar seufzte Leanora auf. Wie wahr, das Leben der anderen lag nun in ihrer Hand. Ein Blick auf die Karte verriet ihr, wie sie das Gespann lenken musste, um zur Schmiede zu kommen. Sie beschloss, einen kleinen Bogen zu fahren und nicht direkt über den Marktplatz, auch wenn diese Strecke etwas kürzer gewesen wäre. Dafür sicher auch gefährlicher.
Vorsichtig schob sie das Tor ein kleines Stück auf und blickte nach draußen. Aber außer einem gackernden Huhn war niemand und nichts zu sehen. Beherzt öffnete sie das Tor ganz, rannte zurück zum Pritschenwagen, löste die Bremse, schwang sich auf den Kutschbock und sagte leise zu ihrer Fracht:
„Jetzt kann‘s etwas holprig werden, ich hoffe ihr werdet nicht zu sehr durchgeschüttelt!“
Dann nahm sie die Zügel auf, klatschte diese gegen den Rücken der Pferde und spornte sie zusätzlich mit einem „Hüah! Lauft ihr zwei!“ an.
Die Tiere setzten sich sofort in Bewegung, das Tor passierten sie noch im Schritt. Leanora drehte sich nicht um, sie wollte erst gar nicht wissen, ob man das Klappern der Hufe nun vernommen hatte. Kaum war sie auf der Straße ließ sie die Peitsche durch die Luft sausen, trieb die Pferde nochmal mit den Zügeln an und galoppierte mitsamt ihrer Fracht davon. Das erste Stück der Straße ging das auch ohne Probleme, trotz des nassen Pflasters. Aber vor der Kurve musste sie die Tiere unbedingt zügeln, sonst würde der Wagen kippen.
Sie parierte zum Trab und nahm die Biegung der Straße gekonnt, der Wagen blieb stabil und nur ein leise gefluchtes „Aua“ verriet, dass ihre Fracht wohl ein wenig gerutscht war und jemand gegen die Wand gedrückt wurde. Welch Glück, dass diese mit Heu gepolstert waren, so war der Aufprall sicher nicht so schlimm gewesen.
Es regnete in Strömen, Leanora hingen die Haare nass ins Gesicht, und die Decke schützte lediglich ein wenig vor der Kälte und verbarg ihr zerrissenes Kleid.
Inzwischen befand sich das Gespann zwei Querstraßen weiter und Leanora kontrollierte nochmal, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Es war gut, dass sie nicht die direkte Route genommen hatte, hier waren die Straßen zwar etwas schmaler, aber dafür immer noch menschenleer. Sie zügelte die Tiere, als sie in eine etwas breitere Straße einbog. Bald hatten sie es geschafft. Wenn sie die Karte richtig gelesen hatte, musste sie hier in der vierten Querstraße links abbiegen, dann die nächste gleich wieder links, und dort war die Schmiede bereits. Dennoch musste sie das Gespann hier im Schritt durch die Straße lenken, es waren Leute unterwegs, zum Glück sah sie keine Wachen. Sie versuchte einzuschätzen, was für Menschen es waren, kam aber zum Entschluss, dass es größtenteils Gesinde war, welches auf dem Weg zum Markt war. Diese würde es nicht interessieren, wenn ein Pferdegespann mit Heu beladen entlang fuhr.
Leanora schickte ein kleines Stoßgebet zum Himmel, bisher war ihr das Glück wohl hold. Dennoch hatte sie sich zu früh gefreut. Gerade, als sie die Querstraße eingebogen war, sprangen seitlich aus einer kleinen Gasse vier vermummte Männer hervor und genau vor die Pferde, die sofort stehen blieben, nachdem sie zuerst erschrocken auf die Hinterbeine gestiegen waren.
Leanora war starr vor Schreck. Straßenräuber? Mitten in Denerim? Einer der Männer kam mit gezogener Waffe dreckig grinsend auf sie zu.
„Na was haben wir denn da? Eine Wagenladung Heu? Nun, besser als nichts, oder was meint Ihr, Männer?“
Beifallsheischend sah er sich nach seinen Kameraden um. Diese lachten genau so dreckig und nickten.
Der Wortführer sah zu Leanora, dabei seine Zahnlücken entblößend. Sein Blick war siegessicher - und lüstern. „Aber wenn ihr mich fragt, Leute, dann werden wir erst einmal ein wenig Vergnügen mit dieser äußerst hübschen Kutscherin haben!“
Leanora schluckte ihren Kloß im Hals hinunter und tastete nach ihrem Schwert, welches sie unter der Decke versteckt hatte. Der Kerl sah durchaus so aus, als würde er seine Worte ernst meinen und umsetzen. Jedenfalls ging er - noch immer grinsend - auf Leanora zu, seinen Dolch gezogen.
„Na Püppchen, du sagst ja gar nichts? Hast wohl noch nie nen richtigen Mann gehabt, was? Einer, der es dir richtig besorgt? Na Zuckerschneckchen, wie ist es - ich bin heute großzügig und lass dir sogar die Wahl, welchen du zuerst nimmst!“
Er war verdammt nahe an Leanora herangekommen, aber nicht nahe genug, um seinen Dolch zum Einsatz bringen zu können. Leider auch nicht nah genug, dass sie ihm das Schwert über den Schädel hätte schlagen können. Leanora überschlug ihre Möglichkeiten. Wenn sie den Anführer kalt machte, hätte sie drei weitere am Hals. Würde sie gegen eine solche Überzahl überhaupt den Hauch einer Chance haben? Die Pferde einfach wieder anzutreiben ging auch nicht, zwei von den Kerlen hielten die Tiere am Zügel fest.
Sie überlegte nur kurz. Irgendwie musste sie es schaffen, die beiden von den Pferden weg zu locken. Kurzerhand hatte sie ihren Entschluss gefasst.
Leanora lächelte den Anführer lasziv an.
„Verzeiht, ich habe mich durchaus erschrocken, als Ihr hier aufgetaucht seid. Ihr lasst mir also die Wahl ja? Wie großzügig von Euch... wie wäre es denn mit allen auf einmal?“
Dem Großmaul blieb die Kinnlade offen und blickte Leanora verdutzt an. Dann fing er an zu lachen.
„Habt ihr das gehört Männer? Die Kleine glaubt allen Ernstes dass sie uns allen gerecht wird? Vergiss das mal, Püppchen! Wir sind richtige Kerle, und wie sollst du uns allen zugleich...“ Er lachte, dass ihm die Tränen in die Augen schossen und er sich mit seiner freien Hand den Bauch hielt. Seine Kumpanen fielen mit ein, aber eher zaghaft.
Leanora zog ihre Augenbraue in die Höhe und schwenkte auf einen hochnäsigen Blick um.
„Ach ja? Dann beweist, dass Ihr richtige Männer seid, die es einer Frau besorgen können. Ich habe eher das Gefühl, Ihr habt zu wenig Mumm in den Knochen, und habt Angst, dass Ihr es nicht schafft, mich zu befriedigen? Wahrscheinlich ist Euer bestes Stück nicht größer als der Wurmfortsatz eines Erpels.“ Herausfordernd sah sie die vier nacheinander an. Dass sie dabei die Übelkeit hinunterschlucken musste, die sie gerade überkam, fiel wohl keinem der Männer auf.
Der Anführer war über ihre Worte wohl nicht amüsiert, er hörte abrupt zu lachen auf.
„Habt Ihr das gehört Männer? Lasst ihr euch das bieten? Lasst die doofen Rösser aus und zeigt‘s dem Zuckerpüppchen, dass ihr keine Schlappschwänze seid!“
Er selber trat noch einen Schritt auf sie zu, die freie Hand fummelte bereits an seinem Hosenlatz herum. Die beiden, die die Pferde hielten, ließen sich das auch nicht zweimal sagen und ließen die Tiere los, grinsten über beide Ohren und gingen auch auf Leanora zu. Der vierte sah nur dämlich drein und beobachtete seine Kameraden, wusste aber anscheinend nicht, was er tun sollte.
„Auf was wartest du noch?“ schnauzte der Anführer diesen an. „Hilf mit, dieses Häschen vom Kutschbock zu bringen! Hier auf offener Straße macht das keinen Spaß sonst...“
Leanora reagierte blitzschnell, als die beiden vorderen zur Seite getreten waren. Sie holte mit der Peitsche aus, zog diese nicht durch die Luft, sondern quer über das Gesicht des Anführers, der sofort seine Waffe fallen ließ und wie am Spieß brüllte.
„Du Miststück! Na warte, das wirst du büßen!“ schrie er.
Leanora lachte nur, zog die Peitsche nochmal auf und ließ sie über zwei weitere der Männer fahren. Fürs Erste waren die außer Gefecht gesetzt, sie hatte die Wangen so tief getroffen, dass das Blut sofort strömte, und Hautfetzen vom Gesicht hingen. Der letzte, der nichts abgekriegt hatte, lief auf seine Freunde zu und half ihnen, die Blutung zu stoppen.
Leanora nutzte diese Sekunde aus, klatschte die Zügel auf den Rücken der Pferde und trieb sie wieder in Galopp. Sie wusste, dass sie bald an der Schmiede ankommen würden, konnte sich das Risiko aber nicht leisten, dass die Bande sie doch noch verfolgte, und so fuhr sie kurzerhand zwei Querstraßen weiter, bog dann dort ein und lenkte das Gespann dann im Viereck zurück an die Schmiede, wo sie nun von der anderen Seite ankamen. Von den Banditen war keine Spur mehr zu sehen.
„Wir haben‘s geschafft, alles aussteigen!“ sagte sie heiser, und ihre Knie zitterten, als sie den Kutschbock verließ und die Plane von ihrer Verankerung löste.


Die Welt war leer. Tot und bar jeglicher Farben und Emotionen. Dumpf und hohl klang alles, untermalt von ihrem immer schwächer werdenden Herzschlag. Lydia konnte fühlen, wie das Leben aus ihr wich, wie sie schwach und schläfrig wurde.
Nach einer schier endlosen Fahrt hörte sie eine vertraute Stimme. Dann wurde es wieder heller und Regen fiel Lydia ins Gesicht. Sie blinzelte.
„Lea... Lea? Bist... du das?“ flüsterte sie schwach und kaum hörbar. „Es… es tut mir so leid...“


„Natürlich ist sie das“, meinte Vernita zu Lydia gewandt. „Und wir sind auch noch hier.“
Die Elfe verzog das Gesicht, als sie vom Wagen sprang, teils vor Schmerz, teils weil sie das Gejammer des kleinen Görs nicht mehr hören konnte. So tough wie sie sich ihnen vorgestellt hatte, war sie wohl dann doch nicht. Nun, was hätte Vernita auch anderes erwarten sollen. Immerhin war Lydia noch ein Kind und gehörte zu ihren Eltern und nicht auf das Schlachtfeld. Doch war es müßig, darüber nachzudenken. Im Moment gab es Wichtigeres zu tun.
„Leanora, bitte helft uns, die anderen reinzubringen“, meinte die Elfe zu der Frau gewandt. „Und dann werdet diese Karre los. Stellt sie einfach irgendwo ab, möglichst weit weg von hier. Und macht Euch keine Sorgen um die Verwundeten. Sareth und ich werden uns um sie kümmern.“
Vernita zog Miandra zu sich heran, bevor sie die Frau wieder auf ihre Arme nahm. Dabei durchzuckte sie wieder dieser Schmerz, der wie ein Blitz durch ihren Rücken fuhr. Erstickt stöhnte sie kurz auf.
„Natürlich erst, nachdem der Kleine mich verbunden hat“, fügte sie noch mit einem schiefen Grinsen hinzu. Dann ging sie zur Schmiede und öffnete die Vordertür. Sie sah noch, wie Sareth Rowan von dem Wagen half und sich danach Azoth griff. Leanora kümmerte sich derweil um Lydia. Da war Vernita auch schon in dem Gebäude verschwunden. Sie stieg die Treppe nach unten in den Keller hinab, wo sie den geheimen Zugang öffnete und durch diesen trat.
In ihrem Unterschlupf war noch alles so, wie sie es verlassen hatten. Die Fackeln brannten nach wie vor, und es würde noch eine ganze Weile dauern, bis sie diese durch neue ersetzen mussten. Das Licht war zwar etwas schummerig, aber es würde ausreichen, um die Verletzten versorgen zu können.
Sie legte Miandra auf eine der improvisierten Betten und zwar so, dass die Frau auf der Seite liegen konnte. Danach streifte sie die Kettenhandschuhe ab, welche sie achtlos in die Ecke warf, wo diese klirrend landeten. Die Elfe strich Miandra noch einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, bevor sie zu ihrer Tasche humpelte. Sie griff sich diese und kehrte damit zu Miandra zurück. Dort kramte sie Verbandszeug, Alkohol und einige Salben hervor, die sie später noch brauchen würde. Doch nun wartete sie erst einmal auf die anderen, insbesondere auf Sareth, damit der ihr endlich diesen Bolzen aus dem Rücken ziehen konnte.


Sareth folgte Vernita in den Keller und schleppte dabei den Elf und Rowan auf seinen Schultern. Im Keller angekommen suchte Sareth nach einen Bett für jeweils die Beiden die er trug. Er konnte kaum die Hand vor Augen sehen obwohl einige Fackeln brannten. Doch fand er nach kurzer Zeit die Silhouetten von dem was er glaubte das wie Betten oder zumindest Schlafmatten aussahen. Er legte den Elf und Rowan auf jeweils eine dieser Liegen ab. Er sah nochmal nach den Elfen und seinen Verbänden die, wie Sareth zumindest fand, noch immer ihren Zweck erfüllten, auch wenn etwas Blut durchsickerte. Dann wandte er sich Rowan zu und nahm sie ebenfalls in Augenschein. Sie blutete zwar noch doch nicht mehr so stark wie vorhin.
Er nahm ihre Hand und sah ihr in die Augen.
„Ich kümmere mich gleich wieder um dich. Ich versorge nun erstmal Vernita.“
Er ging zu Vernita rüber, die sich um Miandra kümmerte, und sah sie sich genau an.
Der Bolzen stammte von einer Armbrust und er steckte sehr tief in Vernitas Rücken.
„Zieh die Rüstung und deine Kleider aus! Sonst kann ich den Bolzen nicht rausziehen.“


„Kannst es wohl gar nicht erwarten, mich nackt zu sehen, Kleiner. Meinst wohl, nur weil ich dir heute einen Kuss gegeben habe, können wir nun gleich zur Sache kommen, was?“ erwiderte Vernita spöttisch grinsend, bevor sie wieder ernst wurde. „Aber vielleicht kannst du Witzbold mir mal verraten, wie ich diese Kettenrüstung ausziehen soll, solange der Bolzen noch darin steckt. Ich meine natürlich ohne dass dieser in der Wunde abbricht. Wer hat dich denn in Waffenkunde ausgebildet?“
Die Elfe trat vor den Sareth, grinste ihn noch einmal an, bevor sie sich umdrehte. Sie ging leicht in die Hocke, wobei sie sich mit den Händen auf ihren Knien abstützte. „Und jetzt greif dir das Ding und zieh ihn einfach raus. Das ist ein Bolzen und kein Pfeil, also solltest du keine großen Schwierigkeiten damit haben. Und du brauchst nicht zimperlich zu sein. Das halte ich schon aus, also fang endlich an.“


Sareth guckte etwas verärgert auf Vernita herab.
„Und wer hat dich in Medizin ausgebildet? Ich muss sicher gehen, dass kein Stück deiner Kleidung in die Wunde gedrückt wurde. Wenn dem nämlich so ist, wird die Wunde eitern und du wirst an einer Blutvergiftung sterben.“
Sareth ging ein paar Schritte in Richtung des Ausgangs zur Schmiede bevor er wieder stehen blieb und sich zu Vernita umdrehte. „Und das mit den ausziehen der Rüstung… dafür lässt sich auch eine Lösung finden.“
Sareth ging nach oben in die Schmiede und suchte etwas Werkzeug was seiner Meinung nach seinen Zweck erfüllen könnte. Er griff sich ein große Zange die an ihren Zähnen gespitzt war. Damit würde er die Panzerung von Vernitas Rüstung - zwar mit Mühe - knacken und ein Stück Rüstung damit entfernen können. Er ging zurück in den Keller, in den Geheimraum wo Vernita auf ihn wartete.
„Damit werden wir deine Rüstung entfernen können. Und danach entfernen wir den Bolzen, klar?“


„Du hältst dich wohl wirklich für witzig, was?“ spottete Vernita weiter. „Willst du jetzt etwa mit deiner Zange diese Kettenrüstung knacken? Damit verursachst du höchstens noch mehr Schaden als dieser verdammte Bolzen! Also hör auf da rumzuhampeln, und zieh mir dieses Scheißding endlich aus meinem Rücken. Anschließend zieh ich mich dann aus, so dass du die Wunde säubern kannst. Geht das nicht in deinen Schädel?“
Genervt fasste sich die Elfe an den Kopf. „Mann, würde dieses Ding nicht in meinem Rücken stecken, dann hätte ich das schon längst selbst erledigt. Aber nein, ich muss auf dieses Weichei angewiesen sein. Verdammte Kerle! Sind wirklich zu nichts zu gebrauchen!“


Sareth war nun sichtlich sauer. Er warf die Zange auf den Boden und ging auf Vernita zu. Er packte sie bei den Schultern und drückte sie auf den Boden. Dann stellte er sich mit seinen Fuß auf ihren Rücken und suchte mit dem anderen einen sicheren Stand. Seine Hände packten den Bolzen und ohne Vorwarnung zog er ihn mit voller Kraft heraus. So etwas war äußerst schmerzhaft. Er versuchte es bei Vernita mit der sanften Tour, aber nach den Ereignissen des Tages war es ihm nun wirklich egal.
Den Bolzen in der Hand haltend ging er ein paar Schritte zurück und warf ihn sogleich in die nächste Ecke. „Steh auf! Ich will die Wunde untersuchen. Und vergiss nicht dein Hemd auszuziehen!“ Dabei hatte er eine harte Miene aufgezogen und ihm war nun jeglicher Sinn von Zurückhaltung verloren gegangen.


Als Sareth den Bolzen aus ihrem Rücken zog, verzog Vernita das Gesicht. Doch nicht ein Laut drang über ihre Lippen. Sie hatten ihren Rücken mit Nägeln gespickt und mit Brandeisen und auch anderen Dingen. Sie hatte Schmerzen durchlebt, an denen andere zerbrochen wären. Und sie hatte all das überlebt. Nun würde sie trotz der Schmerzen keine Schwäche zeigen. Nicht vor diesem Mann.
„Ich hatte erwartet, dass du den Bolzen auch ohne zu Hilfenahme deiner Füße aus meinem Rücken bekommst“, lästerte sie schwer atmend, während sie wieder aufstand. „Aber anscheinend habe ich deine Kräfte wohl überschätzt, Kleiner.“
Sie grinste schief, wobei sie die pochenden Schmerzen in ihrem Rücken zu unterdrücken versuchte. Es gelang ihr nur mit mäßigem Erfolg.
Anschließend zog sie sich das Kettenhemd über den Kopf, gefolgt von ihrem Hemd und dem Schweißhemd, welche sie darunter trug. Sie ließ alles einfach auf den Boden sinken. Dann atmete sie ein mal tief durch, bevor sie zu einer der Liegen humpelte. Dort legte sich die Elfe flach auf den Bauch, während sie den Mann immer noch spöttisch grinsend anstarrte.
„Los, du kannst anfangen. Ich hoffe, dass du dazu nicht wieder deine Füße benutzen musst.“


Sareth nahm seine Tasche und legte sie neben der Liege, auf der Vernita nun lag, auf dem Boden ab. Dann nahm er die Hemden von Vernita in Augenschein. Ihm fiel auf, dass bei einem ihrer Hemden ein Stück Stoff fehlte. Er sah auf dem Boden nach, aber es lag dort nichts Stoffartiges herum. Er ging zu Vernitas Liege und kramte in seiner Tasche. Er holte eine Flasche Alkohol hervor und goss sich etwas davon über die Hände. Dann setze er sich zu Vernita auf die Liege, beugte sich über sie und fuhr mit seiner Hand in die Wunde. Er drückte ein paar Muskeln und etwas Gewebe zur Seite, aber nach kurzen fand er etwas was nicht in den Körper gehörte. Er zog es raus und betrachtete es. Es war der gesuchte Stofffetzen.
Als er ihn gefunden hatte nahm er etwas Alkohol und goss ihn auf die offene Wunde. Dann nahm er Nadel und Faden, tauchte beides in Alkohol, und nähte die Wunde zu. Es würde eine Narbe zurück bleiben, aber davon hatte Vernita ja bereits sehr viele. Narben von Peitschenhieben und spitzen Gegenständen. Das erkannte Sareth sehr schnell. Hatte er doch schon oft solche Verletzungen gesehen, sogar selber solche verursacht und auch erlitten. Aber nicht so viele wie Vernita.
Als er die Wunde vernäht hatte legte er Vernita noch einen Verband an. Schließlich sollte sich die Wunde nicht entzünden.
„Fertig. Bald kannst du wieder ohne Probleme Leuten in den Hintern treten. Aber für die nächsten beiden Tage wird‘s sich geschont. Ansonsten kette ich dich irgendwo an.“
Danach ging er zu Rowan hinüber und setzte sich neben sie auf die Liege.
Er strich ihr einmal durchs Haar und sah sich ihr Gesicht an, so als ob er sie zum ersten Mal sah.


Als Rowan in den Wagen gelegt wurde, schloss sie die Augen und lehnte sich zurück. Vorerst war sie in Sicherheit und konnte sich ein wenig ausruhen. Dabei driftete ihr Geist leicht weg und sie wurde erst wieder richtig wach, als sich Sareth neben sie setzte und ihr durch das Haar strich.
„Hey. Bist du verletzt?“ Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch ihre Arme zitterten und sie gab den Versuch wieder auf.
Als sie sich umschaute, erkannte sie das Versteck in der Schmiede und seufzte erleichtert.
„Kannst du mir bitte aus meiner Rüstung helfen und mir eine Decke suchen? Mir ist kalt.“


Sareth zögerte nicht lange und half Rowan aus ihrer Rüstung. Er öffnete alle Schnallen der Verbindung und streifte ihr die Rüstungsteile ab. Dann stand er auf und suchte nach einer Decke. Die letzte Decke hatte er dem Elfen gegeben, damit dieser nicht auskühlte in seinen Zustand, erinnerte er sich plötzlich. Überlegend, wo er nun eine Decke hernehmen könnte stand er im Raum. Kurzer Hand zog er sein Hemd das vollkommen verschwitzt war aus und legte sich neben Rowan auf die Liege, umarmte sie und drückte sie an sich. ‚So sollte ihr nun warm werden‘, dachte er sich.


Unter Schmerzen ließ sich Rowan aus der Rüstung befreien. Die kalte Luft der Kellers ergriff sofort von ihr besitzt und ließ ihr eine Gänsehaut über den Körper laufen. Sie war unendlich müde und jeder Muskel in ihrem Körper schien ihr weh zu tun.
Normalerweise hätte sie es nicht zugelassen, aber sie zitterte am ganzen Leib und es tat gut, Sareths Wärme zu spüren. Mit einem Seufzer drückte sie sich an ihn ran und legte ihren Kopf in die Kuhle unter seinem Kinn. Sie schloss ihre Augen und atmete seinen Geruch tief ein. Die Arme hatte sie vor ihrer Brust verschränkt und die kalten Hände an seine Brust gelegt. Ihre Gedanken begannen bereits wegzudriften.
„Bist du verletzt worden?“ wiederholte sie ihre Frage.


„Nein. Wurde ich nicht. Obwohl ich viel lieber ein paar Verletzungen in Kauf genommen hätte wenn du dafür unverletzt geblieben wärst.“

Er streichelte ihr ein wenig mit seiner Hand über ihren Arm um sie zu beruhigen.
„Ruh dich aus! Ich werde über dich wachen!“


Leanora verfrachtete Lydia auf eines der provisorischen Betten, half ihr beim ausziehen und säuberte notdürftig ihre Wunden, um sie dann zu verbinden. Sie hatte keinerlei Übung darin, und dementsprechend sahen die Umschläge dann auch aus, aber das war ihr erst einmal egal. Die Zeit drängte, sie konnte das Gespann nicht ewig vor der Tür stehen lassen.
In Windeseile riss sie das Kleid vom Leib und zog sich frische Hosen und eine warme Weste an, warf sich ihren Umhang um die Schulter und war das erste Mal wirklich dankbar für die Kapuze des Überwurfs.
Sie schmunzelte, als sie hörte, wie Sareth und Vernita sich gegenseitig ankeiften.
„Wenn Ihr weiter so macht, verbluten euch die beiden anderen noch! Ich geh‘ mal die Pferde entsorgen, bis gleich!“ rief sie in die Richtung der beiden Streithähne und verschwand draußen.
Die Pferde standen mit hängenden Ohren, eingeknicktem Huf und patschnass vor der Tür, die Augen halb geschlossen, als ob sie ein Nickerchen halten würden. Der Regen störte die Tiere dabei nicht.
„Holla ihr Süßen, aufwachen! Es geht wieder heim!“ Leanora schwang sich wieder auf den Kutschbock, hoffend, dass die Bande von vorhin weg war. Aber dieses Mal hatte sie ihren Säbel eingepackt.
Sie hatte die ganze Zeit gegrübelt, wo sie den Wagen abstellen sollte, beziehungsweise die Pferde. Auch wenn Vernita meinte so weit weg wie möglich - sie wollte das sicher beherzigen. Soweit von der Schmiede weg wie möglich, aber dabei so nah an ihrem Heimatstall wie es nur ging, ohne sich selber in Gefahr zu bringen. Das war nicht einfach, zuvor war sie viel zu sehr auf die Strecke und ihre Flucht konzentriert gewesen, und hatte nicht auf die genaue Umgebung geachtet. Aber ohne Risiko würde sie es nicht herausfinden, also nahm sie die Zügel in die Hand und lenkte das Gespann erst einmal in die Richtung, wo sie sich dieses ausgeliehen hatten. Dabei nahm sie jedoch eine andere Route, sie wollte nicht in die Gefahr laufen, weiteren Räubern in die Hände zu fallen.
Dieses Mal blieb ihr das Glück hold, obwohl sie direkt über den Marktplatz fuhr. Aber dort war soviel los, dass sie nicht auffiel, da auch andere Händler mit Planwagen unterwegs waren, und die Stadtwachen zwar emsig herum wuselten, aber dabei Ausschau auf die Passanten hielten. Die Händler interessierten sie nicht. Nur wenige wurden kontrolliert, das Gespann vor Leanora hatte es erwischt. Dafür wurde sie durch gewunken.
Kurze Zeit später erreichte sie die Straße, wo sie aus den Katakomben geklettert waren. Leanora war innerlich angespannt, ob es nun vor Wachen wimmeln würde. Aber das Gegenteil war der Fall, die Gasse war wie ausgestorben. Leanora war sich nicht sicher, ob sie das nun beruhigen, oder eher nervös machen sollte. Aber nun setzte sie alles auf eine Karte. Entweder wurde sie erwischt - oder sie hatte weiterhin Glück. Sie stieg ab und führte das letzte Stück des Weges die Pferde am Zügel, dabei immer wieder hektisch umsehend, ob sich nicht doch der Vorhang im Haus dort drüben bewegt hatte. Schließlich war sie wieder an der Scheune angelangt, das Tor stand noch immer offen, und drinnen sah es nicht anders aus, als zum Zeitpunkt ihrer Flucht.
Schnell löste sie den Pritschenwagen von dem Geschirr, erlöste die Pferde von ihrem Zaum und brachte sie zurück in ihre Boxen. Das Zaumzeug hängte sie einfach über den nächsten Pfosten, warf den Pferden noch einen Bündel frisches Heu in die Futterkrippe und ließ den Wagen stehen, wo er war. Mochten sich die Besitzer wundern, wieso er wo anders stand, es war ihr egal. Hauptsache die Tiere waren versorgt.
Schnell huschte sie aus dem Stall, schloss das Tor und fing an zu laufen. Die Strecke würde sie ohnehin nicht durchhalten, aber wenigstens aus diesem Viertel wollte sie so schnell wie möglich verschwinden. Hier zahlte es sich aus, dass sie viel Sport machte, jedenfalls lief sie die nächsten zehn Minuten konstant dahin, ohne dass ihr die Puste ausging. Nur die Schnittwunde am Arm pochte, und der Schweiß rannte in Bächen über ihren Rücken. Die nächsten Gassen schritt sie ganz normal dahin, zwar mit flottem Tempo, aber bei diesem Sauwetter war keiner langsam unterwegs oder blieb vor irgendwelchen Auslagen stehen. Jeder versuchte, so schnell wie möglich wieder ins Trockene zu gelangen.
Eine weitere halbe Stunde verging, dann war sie abermals an der Schmiede angelangt, zum zweiten Mal von der Hinterseite. Die einmalige Bekanntschaft mit den Banditen hatte ihr gereicht. Endlich war sie in Sicherheit.
„Ich bin wieder da, keine Zwischenfälle zu vermelden! Wie stets hier? Ich zieh mir nur schnell etwas Trockenes an!“ rief sie den Gefährten zu und suchte sich frische Kleidung.


Vernita blieb ganz ruhig liegen, während Sareth ihre Wunde versorgte. Hätte sie nur ihre normale Rüstung tragen können, dann hätte dieser simple Eisenbolzen ihr nicht einmal einen Kratzer verpassen können. Die Rüstungen der Stadtwachen taugten wirklich absolut gar nichts. Die Elfe hatte die Augen geschlossen und ließ sich in aller Ruhe von dem Mann verarzten.
‚Wenigstens etwas, das dieser Kerl anscheinend beherrscht!’ ging es ihr durch den Kopf, während sie darum bemüht war, das Brennen des Alkohols und sein Herumgestochere in ihrer Wunde zu ignorieren. Nachdem er schließlich fertig wurde und ihr einen Verband angelegt hatte, setzte sie sich auf.
„Du hättest Hofarzt werden sollen, Kleiner“, grinste sie spöttisch. „Das hast du zumindest besser drauf, als das Kämpfen!“
Vernita saß einen Moment auf ihrer Liege und blickte sich um. Ihr fiel Lydia ins Auge, die offenbar schon versorgt worden war. Von wem? Von Leanora wahrscheinlich. Jemand anders kam dafür eigentlich nicht in Frage. Die Elfe hatte gar nicht mitbekommen, dass sie sich um das Mädchen gekümmert hatte. Und das, obwohl sie ihr gesagt hatte, dass Sareth und sie selbst das übernehmen wollten. Nun gut, solange sie trotzdem die Karre loswurde, ohne auf die Gruppe oder sich selbst aufmerksam zu machen, war es Vernita egal.
Ihr Blick wanderte weiter und fiel auf Azoth, der in einer Decke gehüllt auf einer Schlafstätte lag. Aber wo war Sareth? Wieso kümmerte er sich nicht um den Elf? Vernita schaute zu Miandra, die sich ebenfalls noch auf ihrer Liege befand. Auch dort war von dem Mann keine Spur. Wo steckte er bloß? Die Elfe hatte da einen Verdacht. Sie ließ ihren Blick weiter wandern, bis ihn zusammen mit Rowan in einem der improvisierten Betten liegen sah. Das hätte sie sich ja denken können.
‚Verdammte Kerle!’ fluchte sie innerlich. ‚Können die wirklich immer nur ans Vögeln denken, oder was? Ich sollte ihm seinen elenden Schwanz abschneiden!’
„Hey, Kleiner!“ rief sie stattdessen erbost. „Was treibst du da? Hast du nichts Besseres zu tun, als mit deiner Möchtegern-Freundin zu kuscheln? Soll Azoth etwa an Blutvergiftung sterben, oder wartest du noch auf den Haussklaven, der sich um ihn kümmern kann? Los steh auf, und reinige seine Wunden, während ich mich um Miandra kümmere! Falls du Rowan nur ‚wärmen‘ wolltest, dann gib ihr lieber eine der Decken, die uns der Schmied zur Verfügung gestellt und dort hinten in der Ecke gestapelt hat!“
Sie zog ihre Kettenstiefel und die dazugehörige Hose aus, während sie weiterfluchte. „Typisch Mann. Hat immer nur seinen Sexualtrieb im Kopf. Man sollte sie alle kastrieren. Vielleicht machen sie sich dann endlich mal nützlich.“
Die Elfe stand auf und ging zu ihrer Tasche, aus der sie ihre leichten Lederschuhe herausholte, die sie auch sofort überzog. Dann machte sie sich auf den Weg nach oben, wo sie sich vom Schmied eine Schüssel mit frischem Wasser geben ließ. Dieser starrte die halbnackte Elfe mit dem Verband um den Körper im ersten Moment wie gebannt an. Doch nachdem sie ziemlich unfreundlich noch einmal nach dem Wasser fragte, brachte er ihr ohne Umschweife das Verlangte. Damit machte sie sich gleich wieder auf den Weg in den Keller.
Unten angekommen setzte Vernita sich zu Miandra und fing an dieser möglichst vorsichtig den provisorischen Verband abzunehmen. Dabei ließ sich die Elfe viel Zeit, da sie der Frau keine unnötigen Schmerzen zufügen wollte. Sie hatte in letzter Zeit schon genug mitgemacht. Vernita musste ihr Leid nicht noch verschlimmern.
Nachdem sie damit fertig war, begann die Elfe die Schnittwunden, die sich unterhalb von Miandras Brüsten befanden, zu waschen, mit Alkohol zu desinfizieren und zum Schluss mit einer ihrer heilenden Salben einzureiben. Dabei redete sie die ganze Zeit beruhigend auf die Frau ein, um sie etwas von dem Brennen der behandelten Wunden abzulenken. Sie ging dabei so behutsam vor, wie es ihr möglich war. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Elfe diese Arbeit abgeschlossen hatte. Nun kam Miandras Rücken dran.
Hier musste Vernita die zum Teil bereits verkrusteten Wunden wieder öffnen, um sie richtig versorgen zu können. Damit bereitete sie der Frau wohl zusätzliche Schmerzen, aber es war die einzige Möglichkeit, um etwaige Blutvergiftungen auszuschließen. Auch diese Arbeit führte sie ungewohnt sanft aus. Zum Schluss verband die Elfe Miandra noch. Das war der Moment, als Leanora zurückkehrte und fragte, wie es aussah.
„Ich versorge gerade Miandra, wie Ihr sehen könnt“, entgegnete Vernita, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. „Und wie lief es bei Euch? Alles reibungslos geklappt?“


Nachdem Sareth Rowan beruhigt hatte, schlief sie auch sofort ein. Er löste seine Umarmung vorsichtig und stand von der Liege auf. Er ging zu den Decken, die Vernita ihm gezeigt hatte, und legte Rowan damit behutsam zu. Danach sammelte er seine Tasche ein und ging damit zu dem Elfen, der wohl Azoth hieß, und löste einmal seinen Verband und untersuchte dessen Wunden. Bei genauerem Hinschauen sahen sie sehr tief aus. Er würde sein Leben lang mit Narben herumlaufen müssen, aber sie waren auch nicht tief genug um bleibende Schäden davon zu tragen. Sareth nahm etwas Alkohol und säuberte sich die Hände und danach Azoths Wunden. Zum Glück war der Elf bewusstlos. Desinfektion von Wunden war schmerzhafter als es aussah. Sareth wusste das. Er hatte sich schon des Öfteren selber verarzten müssen.
Danach legte er einen neuen Verband an und deckte den Elf wieder mit seiner Decke zu.
Sareth überblickte schließlich den Raum als er Leanoras Stimme vernahm, und sah wie Vernita trotz seiner Anweisung im Raum umherging. Er ging auf sie zu und zog sie einmal an ihren Arm nach oben und drehte sie um.
„Hatte ich dir nicht gesagt, dass du dich schonen sollst? Entweder du legst dich jetzt sofort wieder freiwillig ins Bett oder ich zwinge dich!“


Vernita war so sehr damit beschäftigt, Miandra zu verbinden und Leanora zu befragen, dass sie Sareth gar nicht bemerkt hatte, welcher inzwischen hinter sie getreten war. Er packte sie am Arm und zog sie auf die Füße, während sie den Körper der schwarzhaarigen Frau gerade etwas anhob, um den Verband darum wickeln zu können. Vor Schreck ließ die Elfe Miandra los, welche auf die Liege zurückfiel. Als Sareth Vernita zu sich umdrehte, lag blanke Wut in ihren Augen.
„Du hast sie wohl nicht mehr alle, was?“ tobte die Elfe böse. „Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin. Willst du, dass sich Miandras Zustand verschlechtert? Lass mich lieber los, bevor ich mich vergesse!“


An ihrer Reaktion sehend, dass Vernita nicht freiwillig ins Bett gehen würde, sah sich Sareth gezwungen zu handeln. Er drehte Vernitas Arm auf den Rücken und mit der anderen Hand drückte er ihr auf den Verband, dort wo er sie gerade eben noch genäht hatte, und ging mit seinen Kopf an ihr Ohr.
„Das sind Schmerzen, die du bekommen könntest wenn du dich mit einer solch zugenähten Wunde hinsetzt. Geschweige denn, dass du dadurch noch länger zum Genesen brauchst oder die Wunde wieder aufreißt.“
Er ging mit ihr in Richtung ihrer Liege und setzte sie dort ab. Er wollte gerade wieder gehen als er sich kurz zu Vernita umdrehte und sie böse ansah. „Ich weiß, dass du ein harter Knochen bist. Aber wenn du nochmal aufsteht werde ich dich ruhig stellen.“
Er wartete kurz um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Um Miandra kümmere ich mich!“


„Ja es ging alles glatt, Vernita“ antwortete Leanora, eher mechanisch. Sie war relativ entsetzt, dass die beiden Streithähne noch immer zankten.
„Ich mische mich nicht gerne ein, aber ihr solltet eure Energie lieber darauf verwenden, gesund zu werden oder den anderen zu helfen, statt zu streiten. Und Vernita, so ungern ich es sage, aber Sareth hat schon recht. Ihr seid verletzt, also ruht Euch aus. Ich bin ja jetzt hier und kann mithelfen. Also legt Euch hin und tut ausnahmsweise mal, was man Euch sagt.“ Sie lächelte Vernita dabei aber freundlich an, damit die Elfe wusste, dass sie es nicht böse meinte. Schließlich hatte sie keine Lust, genau zwischen die Fronten zu geraten, wobei sie das wohl gerade tat.
Sie schüttelte den Kopf. Soviel Sturheit auf einen Haufen hatte sie selten erlebt. Andererseits wusste sie, dass sie gegen eine Mauer sprach. Dennoch verstand Leanora nicht, wieso die Elfe hier so einen Dickkopf hatte. Sie würde sich damit nur selber schaden, aber das würde Vernita wohl wissen.
Noch einmal zuckte Leanora mit den Schultern, und wandte sich zu Miandra. Vielleicht konnte sie einstweilen den Verband ja anbringen, während die beiden weiter stritten.


„Ich habe gesehen, wie du dich um die Verletzten gekümmert hast, Kleiner“, zischte Vernita wütend, wobei sie den Einwand von Leanora einfach ignorierte. „Während sie hier vor sich hin bluten durften, hast du nichts Besseres zu tun gehabt, als dich an Rowan ranzumachen.“
Die Elfe stand langsam auf, während sie ihr Messer zog, welches immer noch in einer kleinen Scheide an ihre Hose hing. Sie ging einen Schritt auf Sareth zu, wobei ihre Augen ihn böse anfunkelten.
„Außerdem entscheide ich allein, wann ich mich zur Ruhe begebe, kapiert? Und das wird keine Sekunde eher sein, bis ich Miandra fertig verbunden habe. Ich habe deine mitfühlenden Hände schon am eigenen Leib zu spüren bekommen, als du mir den Bolzen aus dem Rücken gerissen hast wie ein irrer Bastard. Also, lass mich meine Arbeit beenden, bevor du ebenfalls verbunden werden musst. Das meine ich todernst! Kümmere dich lieber um Lydia!“


Sareth sah die Klinge die Vernita gezogen hatte und reagierte sofort auf ihre aggressive Haltung. Er umfasste die Klinge des Messers mit einer Hand und drückte fest zu. So fest das seine Hand anfing zu bluten. So wollte er verhindern, dass die Elfe irgendwelche Dummheiten damit anstellt. Dann ging er noch näher an sie ran und sah sie mit etwas verrückten Augen an.
„Wie ich mit manchen Menschen umgehe, geht dich überhaupt nichts an! Und du wolltest doch keine ordentliche Behandlung haben. Also jammere hier nicht wie ein zehnjähriges Kind rum das nicht seinen Willen kriegt.“
Er sah sie noch einen Augenblick böse an. Dann ließ er die Klinge los und ging zu Leanora rüber.
„Würdet Ihr bitte Miandra weiter versorgen? Oder würdet Ihr bitte Vernita dabei zur Hand gehen? Denn dem Anschein nach ist sie mit normalem Menschenverstand gerade nicht zu erreichen.“


„Kümmert Ihr Euch um Lydia? Dann helfe ich Vernita“, fragte Leanora Sareth.
Sie blickte Vernita fest in die Augen.
„Und hört endlich auf zu streiten, das bringt doch nichts. Kommt, lasst uns Miandra versorgen. Ich bin auch rechtschaffen müde und will mich dann ein wenig ausruhen.“


Vernita fing an zu lachen, als sie die blutbefleckte Klinge ihres Messers sah. Sie nahm einen der Lappen zur Hand, mit denen Sareth zuvor noch die Wunde der Elfe gesäubert hatte und wischte damit die Waffe ab, bevor sie diese wieder wegsteckte.
„Du bist ja noch durchgeknallter als ich dachte“, lästerte die Elfe. „Erst provozierst du einen Streit mit mir und dann nennst du mich kindisch. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen packst du noch freiwillig in meine Klinge. Und wofür? Wolltest du mir damit deine Männlichkeit beweisen? Oder deinen Hang zur Selbstverstümmelung? Wenn sich hier jemand kindisch benommen hat, dann warst du das. Und das Lustigste daran, du merkst es nicht einmal.“
Vernita wandte sich wieder um und ging zurück zu Miandra, neben die sie sich setzte.
„Aber Ihr habt den Mann gehört, Leanora“, lachte sie weiter. „Kommt her und hebt Miandra etwas an, damit ich sie leichter verbinden kann. Danach können wir uns ja um Lydia kümmern. Es sei denn, unser großes Kind hat was dagegen. Vielleicht macht er sich zur Abwechslung ja mal nützlich und erledigt es selbst.“
Die Elfe lachte immer noch laut, während sie auf Leanora wartete.


Leanora seufzte innerlich auf. Dieser Streit zehrte langsam an ihren ohnehin nicht mehr vorhandenen Nerven. Sie sehnte sich nach etwas Ruhe, sie wollte auch dringend ihre Gedanken ordnen.
Sie ging zu Vernita, hob Miandra vorsichtig hoch, so dass sie verbunden werden konnte.
Mutlosigkeit überkam sie, als sie die schwarzhaarige Frau sah. Hoffentlich würde sie dies überstehen.


„Ich kümmere mich um Lydia. Sie ist bei mir in guten Händen.“ Dabei sah Sareth sich seine blutende Hand an. „Aber vorher verbinde ich mich mal schnell selber.“
Er ging zu seiner Tasche und holte sein Verbandszeug und den Alkohol hervor. Er desinfizierte die Wunde und verband sie sich gleich darauf. Dann nahm er die Utensilien, ging zu Lydia hinüber und nahm sie in Augenschein. Sie hatte ebenfalls viele Verletzungen erlitten, aber sie würde es überleben. In ihrem jungen Körper steckte noch sehr viel Kraft.
Sareth legte seine Hand auf ihre Stirn um zu sehen ob sie Fieber hatte. Die Temperatur war leicht erhöht, aber nicht sehr ernst und so nahm er seine Hand wieder zurück.
Er öffnete die Verbände, die Leanora in Eile angelegt hatte. Er nahm seinen Alkohol und tunkte einen Stofffetzen ein. Dann reinigte er die Wunden der Kleinen damit.
Es dauerte nicht lange und er hatte ihre Wunden gesäubert. Der Söldner legte einen neuen Verband an und deckte sie anschließend noch zu. Er holte eine kleine Phiole aus seiner Tasche und öffnete sie.
Diese hielt er Lydia unter die Nase.
„Hier trink das! Damit geht es dir bald besser!“


Mit Leanoras Hilfe fiel es Vernita wesentlich leichter, Miandra ordentlich zu verbinden. Und schneller ging es zudem auch noch. Innerhalb kurzer Zeit waren die beiden fertig. Sie legten die schwarzhaarige Frau wieder in eine seitlich Lage, so dass diese sich endlich ausruhen konnte. Sie hatte es sich verdient.
Vernita blieb noch einen Moment neben ihr sitzen, wobei sie ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Ein Blick rüber zu Lydia zeigte der Elfe, dass Sareth sich jetzt doch um das kleine Mädchen kümmerte, was Vernitas Gesichtszügen ein Grinsen entlockte.
„Schlaf gut, Miandra“, meinte sie noch, bevor sie aufstand und zu ihrer eigenen Liege zurückging. Dort legte sie sich bäuchlings hin und schloss die Augen. Und innerhalb weniger Augenblicke war sie auch schon eingeschlafen.


Lydia hörte Stimmen und spürte Berührungen. Die Welt flimmerte und wand sich, nichts war fest, es floss wie Wasser, nicht mit dem Auge zu fassen. Sie spürte, wie ihr die Verbände abgewickelt wurden, wie es kalt auf ihrer Brust wurde und doch brannte es wie Feuer.
Sie stöhnte, wollte etwas sagen, doch nichts Verständliches konnte sie ihrer Kehle entlocken. Noch immer fühlte sie sich... andersweltlich, nicht lebendig, doch die Kälte des nahenden Todes war aus ihren Gliedern gewichen, ersetzt durch ein Feuer, welches sie von innen zu schmelzen ersuchte.
Sie blinzelte. Wirklich etwas erkennen konnte sie nicht, doch mit dem nächsten Atemzug sog sie einen stechenden, scharf beißenden Geruch ein. Jemand hielt ihr etwas unter die Nase. Lydia wollte danach greifen, doch ihren Arme versagten ihr den Dienst. Kraftlos sanken sie wieder zurück auf die Decken.
„Wer... seid Ihr?“ brachte sie heraus. „Was... was... wollt Ihr...“


„Ich bin Sareth. Erinnerst du dich? Ich habe dir mein Schwert im Fort gegeben. Du hast damit viele Wachen zur Strecke gebracht. Du warst sehr tapfer.“

Er hielt ihr noch immer die Phiole unter die Nase. „Das hier ist Medizin. Sie wird dir helfen schnell wieder gesund zu werden.“
Sareth half Lydia ein wenig auf, führte die Phiole zu ihrem Mund und kippte ihr etwas Medizin hinein.
„Runter schlucken! Aber langsam. Die Medizin brennt sehr im Hals.“


Lydia trank das Gebräu. Sehr brennen war wohl ein schlechter Scherz seitens Sareth gewesen. Es war schlimmer als flüssiges Blei zu trinken. Sie musste schrecklich husten, wieder und wieder, die Medizin war ekelhaft, es fühlte sich an, als ob sie ihr den Hals zuschnüren würde.
Jedesmal husten flammte ein stechender peinigender Schmerz in ihrer Brust auf, als wären alle Rippen gebrochen. Vielleicht war es auch so. Sie blinzelte und versuchte Sareths Augen zu erkennen.
„Ihr seid es... danke... für alles... für die Hilfe und... das... Schwert...“
Langsam wurde sie schläfrig von dem leichten Fieber, welches jedoch in ihr glühte wie heiße Kohlen. Kraftlos zog sie beide Arme unter die Decke und versuchte sich noch etwas einzuwickeln.


Sareth packte noch seine Phiole mit der Medizin und sein Verbandszeug in seine Tasche. Dann ging er zu der Liege auf der Rowan lag und sah einen Augenblick ihr beim Schlafen zu.
Er strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, legte sich dann vorsichtig zu ihr und umarmte sie. Seine Augen fielen nach kurzer Zeit immer mehr zu. ‚Ich werde sicher gleich einschlafen‘, dachte er sich mit einem Lächeln.


Als endlich alle versorgt waren, holte Leanora ihre Tasche, schnappte sich eine Decke, wickelte sich darin ein und setzte sich auf eine der Matratzen, mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Auf den Boden stellte sie eine Kerze neben sich, die ihr Licht spendete. Dann leerte sie den Inhalt der Tasche aus. Außer ihrem Fächer und der leeren Phiole fielen ihr einige Pergamentrollen in die Hände, ein zerfleddertes Buch, ein Packen Briefe, ein weiteres abgegriffenes Buch und ein kleiner Lederbeutel. Tjarks Inhalt aus dem Geheimfach.
Sie drückte den Lederbeutel an sich, schloss die Augen und sah sein Gesicht vor sich. Leanora spürte ihre Unsicherheit wieder, aber auch die Gefühle, die in ihr ausgelöst wurden. Sie fühlte den Kuss auf ihren Lippen, seine Hände, seine Umarmung, seine Stärke, und kämpfte gegen die Tränen an, die wieder kommen wollten.
Dann holte sie tief Luft, rief sich zur Ordnung und öffnete den ersten Brief…
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Juju

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Anzahl der Beiträge : 1196
Anmeldedatum : 11.04.12
Alter : 24
Ort : Düsseldorf

BeitragThema: Re: Kapitel XVI - Fort Drakon   Fr 20 Jul 2012, 4:31 pm

Uh .... *angenehmer schauer* Das ist genau DAS Kapitel das ich am meisten liebe ... hehe, die Folter von Azoth und Miandra :-)
*remembers back to good times * Banane
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